Polen Politik der rechtspopulistischen PiS rüttelt die Zivilgesellschaft wach

Wohl selten haben die Polen so bereitwillig ihre Portemonnaies für Spenden geöffnet wie dieser Tage. Als die Regierung zum Beispiel die Zuschüsse für das Danziger Solidarność-Zentrum kürzen wollte, brachte eine Aktion das fehlende Geld in Rekordzeit zusammen. Die Spender stellten sich damit offen gegen den Plan der Regierung, mehr Einfluss auf die Interpretation der jüngsten polnischen Geschichte zu nehmen. Nur ein Beispiel für das Erstarken der Zivilgesellschaft in dem PiS-regierten Land.

Am letzten Tag seines Lebens läuft der Danziger Oberbürgermeister Paweł Adamowicz mit einer bunten Spendendose in den Straßen seiner Stadt herum, sammelt Geld für die Ausstattung der unterfinanzierten Krankenhäuser.

Das war sein Beitrag zur bekanntesten polnischen Spendenaktion "Großes Orchester der Weihnachtshilfe" (WOŚP), die seit 27 Jahren das polnische Gesundheitswesen unterstützt. Am Abend des 20. Januar, als Adamowicz zusammen mit tausenden Menschen den Abschluss der Aktion feiert, wird er auf offener Bühne angegriffen und stirbt wenig später an seinen Verletzungen.

Spontane Spendenaktionen

Am nächsten Tag startet die WOŚP-Freiwillige Patrycja Krzymińska auf Facebook die Aktion "Lass uns die letzte WOŚP-Dose des Bürgermeisters füllen". Am Ende kommen fast vier Millionen Euro zusammen. Die hohen Spenden sind eine Art letzte Sympathiegeste für den ermordeten Politiker.

Als kurz danach bekannt wird, dass die Regierung Geldmittel für das Europäische Solidarność-Zentrum in Danzig kürzen will und dass dadurch die bekannte Institution um ihre Existenz kämpfen muss, nutzt Krzymińska wieder ihre Kanäle in den Sozialen Medien, um Geld zu sammeln.

Das Solidarność -Zentrum war eine Herzensangelegenheit des ermordeten Bürgermeisters. Die Attacke auf das Lebenswerk von Adamowicz kurz nach seinem Tod wurde von vielen Polen als geschmacklos empfunden. Innerhalb von 36 Stunden landen auf dem Spendenkonto sieben Millionen Euro, 40 Prozent des Jahresetats des ECS. Eine Summe, die die fehlenden Staatssubventionen vollständig ersetzen konnte.

Jerzy Owsiak und Patrycja Krzyminska
Jerzy Owsiak (links) ist in Polen ein altbekannter Akteur der Zivilgesellschaft, Patrycja Krzyminska wurde jüngst mit ihren Spendenaktionen landesweit berühmt. Bildrechte: imago/Eastnews

Solidaritätsgesten mit politischem Hintergrund

Krzymińska ist über die Erfolge ihrer beiden letzten Spendenaktionen selbst überrascht, obwohl sie in der Wohltätigkeit viel Erfahrung hat. Die 32-jährige Schneiderin lebt zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Danzig. Die Familie sammelt für Obdachlose, den Kindern wird schon ganz früh beigebracht, dass sie etwa regelmäßig Spielzeug in Kinderheime bringen. Sie ist stolz auf ihre beiden Aktionen. "Ihr habt angefangen zu glauben, dass Eure Hilfe etwas bewirken kann!", mobilisiert die inzwischen landesweit bekannte Frau ihre wachsende Anhängerschar im Selfie-Video.

Der autoritäre Staat mobilisiert die Bürger

Pawel Marczewski
Pawel Marczewski, Soziologe bei einer Nichtregierungsorganisation Bildrechte: Pawel Marczewski

Der Soziologe Paweł Marczewski von der Batory-Stiftung in Warschau sieht die spontane Spendenaktion für das Danziger Solidarność-Zentrum als einen Beweis für die "Belebung der Zivilgesellschaft" in Polen. Er spricht von einem "paradoxen Effekt", den der autoritäre Stil der PiS auf die bürgerlichen Aktivitäten habe. Je mehr der Staat in verschiedene Lebensbereiche eingreife, desto mehr Freiheit möchten sich die Bürger einräumen.

Unter der PiS-Regierung wird die Zivilgesellschaft in Polen immer stärker.

Paweł Marczewski, Soziologe der Batory-Stiftung in Warschau

Im Fall des Danziger Solidarność-Zentrums sei "das Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Mobilisierung ein Resultat dessen, dass die Regierung überall ihre Finger im Spiel haben möchte", gewesen. Denn parallel zum Geldentzug wollte die PiS mehr eigene Gefolgsleute in die Entscheidungsgremien bringen und damit die Interpretation der neuesten Geschichte Polens beeinflussen. Das wollten die Danziger nicht zulassen, durch ihr Geld kann das Zentrum weiterhin unabhängig arbeiten.

Auch Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Bürgerinitiativen unter der PiS-Regierung gewachsen ist.

Das ist einerseits positiv, weil es den Organisationen Kraft gibt und den Menschen bewusst macht, dass sie in der Lage sind, sich zu organisieren und gemeinsam Probleme zu lösen, die der Staat manchmal nicht lösen kann. Doch es ist auch ein Signal, dass es um den Staat nicht gut bestellt ist.

Paweł Marczewski, Soziologe der Batory-Stiftung in Warschau

Geld sammeln für kranke Kinder

Nach den beiden großen Erfolgen hat Patrycja Krzymińska auf Facebook inzwischen eine neue Aktion gestartet. Unter dem Motto "Das Orchester des Herrn Bürgermeister" sammelt sie wieder Geld, diesmal für kranke Kinder. Am sogenannten "Fetten Donnerstag", dem letzten Karnevalsdonnerstag, an dem die Polen der alten Tradition folgen und haufenweise Pfannkuchen essen, begrüßt Krzymińska ihre Facebook-Freunde folgendermaßen:

Hallo, ich sehe, Ihr seid schon wach. Verzichtet heute auf einen Pfannkuchen und spendet für Artur!

Patrycja Krzymińska auf Facebook

Artur, dem sie dieses Mal helfen will, ist elf Jahre alt und wurde mit einem unterentwickelten Hüftgelenk geboren. Damit er sein Bein nicht verliert, muss er operiert werden - in den USA für rund 120.000 Euro. Im polnischen Gesundheitswesen fehlt es an Geld, Know-how und Ärzten für die Behandlung schwieriger medizinischer Fälle wie bei Artur. Spendenaufrufe für die Behandlung von Kranken sind in Polen nicht ungewöhnlich.

Im Fall von Artur kann die Danzigerin Krzymińska erneut viele Landsleute zu einer Spende bewegen. In den ersten Tagen kamen bereits 15.000 Euro für Artur zusammen.


Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im Radio: 16.02.2019 | 11:15 Uhr

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