Zofia Posmysz Bildrechte: Monika Sieradzka

Polen Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz: "Hassgefühle kenne ich nicht"

Zofia Posmysz setzt sich in ihrer 1959 entstandenen Erzählung "Die Passagierin" mit den eigenen Erfahrungen in Auschwitz auseinander. Am 8. März wird die gleichnamige Oper, die auf der Erzählung basiert, von den Bühnen der Stadt Gera aufgeführt. Die heute 95-jährige Autorin hatte damals in den SS-Leuten auch das Menschliche gesucht. Ostbloggerin Monika Sieradzka sprach mit Zofia Posmysz.

Zofia Posmysz Bildrechte: Monika Sieradzka

Frau Posmysz, Sie sind oft in Deutschland, in letzter Zeit auch in Zusammenhang mit den Aufführungen der Oper "Die Passagierin", der ihre gleichnamige Erzählung zugrunde liegt. Denken Sie bei jedem Besuch Deutschlands an Ihre Zeit in Auschwitz?

Eher selten. Aber wissen Sie, ich habe keine negativen Gefühle gegenüber den Deutschen. Ich wurde so erzogen, dass ich Hassgefühle nicht auslebe. Ich hatte immer die Tendenz, in jedem Menschen das Gute zu sehen. So hat man es mir beigebracht. Und so wurde auch jeder Mensch gut zu mir. Ich glaube, dass ich auch deshalb überlebt habe. Und dank meines tiefen Glaubens an Gott.

In Ihrer Erzählung "Die Passagierin“ hat die Protagonistin, eine Lageraufseherin, auch ein menschliches Gesicht. Haben Sie auch in den SS-Leuten das Gute gesehen?

Es gab SS-Leute und Aufseher, die nur darauf warteten, jemanden zusammenzuschlagen oder auch zu töten. Doch nicht alle waren Verbrecher. Ich lernte nach drei Jahren im Lager die SS-Leute in drei Kategorien von Menschen zu unterteilen: Diejenigen, die Mörder und Sadisten waren. Die zweite Kategorie waren Menschen, die sich strikt an die Regeln hielten, Beamte, die bei jedem Regelbruch einen Bericht schrieben, genau wie meine Aufseherin. Und als drittes diejenigen, die auch mal ein Auge zudrückten oder von einer Bestrafung absahen. Die gab es freilich nur selten. Aber immerhin - es gab sie.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die Küchenaufseherin hat uns wie Menschen behandelt. Ich habe sie einmal um Zucker für die Kinder gebeten. Laut hat sie gesagt: "Ich darf das nicht, das ist streng verboten!" Aber dann hat sie die Speisekammer aufgeschlossen und geflüstert: "Lass Dich bloß nicht erwischen."

War der Gedanke an den Tod alltäglich?

Wir waren tatsächlich jeden Tag mit dem Tod konfrontiert. Jeder Tag war eine Bedrohung: Selektion, Krankheit, Typhus, Läuse.

Es waren 14 Jahre seit dem Kriegsende vergangen, als Sie 1959 über Ihre KZ-Erfahrungen zu schreiben begannen. Was war der Auslöser?

KZ Auschwitz-Birkenau
KZ Auschwitz-Birkenau Bildrechte: dpa

Damals arbeitete ich beim Polnischen Rundfunk. Als die polnische Fluggesellschaft zum ersten Mal Paris anflog, wurde ich beauftragt, eine Reportage über die neue Fluglinie zu schreiben. In Paris hatte ich einige Stunden Zeit und fuhr in die Stadt. Auf dem Place de la Concorde spielte Musik und die Menschen amüsierten sich. Plötzlich hörte ich eine Frauenstimme: "Erica, komm, wir fahren schon!" Ich versteinerte. Es war die Stimme von Anneliese Franz, meiner Aufseherin aus dem KZ Auschwitz. Ich erstarrte. Nach einer Weile drehte ich mich vorsichtig um und war erleichtert. Es war eine andere Frau. Ich kam völlig verwirrt nach Polen zurück. Ich erzählte meinem Mann von dem Erlebnis und er riet mir, darüber zu schreiben. Die Idee zu "Die Passagierin" war geboren.

Was wäre passiert, wenn Sie die Aufseherin wirklich getroffen hätten?

Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt. Und ich habe keine Antwort darauf gefunden.

Einige Jahre nach der Veröffentlichung von "Die Passagierin" wurde die Erzählung ins Deutsche übersetzt und Sie wurden nach Ost-Berlin eingeladen. Wie erlebten Sie diese Reise?

Die Kollegen in der DDR waren sehr höflich. Und sie gingen mit mir behutsam um, wie mit einem kranken Menschen. Sie fragten, ob ich an irgendwelchen Kulturdenkmälern in der DDR interessiert sei. Aber ich kannte gar keine Kulturobjekte. Ich antwortete, dass ich das ehemalige KZ Sachsenhausen besuchen möchte. Sie hatten Angst vor dieser Reise, aber ich hatte noch mehr Angst. Im KZ sah ich eine Tafel mit den Namen der Professoren von der Krakauer Jagiellonen-Universität, die in Sachsenhausen ermordet worden waren. Ich versteckte mich dahinter und weinte. Ich stellte mir die Frage, ob sich meine deutschen Begleiter wohl als Täter fühlen.

Die Oper nach Ihrer Erzählung entstand bereits 1968. Die Musik schrieb der polnische Komponist Mieczysław Weinberg. Doch erst mehr als 40 Jahre später wurde die Oper uraufgeführt. Warum?

Die Uraufführung der Oper sollte in den 70er-Jahren in Moskau stattfinden, aber die sowjetische Kulturministerin sagte damals, dass in der Oper ein "abstrakter Humanismus" herrsche. Man fürchtete außerdem wohl, dass die Zuschauer Vergleiche zwischen den deutschen Konzentrationslagern und dem sowjetischen Gulag anstellen könnten. Und dann habe ich halt so viele Jahrzehnte warten müssen, bis die Oper endlich 2010 in Bregenz uraufgeführt wurde.

Späte Berühmtheit Im kommunistischen Polen wurde die Oper "Die Passagierin" ebenfalls nicht aufgeführt. Der Grund dafür ist Zofia Posmysz nie genannt worden. Allerdings wurde die Erzählung von Zofia Posmysz verfilmt. 1963 kam der Film in die polnischen Kinos. Nach der Uraufführung der Oper in Bregenz wurde sie in Opernhäusern auf der halben Welt aufgeführt - in England, Deutschland, Russland, den USA und endlich auch in Polen. Die 1923 in Krakau geborene Zofia Posmysz, die zahlreiche Romane, Erzählungen und Hörspiele schrieb, genießt ihre späte Berühmtheit.

Sie treffen sich häufig mit Jugendlichen, um über Ihre Erfahrungen im KZ zu erzählen...

Als ich zum ersten Mal als Zeitzeugin im Begegnungszentrum in der Nähe des ehemaligen KZ Auschwitz einen Vortrag hielt, herrschte eine unglaubliche Stille. Alle starrten mich an, obwohl ich keine Dinge erzählte, die diese jungen Menschen nicht hätten wissen können. Nach dem Treffen kam eine junge Frau auf mich zu und dankte mir. Plötzlich brach sie in Tränen aus und bat mich um Verzeihung. Wofür? Sie erklärte mir, dass der Bruder ihres Vaters SS-Mann gewesen war. Für ihn entschuldigte sie sich. Das hatte mich sehr bewegt. Seitdem nehme ich jede Einladung an, wenn ich es nur irgendwie einrichten kann.

"Die Passagierin" am Theater Gera Die Oper "Die Passagierin" erlebt am Freitag, dem 8. März 2019, ihre Premiere am Theater Gera. Bis zum 19. Mai 2019 sind weitere fünf Aufführungen geplant.

Kann Kunst dabei helfen, die Geschichte nicht zu vergessen?

Das ist für mich das Wichtigste: Dass die Erinnerung an die Schrecken lebendig bleibt – auch dank der Oper, dank der Musik. Das ist meine größte Hoffnung.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Zeitreise spezial: Zeugen des Holocaust" MDR | 27.01.2019 | 22:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2019, 12:20 Uhr

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