Visafreiheit für die Ukraine: Durchgangsstation Polen

Ab 11. Juni dürfen die Ukrainer visafrei in die meisten EU-Länder einreisen. Viele von ihnen werden im Westen eine Arbeit suchen. Polen fürchtet, dass es zu einer Durchgangsstation Richtung Westen wird.

von Monika Sieradzka

Wenn man in der südwestlichen polnischen Grenzgemeinde Medyka lokale Zeitungen aufschlägt, bekommt man sofort einen Blitzkurs in der polnisch-ukrainischen Geschichte. Die Wunden von den gegenseitigen Massakern und Vertreibungen aus den 1940er Jahren sind noch längst nicht geheilt und die Ressentiments prägen noch heute den Alltag.

Gerade wurde in der ukrainischen Grenzregion von unbekannten Tätern eine polnische Schule in Brand gesetzt. In Polen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen polnische Nationalisten, die vor einem Jahr Teilnehmer der ukrainischen Religionsfeier angegriffen haben.

Die polnisch-ukrainische Symbiose

HIO Ukraine Wodka
Beliebt auf dem Grenzbasar in Medyka: Ukrainischer Wodka. Bildrechte: IMAGO

Doch die südpolnische Region Polens und die Westukraine profitieren längst sehr voneinander. Auf dem Grenzbasar von Medyka, einige  hundert Meter vom einzigen Fußgrenzübergang an der EU-Außengrenze, kostet eine Schachtel Zigaretten aus der Ukraine nur 1,50 Euro. Wer Mut und keine Angst vor Gesundheitsrisiken hat, kann hier den ukrainischen Wodka - zwar fraglicher Herkunft, dafür aber zum Spottpreis - bekommen.

In Richtung Ukraine fahren polnische Lebensmittel und alte, doch noch intakte Elektrogeräte, die man den deutschen Recyclingunternehmen abkauft und über ganz Polen bis an die ukrainische Grenze transportiert.

Polen als Transitland

Grenze Polen Ukraine Medyka
Schon jetzt kommen täglich viele Ukrainer über den Grenzübergang Medyka nach Polen. Bildrechte: IMAGO

In den lokalen Geschäften machen die Ukrainer 90 Prozent der Kundschaft aus. Mit dem visafreien Grenzverkehr könnten es noch mehr werden. Darüber müsste Medykas Bürgermeister Marek Iwasieczko eigentlich froh sein. Er ist es aber nicht. "Wir hören, dass sich schon Massen von Menschen auf der anderen Seite der Grenze auf die Reise nach Westen vorbereiten. Doch wir hier werden davon nichts haben. Nur noch mehr Abfall überall. Sie werden alle nach Deutschland und in andere Länder fahren, wo sie mehr verdienen können", sagt er.

Iwasieczko hat nämlich keinen Zweifel daran, dass die Ukrainer den visafreien Verkehr dazu nutzen werden, im Westen Arbeit zu suchen. Zwar ist der visafreie Verkehr in erster Linie für Touristen gedacht, doch Kontakte zu Arbeitgebern kann man auch während der Reise suchen und die Arbeitserlaubnis nachreichen. Alle werden nach Westen reisen und Polen wird zu einer Durchgangsstation, zu einem Transitland, sorgt sich Iwasieczko.

Der Traum vom besseren Leben

In der EU leben heute 2 Millionen Ukrainer, mehr als die Hälfte davon in Polen. Doch dort schließen sie nicht einmal die Lücke, die die in den Westen ausgereisten 2 Millionen Polen hinterlassen haben.

Und obwohl Polen angesichts des Arbeitskräftemangels die Ukrainer wirklich dringend brauchen würde, sorgt eine ausufernde Bürokratie dafür, dass Ukrainer schwer in Jobs kommen. Deshalb meint auch Marta Jaroszewicz vom Zentrum für Oststudien in Warschau, dass die neue Visafreiheit die Ukrainer dazu bringen kann, nicht mehr in Polen, sondern im Westen zu arbeiten. Zumal man in Deutschland etwa mindestens doppelt so viel wie in Polen verdienen kann.

Eine neue Migrationswelle

Diesen Trend bestätigt der Migrationsexperte vom ukrainischen Thinktank CEDOS Andrij Slobodko. Er spricht sogar von einer bevorstehenden Migrationswelle. Die heutige Zahl von 2 Millionen  Ukrainern, die sich legal in der EU aufhalten, könnte weiter steigen:  in den kommenden Jahren um 200.000 bis 300.000. "Langfristig gesehen, könnten bis 2050 bis zu 1,5 Millionen Menschen die Ukraine verlassen", sagt Slobodko.

Reisen mit Hindernissen  

Eine Weltkarte und ein Stempelabdruck mit dem Text: Visum abgelehnt.
Trotz Visafreiheit - nicht jeder darf in die EU einreisen. Bildrechte: Collage: Colourbox.de / Datawrapper / MDR

Doch für viele Ukrainer wird es auch künftig nicht leicht sein, visafrei nach Europa zu reisen. Der Pass alleine reicht nicht. Man wird eine Hotelbuchung und Bargeld oder einem Kontoauszug an der Grenze vorlegen müssen. Vom Reisenden wird nämlich verlangt, dass er seinen Auslandsaufenthalt selbst finanziert. Je nach Land werden unterschiedliche Summen erwartet: von 3,20 Euro pro Tag in Ungarn, über 45 Euro in Deutschland bis 71 Euro in Spanien. Schließlich entscheidet also der polnische Grenzschutz, ob der ukrainische Reisende in die EU einreisen darf. Sollte es viele Zurückweisungen an der Grenze geben, kann Brüssel die Visafreiheit auf Zeit wieder einschränken.

Es könnte eng werden an den Grenzübergangsstellen

Stau am ukrainisch-polnischen Grenzübergang Medyka-Schegini
Fünf bis acht Stunden Wartezeit, um nach Polen einzureisen. Bildrechte: IMAGO

Polnische und ukrainische Behörden schätzen, dass der Grenzverkehr ab 11. Juni um ca. ein Drittel steigen wird. Derzeit passieren etwa am polnisch-ukrainischen Grenzübergang von Medyka-Schegini 33.000 Menschen die Grenze. Fünf bis acht Stunden müssen Ukrainer einplanen, um nach Polen einreisen zu können. Der Grenzschutz gibt sich gelassen. Man sei auf den möglicherweise steigenden Grenzverkehr vorbereitet.

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV auch in: MDR AKTUELL | 09.06.2017 | 17:45 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 09.06.2017)

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2017, 10:27 Uhr

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