OP-Saal
Bildrechte: MDR/Annett Müller

Versorgungsnotstand Ärztemangel in Rumänien: Wer bleibt, stirbt eher?

Rumänien gehen die Mediziner aus. Die rumänische Ärztekammer schlägt deswegen seit Jahren Alarm, doch den überhört die Politik gleichmütig. Schätzungen zufolge sind seit dem EU-Beitritt 2007 rund 14.000 Ärzte aus Rumänien ausgewandert. Für das osteuropäische Land bedeutet dieser Verlust an Humankapital einen Notstand bei der medizinischen Versorgung. Davon betroffen sind vor allem die Bewohner in den ländlichen Gebieten. Wer in der Provinz lebt, für den kann es schnell um Leben und Tod gehen.

OP-Saal
Bildrechte: MDR/Annett Müller

Erst kürzlich machte unter rumänischen Facebook-Nutzern ein Foto die Runde: Es zeigte einen auf einem Stuhl eingeschlafenen Arzt - heimlich von einem Patienten fotografiert. "Das sind unsere menschenunwürdigen Bedingungen im Gesundheitssystem", wurde auf Facebook kommentiert und das Foto unzählige Male geteilt.

Nur jede zweite Arzt-Stelle besetzt

Erschöpfte Mediziner kann man in rumänischen Krankenhäusern allerorten finden. 26.000 Ärzte wären laut rumänischem Gesundheitsministerium in den Spitälern vonnöten, lediglich die Hälfte aller nötigen Stellen kann besetzt werden. Die andere Hälfte der Krankenhausärzte ist nach Westeuropa ausgewandert, um das Fünf- bis Zehnfache ihres rumänischen Gehaltes verdienen zu können. Doch die Ärzte flüchten nicht nur scharenweise in den Westen, sie kehren auch der Provinz den Rücken. Nicht, dass sie in rumänischen Großstädten mehr Geld verdienen könnten. Als Staatsbedienstete werden sie landesweit tariflich ähnlich bezahlt. Doch vor allem die jungen Mediziner wollen in den besser ausgestatteten Universitätskliniken mit renommierten Kollegen arbeiten und Karriere machen.

Eine Frau wartet auf einer Bank in einem Flur
Weit und breit kein Arzt: Alltag in den Krankenhäusern in der rumänischen Provinz. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Die zahlreichen Krankenhäuser auf dem Land haben das Nachsehen. An Patienten mangelt es ihnen nicht, fast 40 Prozent der rumänischen Bevölkerung lebt auf dem Lande. Wer sich als Arzt weiter für eine Arbeit in einem Kreiskrankenhaus entscheidet, wird förmlich doppelt bestraft. Er verdient im EU-Vergleich nicht nur ein mickriges Gehalt, sondern arbeitet oft auch für zwei. Die Folge der Mangelwirtschaft sind nicht nur übermüdete Mediziner, sondern auch lange Wartezeiten auf eine Behandlung.

Rumänien investiert zu wenig ins Gesundheitssystem

Spritzen
In rumänischen Krankenhäusern kann nicht aus dem Vollen geschöpft werden. Es mangelt auch an der Ausstattung. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Die katastrophalen Zustände kommen nicht von ungefähr: Kein Land der EU investiert so wenig in sein Gesundheitssystem wie Rumänien: Im Jahr 2014 waren es etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Im Vergleich: Deutschland gab im vorigen Jahr rund zwölf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Gesundheitsleistungen aus. In den regionalen Krankenhäusern in Rumänien mangelt es nicht nur dramatisch an Personal, sondern auch an Ausstattung – angefangen vom kostenintensiven Computertomopgrafen bis hin zur einfachen OP-Nadel. "In der Provinz therapiert man mit dem Ausrüstungsstand von vor 20 Jahren", sagt der Chef der rumänischen Ärztekammer (CMR), Gheorghe Borcean. Hinzu kommt: Viele staatliche Provinz-Kliniken sind hoffnungslos überschuldet, da sie keinen Patienten ablehnen dürfen, auch nicht die ohne Versicherung. Die Kosten aber haben sie selbst zu schultern.

Ärztekammer: Regionalverwaltungen sollen Ärzte zum Bleiben bewegen

Gheorghe Borcean, Vorsitzender der rumänischen Ärztekammer CMR
Der Vorsitzende der rumänischen Ärztekammer (CMR), Gheorghe Borcean, bemüht sich, die Regionalverwaltungen ins Boot zu holen. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Angesichts dieser Situation schlägt die rumänische Ärztekammer CMR seit Jahren Alarm. "Und jeder, der heute an einer medizinischen Fakultät in Rumänien beginnt, trägt sich mit dem Gedanken, wegzugehen", gibt sich Borcean keinen Illusionen hin. Jährlich werden im osteuropäischen Land Tausende Nachwuchsärzte ausgebildet. Allein rund 14.000 von ihnen haben seit dem EU-Beitritt das Land verlassen. Den volkswirtschaftlichen Schaden dieses Aderlasses beziffert die rumänische Ärztekammer auf 160 Millionen Euro.

Und schon jetzt droht so manchem Krankenhaus die Schließung, sollten noch mehr Fachärzte gehen. Akuten Mangel gibt es vor allem an Narkoseärzten. Doch ohne sie kann in einem Krankenhaus nicht operiert werden. Nicht selten müssen deshalb Notfälle von Provinz-Krankenhäusern an Spitäler in Großstädten überwiesen werden. Wer auf dem Lande lebt, "stirbt langsam und auf Zeit", heißt es in Rumänien.

Doch wie den Ärztemangel im eigenen Land ausgleichen? Das Kreiskrankenhaus im südrumänischen Calarasi hat Glück. Weil es gleich an Bulgarien grenzt, kann es sich mit Ärzten jenseits der Donau über Wasser halten. Kein Modell für ganz Rumänien.

Ärztekammer-Chef Borcean setzt deshalb seine Hoffnung auf die Regionalverwaltungen, zu denen die Krankenhäuser gehören. Sie könnten die begehrten Fachärzte mit regionalen Boni locken oder mit günstigen Mietwohnungen. "Wer als Kreisrat seinen Wählern sagen kann, dass er das Krankenhaus erhalten hat, wird mit Sicherheit wiedergewählt", ist Borcean überzeugt. Doch die wenigsten Kreisverwaltungen nehmen eine solche Strategie bislang ernst.

Bulgarische Ärzte helfen im rumänischen Calarasi aus

Das Notfall-Kreiskrankenhaus im südrumänischen Calarasi soll die Betreuung von 300.000 Menschen sicherstellen. Doch gerade für Operationen fehlen Narkoseärzte. Hilfe kommt von der bulgarischen Seite der Donau.

Kreiskrankenhaus Calarasi
Das Notfall-Kreiskrankenhaus im südrumänischen Calarasi sucht - wie viele andere Spitäler in dem osteuropäischen Land - händeringend nach Fachärzten. Nur die Hälfte aller Facharzt-Stellen ist derzeit besetzt. Das staatliche Spital, das vom Kreisrat verwaltet wird, ist für rund 300.000 Menschen in der Region gedacht. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Kreiskrankenhaus Calarasi
Das Notfall-Kreiskrankenhaus im südrumänischen Calarasi sucht - wie viele andere Spitäler in dem osteuropäischen Land - händeringend nach Fachärzten. Nur die Hälfte aller Facharzt-Stellen ist derzeit besetzt. Das staatliche Spital, das vom Kreisrat verwaltet wird, ist für rund 300.000 Menschen in der Region gedacht. Bildrechte: MDR/Annett Müller
OP-Saal
Fachärzte fehlen in Rumänien nicht nur wegen des geringen Gehaltes. Viele junge Ärzte verlassen die Region auch, weil es an Ausstattung mangelt. Die OP-Säle in Calarasi sind nur teilweise umgerüstet, in manchen fehlen nötige Überwachungsgeräte oder aber sie sind ganz einfach noch nicht angeschlossen. Immer wieder kommt es damit zu Behandlungsfehlern. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Ein Mann im Kittel
Nikolov kommt nicht nur nach Calarasi, um mehr Geld zu verdienen. Er ist Arzt aus Leidenschaft. Auf einen Übersetzer kann er inzwischen verzichten. Auch bringt er regelmäßig Zubehör mit: wie hier eine Kehlkopfmaske. Sie stammt aus einem britischen Krankenhaus, wo sie nach 48 Stunden entsorgt wird. In Bulgarien und Rumänien wird sie hingegen immer wieder gereinigt und über Jahre eingesetzt. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Stationszimmer
Am meisten mangelt es in Calarasi an Anästhesisten, die für Operationen dringend gebraucht werden. Westeuropäische Spitäler werben bevorzugt Narkoseärzte ab. Dort können sie über 5.000 Euro monatlich und damit das bis zu Sechsfache des einheimischen Gehaltes verdienen. Auf der Intensivstation in Calarasi hat man eine Ikone aufhängt. Vielen Patienten bleibt angesichts des Ärztemangels nur der Glaube an Gott. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Ein Mann neben einem Auto
Doch wie und wo könnte das Krankenhaus in Calarasi neue Narkoseärzte finden? Das Spital hatte einen originellen Einfall: Es arbeitet mit bulgarischen Ärzten, wie mit Valentin Nikolov. Der 53-Jährige hat bereits einen Full-Time-Job an einem staatlichen Krankenhaus in der bulgarischen Kleinstadt Tutrakan. In seiner Freizeit jobbt er in Calarasi. Einfach fällt ihm die viele Arbeit nicht. Er arbeitet, wie die meisten Ärzte, das Doppelte oder Dreifache. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Kreiskrankenhaus Calarasi
Fünfmal im Monat setzt Anästhesist Nikolov mit seinem Opel über den Grenzfluss Donau über, um sich bis zu 400 Euro dazu zu verdienen. Geld, das er dringend für seine Familie zu Hause braucht. Er hätte sie bei einem Weggang nach Westeuropa in Bulgarien zurücklassen müssen. Mit seinem Nebenjob auf der anderen Seite der Donau aber hat er nur eine halbe Stunde Arbeitsweg. Die Kosten für Benzin und Fähre trägt das rumänische Krankenhaus. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Kalender
Das Krankenhaus in Calarasi kann mit Nikolov und anderen bulgarischen Anästhesisten immerhin einen Teil der nötigen Bereitschaftsdienste besetzen. Doch im Dienstplan klaffen weiter große Lücken. Mitunter müssen Notfall-Patienten an andere Krankenhäuser überwiesen werden. Für sie beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Eine Frau wartet auf einer Bank in einem Flur
"Einfach ist die Arbeit in einem solchen Krankenhaus nicht", sagt Nikolov über den in den 1980er-Jahren entstandenen Bau. Kein Land der EU investiert so wenig in sein Gesundheitssystem wie Rumänien: Immer wieder fehlt es im Spital an den nötigsten und einfachsten Dingen, an Antibiotika, an OP-Fäden oder Nadeln. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Eine Frau läuft an Töpfen und Tellern im Stationsflur vorbei
Seine Klinik in Bulgarien kann Nikolov einen knapp doppelt so hohen Durchschnittslohn zahlen, als er in Rumänien als Anästhesist verdienen würde. Die Klinik will ihn weder an Rumänien, noch an Westeuropa verlieren. Dass er dennoch tageweise nach Rumänien kommt, kann Krankenschwester Viorica Nichifor nicht hoch genug anrechnen: "Die bulgarischen Anästhesisten haben uns hier gerettet". Ohne sie müsste das Kreiskrankenhaus in Calarasi schließen. Bildrechte: MDR/Annett Müller
Ein Mann an einem Schreibtisch
Manager Dan Serban will in Calarasi das einführen, was auf bulgarischer Seite längst passiert. Gehört das Krankenhaus einem Kreis oder einer Stadt, stocken die Lokalbehörden die Gehälter für die Fachärzte aus ihrem eigenen Budget auf. "Die Wähler wünschen sich, dass ihre Steuern in Mediziner investiert werden und nicht in Stiefmütterchen im Stadtpark", meint Serban. Der Kreisrat in Calarasi hat sich von einer solchen Idee jedoch noch nicht überzeugen lassen. Bildrechte: MDR/Annett Müller
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 16.11.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2016, 14:53 Uhr