Serbien Vergangenheitsbewältigung in Serbien: Welche Verbrechen?

Die meisten Serben wissen nicht, oder wollen nicht wissen, dass in ihrem Namen Kriegsverbrechen begangen worden sind. Das wird auch am Berufungsprozess gegen den bosnisch-serbischen Ex-Präsidenten Radovan Karadžić deutlich. Denn er spielt in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie legt die fehlende Vergangenheitsbewältigung in Serbien offen.

von Andrej Ivanji

"Welche Stadt wurde im jugoslawischen Krieg belagert? Keine Ahnung." - "Ist in Srebrenica etwas Bedeutendes passiert? Weiß ich nicht." So oder so ähnlich antwortete der Großteil der befragten Serben in einer kürzlich veröffentlichten Studie des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts "Demostat". Die Studie zeigt, dass siebzig Prozent der Befragten nicht wissen, dass bosnisch-serbische Truppen vom April 1992 bis Februar 1996 Sarajewo belagerten, geschweige denn, dass tausende Granaten auf die bosnische Hauptstadt abgefeuert, rund 11.000 Menschen getötet und 56.000 verletzt wurden.

In der gleichen Meinungsumfrage wussten rund vierzig Prozent der Bürger nicht, dass Srebrenica synonym für einen Massenmord steht, dass bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 in dieser Stadt rund 8.000 muslimische Jungen und Männer systematisch erschossen.

Von den übrigen 60 Prozent, die mitbekommen haben, dass in Srebrenica "irgendwelche" Verbrechen begangen worden sind, glaubten zwölf Prozent, dass dort Serben getötet worden seien.

Keine Vergangenheitsbewältigung

Sarajevo und Srebrenica sind Synonyme für die schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, nur wissen das die meisten Serben nicht - oder wollen es nicht wissen. Die jüngste Meinungsumfrage bestätigt nur, was kritische Stimmen schon wussten: In Serbien gibt es praktisch keine Aufarbeitung der Vergangenheit, man weist grundsätzlich nur auf die Verbrechen der Anderen hin. Die im Namen der Serben begangenen Kriegsverbrechen werden systematisch totgeschwiegen.

Ähnlich sieht es in den Nachbarstaaten aus, die während des Bürgerkrieges aus Jugoslawien entstanden sind: Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina und der Kosovo. Jedes Volk hat seine eigene historische Wahrheit, in der man sich selbst ausschließlich die Opferrolle, den anderen die Rolle des Aggressors zuweist. Diese nach den jeweiligen Nationalitäten unterschiedliche Auffassung der gleichen Geschichte führt immer wieder zu Streit und bilateralen Krisen in der postjugoslawischen Region.

"Antiserbisches" Tribunal

Laut Angaben des UN-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien wurden im Bosnien-Krieg über 100.000 Menschen getötet, davon 68.000 Muslime, 23.000 Serben, 9.000 Kroaten und 5.000 Menschen anderer Nationalitäten. Der ehemalige Oberbefehlshaber der bosnischen Serben, Ratko Mladić (75), wurde vom Tribunal zu lebenslanger Haft verurteilt, der einstige Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadžić (73), zu vierzig Jahren Haft. Karadžić hatte unter anderem den Befehl zur Eroberung Srebrenicas erteilt. Die meisten Serben glauben, das Tribunal sei eine "antiserbische Institution", die Serben in "inszenierten Prozessen" verurteile. Zur Versöhnung in der postjugoslawischen Region hat das UN-Tribunal nicht beigetragen.

Kein Interesse für Karadzić

Am 23. April 2018 erschien Radovan Karadžić vor dem Berufungsgericht des Tribunals. Auf der ganzen Welt sorgte das für Schlagzeilen, jedoch nicht in Serbien. Die Nachricht darüber fand sich auf keiner Titelseite.

Zu Beginn des Berufungsverfahrens bezeichnete Karadžić die Vertreibungen von Muslimen und Kroaten, für die er unter anderem angeklagt wurde, als einen "Mythos". Karadžić meinte, dass er aufgrund von "Witzen und Gerüchten" verurteilt worden sei, dass "Muslime die eigenen Soldaten" in Sarajewo getötet, und dass bosnische Serben "keine Angriffsstrategie" gehabt hätten.

Das Urteil im Berufungsverfahren gegen den früheren bosnischen Serbenführer Karadzic wird Ende März 2019 erwartet.

Späte Zusammenarbeit mit dem Tribunal

Der ehemalige Psychiater und Dichter Karadžić, der zum Kriegsherrn der bosnischen Serben emporstieg, wurde 1995, unter anderem wegen Völkermordes und ethnischer Säuberung, angeklagt. Als es ernst mit seiner Verhaftung wurde, tauchte er unter, ebenso wie General Ratko Mladić.

Nach der demokratischen Wende in Serbien im Jahr 2000 stieg der Druck der EU und der USA auf Serbien, die zwei Kriegsherren ausfindig zu machen und an das UN-Tribunal auszuliefern. Die "volle" Zusammenarbeit mit dem Tribunal war die Bedingung dafür, dass Serbien den EU-Kandidatenstatus bekommt.

Getarnt als Heilpraktiker

2008 wurde Radovan Karadžić in Belgrad festgenommen. Er sah wie ein Weihnachtsmann aus, mit einem grauen Vollbart, grauen langen Haaren und mit einer Brille. Er gab sich als Dr. Dragan Dabić, einen Heilpraktiker, aus. Karadžić versteckte sich nicht in irgendeiner Höhle, er hatte eine Praxis und trat sogar öffentlich auf.

Ratko Mladić wurde 2011 verhaftet und dem Tribunal ausgeliefert, er versteckte sich in einem serbischen Dorf. Ohne Wissen und Unterstützung des serbischen Geheimdienstes hätten die beiden nie so lange in Freiheit bleiben können. Nur, das alles interessiert in Serbien heute kaum jemanden.

Die offizielle Stellungnahme in Serbien ist, dass man in die Zukunft, und nicht in die Vergangenheit schauen sollte. Auch über die schlimmsten, besser gesagt, besonders über die schlimmsten Gräueltaten im Nachkriegseuropa, will man Gras wachsen lassen. Das gilt allerdings nur für die von Serben im Namen des Serbentums begangenen Kriegsverbrechen. An das Leid des serbischen Volkes und an die an Serben begangenen Verbrechen wird in Serbien sehr wohl erinnert. Ähnlich wird die Aufarbeitung des Jugoslawien-Krieges in den Nachbarstaaten behandelt. Auf diese Weise sind regionale Konflikte in der Region für heranwachsende Generationen vorprogrammiert.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 29.11.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 14:12 Uhr

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