Digitalwirtschaft Polnische Startups suchen deutsche Investoren

Polens Startup-Szene boomt. Doch viele Gründer haben mit alten Klischees und fehlendem Kapital zu kämpfen. Eine Initiative wirbt daher gezielt um ausländische Geldgeber, insbesondere in Deutschland.

von Alexander Hertel

Mann mit Brille hockt vor Robotermodell.
Der Unternehmer Dariusz Mańkowski baut in Warschau autonome Transportroboter. Für die teure Entwicklung ist er auf Fördermittel und Investoren angewiesen. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Zufrieden beobachtet Dariusz Mańkowski, wie der mannshohe Blechkasten auf ihn zurollt, vor ihm stoppt und die Richtung ändert. Dann rollt er weiter. "Wir stellen lediglich ein, wie und in welchen Bereichen sich der Roboter bewegen darf. Den Rest macht er dann automatisch", erklärt Mańkowski.

Er ist Gründer und CEO von "United Robots", einem kleinen Robotik-Startup im Westen der polnischen Hauptstadt Warschau. Der noch namenlose Blechkasten, der durch Mańkowskis Büro rollt, ist der Prototyp des Unternehmens: ein autonomer Transportroboter, der in Logistikzentren selbstständig Lasten transportieren soll.

Anschubfinanzierung aus eigener Tasche

2021 will Mańkowski die ersten Serienmodelle ausliefern. Bis zu 1.000 Kilogramm sollen sie ohne menschliche Hilfe transportieren können. Die polnische Post zeigt bereits Interesse, auch ein Logistikunternehmen plant ein Pilotprojekt mit Mańkowskis Robotern. Doch bis dahin braucht der Prototyp noch viel Arbeit - und das Unternehmen Geld. Eine sechsstellige Summe hat die Entwicklung bereits gekostet.

"Das meiste Geld, dass in der Firma steckt, ist unser eigenes", sagt Mankowski. Fördermittel von der EU oder der polnischen Regierung gebe es zwar auch, an die zu kommen sei aber kompliziert: "Früher brauchte man nur eine Idee oder einen Blueprint. Heute braucht man einen Businessplan und zumindest einen Prototyp. Aber es kostet viel Geld, einen Prototyp zu bauen."

Fehlendes Geld hemmt Entwicklung

Maciej Kołtoński hört fast täglich solche Klagen polnischer Gründer. Der 32-jährige ist Kommunikationschef von "Startup Poland". Die Denkfabrik wurde 2014 von 150 polnischen Startup-Unternehmern gegründet und soll polnische Gründer unter anderem besser mit potentiellen Investoren vernetzen.

Denn die meisten Startups greifen neben Fördermitteln auf privates oder staatliches Risikokapital zurück. Für diese "Venture Capital" (VC) genannten Investitionen von externen Geldgebern gibt es klassischerweise vier Investmentrunden mit unterschiedlich viel Geld. In den ersten drei Runden geben die Investoren Geld für die Entwicklung eines Produkts oder Geschäftsmodells, maximal eine Millionen Euro. In der vierten Runde gibt es Geld, um sich dann auf dem Makrt zu etablieren.

"Nach der dritten Runde ist in Polen aber Schluss. Man kann hier maximal eine Million Euro bekommen. Danach muss man im Ausland nach Geldsuchen", erklärt Maciej Kołtoński. Für viele Ideen sei eine Millon Euro Anschubfinanzierung aber schlicht zu wenig. Und Ideen gibt es genug in Polen. 3.000 bis 3.500 Startups gibt es insgesamt, schätzt Kołtoński. Ein Großteil davon beschäftigt sich mit boomenden Digitalmärkten, entwickeln zum Beispiel Apps für das digitale Bezahlen im Internet.

Junger Mann posiert mit verschränkten Armen vor leuchtendem Schriftzug in einem Büroflur.
Der Kommunikationschef der Denkfabrik "Startup Polska", Maciej Kołtoński, versucht, polnische Startups und ausländische Investoren zusammenzubringen. Im Warschauer Coworking Space "Hub Hub" empfängt er internationale Besucher. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Vorurteile lassen Investoren zögern

Unternehmen aus diesen Sektoren sind wie gemacht für ausländische Investoren, die ihr Geld in zukunftsträchtige Technologien investieren wollen, sagt Maciej Kołtoński. "Wir warten im Prinzip nur auf sie. Wenn die hiesigen Investitionsmittel von einer Million ausgeschöpft sind, dann ist das der Moment für ausländische Investoren oder Unternehmen. Sie können sich dann hier die besten Startups rauspicken, die wir haben."

Doch bei Gesprächen mit potentiellen Geldgebern stößt Kołtoński regelmäßig auf Skepsis: "Alles hängt mit dem Außenbild Polens zusammen. Es gibt diese alten Vorurteile, wenn es darum geht hier Geschäfte zu machen und zu investieren." Das hartnäckige Klischee vom rückständigen Ostblockland halte sich insbesondere beim größten Handelspartner Polens – in Deutschland.

Deutsche Besucher überrascht von Warschau

Dabei ist Polen dem großen Nachbarn in vielen Bereichen der digitalen Entwicklung längst voraus. Denn während selbst in deutschen Großstädten noch Funklöcher existieren, ist Polen nahezu komplett mit LTE abgedeckt. Und während ausländische Touristen in Berlin regelmäßig an nicht akzeptierten Kreditkarten und fehlenden Geldautomaten verzweifeln, kann man in Warschau nahezu überall kontaktos per Handy bezahlen.

Doch Deutschland sein wichtig für die polnischen Startups, sagt Maciej Kołtoński: "Es ist einer der Hauptmärkte, auf die unseren Unternehmen abzielen". Deswegen lädt Startup Poland deutsche und andere Investoren nun gezielt nach Polen ein, um die Vorurteile abzubauen. "Die Besucher sind meist total überrascht davon, wie modern Warschau ist. Dann zeigen wir ihnen die Lösungen polnischer Startups. Und die überraschen sie noch mehr", sagt Kołtoński.

Deutsche Investoren aus der Deckung holen

Und ein deutscher Investor kann für ein polnisches Startup den Durchbruch bedeuten. So fand ein IT-Unternehmen aus Warschau einen deutschen Unternehmer mit polnischen Wurzeln, der in die Firma einstieg, erinnert sich Kołtoński: "Als sie den hatten, waren sie einen Monat später auf dem deutschen Markt."

Auch United Robots-Gründer Dariusz Mańkowski schielt bereits gen Westen: "Wir wollen definitiv auf andere Märkte expandieren, etwa nach Großbritannien und Deutschland." Bei Konferenzen stoße er bereits auf positive Reaktionen, wenn auch in anderen Ländern als Deutschland: "Vergangenes Jahr war ich in den Niederlanden. Das wussten bereits viele, dass es in Polen kluge Leute gibt, die innovative Produkte herstellen können."

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Oktober 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2019, 05:00 Uhr