Krim
Die neu eröffnete Kertschbrücke - direkte Verbindung zwischen der Krim und Russland. Bildrechte: dpa

Ukraine/Russland Was kostet Russland die Krim-Annexion?

Am Dienstag hat der russische Präsident Wladimir Putin die umstrittene Kertschbrücke eingeweiht, die die Krim mit Russland verbindet. Am Mittwoch wird sie für den allgemeinen Verkehr freigegeben. Mehr als vier Milliarden Euro hat das Großprojekt gekostet. Doch die Investitionen in die Halbinsel, die Russland 2014 annektiert hat, belaufen sich auf weitaus mehr.

von Maxim Kireev

Krim
Die neu eröffnete Kertschbrücke - direkte Verbindung zwischen der Krim und Russland. Bildrechte: dpa

"Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das ganze Land für dieses Projekt gearbeitet hat" – mit diesen Worten eröffnete der russische Präsident Putin am Dienstag die Kertsch-Brücke, die die Krim mit Russland verbindet. Von Dutzenden Kameras begleitet, brauste er wenige Augenblicke später über das imposante Bauwerk. "Diese Bilder hauen einen wirklich um", frohlockte Moderator Artjom Schejnin im russischen Staatssender "Perwyj kanal".

Die umstrittene Brücke soll nicht nur Russlands Machtanspruch auf der Halbinsel zementieren, die sich Moskau 2014 im Zuge der Regierungskrise in der Ukraine einverleibte. Es soll auch zeigen, dass Russland, trotz Sanktionen und Wirtschaftsflaute, in der Lage ist, Großprojekte wie dieses zu stemmen.

Droht die Brücke einzustürzen?

Dabei galt der Bau von Anfang an, nicht nur wegen der russischen Annexion und der ukrainischen Proteste dagegen, als umstritten. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko etwa schrieb auf seiner Facebook-Seite, dass die "Okkupanten die Brücke noch brauchen werden, um von der ukrainischen Krim zu fliehen." Zahlreiche Experten prognostizierten zudem, dass der Brückenbau auch technisch schlicht und ergreifend zu kompliziert sei. Der Boden sei zu schlammig, der Wind zu stark und im Winter würden Eisschollen die Pfeiler beschädigen.

Die größte Gefahr drohe jedoch vor allem nach Erdbeben, die die Brücke zum Einsturz bringen könnten, warnten selbst russische Experten, wie Juri Sewenard, der in den 1990er-Jahren für den Bau des Flutdammes im Finnischen Meerbusen verantwortlich war. Nicht umsonst habe es im 20. Jahrhundert bereits mehrere gescheiterte Anläufe gegeben, die Enge zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer mit einer Brücke zu überwinden. Aus dem Verkehrsministerium hieß es lediglich, man habe über 70 verschiedene  Projekte geprüft und das Beste ausgesucht. Dass der Präsident persönlich über die Brücke fuhr, sollte demonstrieren, dass die Bedenken grundlos sind.

Osteuropa

Ukrainisch-russischer Zankapfel Krim: Ein Jahr Kertsch-Brücke

Am 15. Mai 2018 eröffnete Russland seine Kertsch-Brücke und verschaffte sich dadurch einen direkten Zugang zur annektierten Krim. Die Brücke avancierte sofort zu einem Zankapfel zwischen der Ukraine und Russland.

Russland´s Präsident Vladimir Putin am Steuer eines LKW auf der Kerch Strait Bridge, die die Krim und Russland verbinden wird.
Am 15. Mai 2018 weihte Russland feierlich seine umstrittene Kertsch-Brücke ein. Präsident Wladimir Putin ließ es sich nicht nehmen, als erster über die Brücke zu fahren - in einem orangefarbenen LKW. Ihm folgte ein Lastwagenkonvoi. Ab dem 16. Mai 2018 konnten Autofahrer und Busse die Straße nutzen, ab Oktober 2018 auch LKW. Bildrechte: IMAGO
Russland´s Präsident Vladimir Putin am Steuer eines LKW auf der Kerch Strait Bridge, die die Krim und Russland verbinden wird.
Am 15. Mai 2018 weihte Russland feierlich seine umstrittene Kertsch-Brücke ein. Präsident Wladimir Putin ließ es sich nicht nehmen, als erster über die Brücke zu fahren - in einem orangefarbenen LKW. Ihm folgte ein Lastwagenkonvoi. Ab dem 16. Mai 2018 konnten Autofahrer und Busse die Straße nutzen, ab Oktober 2018 auch LKW. Bildrechte: IMAGO
Blick auf die Krim Brücke
Die Brücke ist eine wichtige Verbindung, denn nach der Annexion der Halbinsel 2014 führt der einzige Landweg zur Krim durch die Ukraine. Und der ist Russland versperrt.
Etwa 19 Kilometer ist die neue Brücke lang - und damit die längste Brücke in Europa. Den bisherigen Längenrekord hielt die Brücke "Ponte Vasco da Gama" in Portugal mit gut 17 Kilometern.
Bildrechte: Infozentr Krymskii Most
Blick auf die Krim Brücke
Die russische Brücke führt über die Meerenge von Kertsch im Schwarzen Meer und verbindet Russland mit der Krim. Russland beansprucht die Halbinsel seit gut fünf Jahren für sich. Die internationale Staatengemeinschaft erkennt das nicht an. Bildrechte: Infozentr Krymskii Most
Bau einer Brücke
2016 begannen die Bauarbeiten an der Brücke; mehr als 10.000 Arbeiter schufteten laut russischem Staatsfernsehen "rund um die Uhr". Ganz fertig ist sie bis heute jedoch noch nicht. Die parallel zur Fahrzeugtrasse verlaufende Brücke für den Zugverkehr wird voraussichtlich erst Ende 2019 eingeweiht. Bildrechte: dpa
Krim
Arbeiten in luftiger Höhe: 35 Meter über dem Meeresspiegel "schwebten" die beiden Stahlbögen, die den Straßen- und Schienenverkehr über den Schiffsverkehr in der Meerenge von Kertsch hinwegheben. Bildrechte: dpa
Vladimir Putin unterhält sich mit mehreren Arbeitern.
Kremlchef Putin inspizierte im März 2018 die Bauarbeiten am Jahrhundertprojekt und meinte, es sei  wünschenswert, wenn die Leute schon zur Sommersaison über die Brücke fahren könnten. Die ursprüngliche Eröffnung war für Dezember 2018 geplant. Doch früher als geplant wurde die Brücke seit Mai 2018 für den Autoverkehr freigegeben. Bildrechte: dpa
Krim
Segen von "ganz oben" bekam die Brücke auf die Krim schon im vergangenen Herbst, auf dass das Bauwerk erfolgreich zu Ende geführt werden möge. Die Orthodoxe Kirche spielt in Putins Russland eine staatstragende Rolle. Bildrechte: IMAGO
Vermummter Soldat
2014 hatten Truppen ohne Hoheitsabzeichen strategisch wichtige Punkte auf der Krim besetzt. Wenige Wochen später gliederte Russland – nach einem fragwürdigen Referendum unter der Krimbevölkerung – die Halbinsel in die Russische Föderation ein. Bildrechte: dpa
Krim
"Zwei Küsten – eine Geschichte", unter diesem Titel zeigte 2018 eine Ausstellung in Russland Fundstücke, die Taucher vom Grund der Meeresenge von Kertsch geborgen hatten, bevor die Bauarbeiten an der Brücke begannen. Der Titel schien Programm - und unterstrich den russischen Anspruch auf die ukrainische Halbinsel Krim noch einmal. Bildrechte: dpa
Krim
Geborgen wurde auch dieses sowjetische Kampfflugzeug, das mutmaßlich 1943 über der Meerenge von Kertsch abgestürzt war. Die Region war im Zweiten Weltkrieg zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion schwer umkämpft. Bildrechte: IMAGO
Blick auf die Seestraße von Kertsch mit Brücke.
Für die ukrainische Schifffahrt hat die Kertsch-Brücke seit der Einweihung verheerende Auswirkungen. Zum einen können nur relativ niedrige Schiffe die Brücke unterqueren, zum anderen behindert Russland die ukrainischen Schiffe massiv. Ganz erheblich wurde der Schiffsverkehr zeitweise im November 2018 von Russland gestört, als ein Tanker direkt unter der Kertsch-Brücke positioniert wurde. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Ein Schiff im Seehafen von Mariupol
Die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk verzeichnen seit Einweihung der Kertsch-Brücke einen dramatischen Rückgang ihrer Umsätze. Etwa ein Drittel der Schiffe erreicht die beiden Häfen nicht mehr (im Bild: Hafen von Mariupol). Bildrechte: IMAGO
Schiffe der ukrainischen Marine, die sich laut russischen Angaben in russischem Hoheitsgebiet befinden.
Am 25. November 2018 kam es in der Straße von Kertsch zu einem dramatischen Zwischenfall: Die russische Küstenwache verweigerte ukrainische Patrouillenbooten die Durchfahrt und rammte eines der Schiffe. Später wurden die ukrainischen Schiffe aufgebracht und deren Besatzung festgesetzt. Der damalige ukrainische Präsident Poroschenko rief daraufhin das Kriegsrecht aus. Bildrechte: dpa
Krim-Brücke über die Straße von Kertsch
Mittlerweile hat sich die Lage wieder etwas entspannt, die Meerenge von Kertsch ist jedoch weiterhin ein steter Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine, denn an der Behinderung ukrainischer Schiffe vor der Brücke von Kertsch hat sich nichts geändert.
(Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV, am 17.03.2017, 17:45 Uhr.)
Bildrechte: dpa
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Osteuropa

Blick auf die Krim Brücke
Russland eröffnet heute feierlich seine Brücke zur Krim. Eine wichtige Verbindung, denn nach der Annexion der Halbinsel 2014 führt der einzige Landweg zur Krim durch die Ukraine. Und der ist Russland versperrt.
Etwa 19 Kilometer ist die neue Brücke lang - und damit die längste Brücke in Europa. Den bisherigen Längenrekord hielt die Brücke "Ponte Vasco da Gama" in Portugal mit gut 17 Kilometern.
Bildrechte: Infozentr Krymskii Most

Großes Zuschussgeschäft für Russland

"Man werde Bauwerke wie die Brücke in ganz Russland errichten", versprach Putin bei der Einweihung der Brücke. Damit wollte er klarstellen, dass nicht nur in die Krim Geld gesteckt wird. Tatsächlich jedoch investiert Russland Milliarden Euro in die Halbinsel – nicht nur in die Infrastruktur, sondern auch in den Haushalt.

Tawrida-Autobahn
Ein Großprojekt auf der Krim: Die Tawrida-Autobahn. Bildrechte: IMAGO

Allein der Bau der Brücke hat mehr als drei Milliarden Euro gekostet. Mindestens eine weitere Milliarde Euro fließt zudem in den Bau von Zubringerstraßen. Die neue Tawrida-Autobahn, die die Brücke mit den Großstädten Simferopol und Sewastopol verbinden soll, kostet mehr als zwei Milliarden Euro. Die Fertigstellung der gut 200 Kilometer langen Trasse ist für 2020 angekündigt.

Tief in die Tasche greifen mussten die Regierenden in Moskau auch für den Bau eines neuen Flughafenterminals in Simferopol und zwei neuer Gaskraftwerke in Simferopol und Sewastopol, deren Kosten sich auf etwa 1,5 Milliarden Euro belaufen. Insgesamt summieren sich die Großinvestitionen auf sieben bis acht Milliarden Euro. Hinzu kommt, dass die Krim zusammen mit der Stadt Sewastopol nach offiziellen Angaben mehr als vier Milliarden Euro an Zuschüssen aus dem föderalen Haushalt bekommen hat. Dieses Geld aus Moskau finanziert etwa zwei Drittel der Haushaltsausgaben der Halbinsel.

Die Wirtschaft profitiert noch nicht

Zwar freuen sich die Hotelbesitzer über die neue Brücke, schließlich gehen die meisten davon aus, dass der Touristenstrom auf die Halbinsel mit der Fertigstellung der Brücke zunimmt. Bis die Wirtschaft vollends von der neuen Infrastruktur profitieren kann, wird jedoch noch einige Zeit vergehen. So dürfen Lkw die Brücke noch nicht befahren. Und auch der Brückenteil für die Züge befindet sich mitten im Bau. Die Fertigstellung ist erst für das kommende Jahr vorgesehen. Autofahrer von der russischen Schwarzmeerküste dürfen dagegen bereits jetzt die neue Strecke ausprobieren. Anders als der Präsident im Lkw müssen sich die Fahrer dann allerdings anschnallen. Schließlich dürfte die Polizei, die die Strecke mit zahlreichen Kameras und Radarfallen kontrollieren wird, mit gewöhnlichen Fahrern nicht so wohlwollend umgehen wie mit Wladimir Putin, der bei seiner Jungfernfahrt vor laufenden Kameras die Gurtpflicht einfach ignorierte.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 17.03.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2018, 09:02 Uhr