In Jekaterinburg steht ein Mann vor eine Regal mit Milchprodukten.
Kunde im russischen Supermarkt in Jekaterinburg. Bildrechte: IMAGO

Russland Einfuhrverbot

Gips, Kreide oder Palmöl in Milchprodukten? Berichte über gestreckte Lebensmittel erschüttern den russischen Markt. Grund dafür ist das russische Einfuhrverbot, erlassen am 6. August 2014. Besonders zu schaffen macht es den deutschen Milchbauern. Währenddessen geht Russland die Milch aus.

In Jekaterinburg steht ein Mann vor eine Regal mit Milchprodukten.
Kunde im russischen Supermarkt in Jekaterinburg. Bildrechte: IMAGO

Brennender russischer Quark: Eine Reporterin des Online-Magazin fontanka.ru hatte das vermeintliche Milchprodukt in St. Petersburg erstanden und angezündet. Das Video des kremlkritischen Portals sorgte im Netz für eine Menge Diskussionsstoff. Nach nur kurzer Zeit hatte sich der schneeweiße Quark in eine dunkelbraune Masse verwandelt. Die Reporterin erklärte dabei, hier rieche es nach Plastik. Ein Labortest des Online-Magazins ergab: Dem Quark fehlte die Milch, stattdessen war er mit Fett-Zusatzstoffen gepanscht. Ein Einzelfall? Wohl nicht. Denn dem riesigen Agrarland Russland fehlt es derzeit an genügend Milch.

Sanktionen aus dem Westen - Putin kontert

Ein Mitarbeiter eines Milchverarbeitungsbetriebes gießt Milch in einen Rührbottich.
Ein Mitarbeiter eines Milchverarbeitungsbetriebes im russischen Odintsovo gießt Milch in einen Bottich. Bildrechte: IMAGO

Der Engpass kommt nicht von ungefähr. Im Juli 2014 hatte die EU wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland verhängt - wegen der nach ihrer Lesart illegalen Annexion der Krim und einer "vorsätzlichen Destabilisierung" der Ukraine. Kremlchef Wladimir Putin konterte seinerseits mit einem Embargo - das sich nun bereits zum zweiten Mal jährt. Per Präsidialerlass hatte Putin im August 2014 die Einfuhr von Fleisch, Fisch, Milch und Obst aus der EU verboten. Besonders betroffen ist der Milchmarkt: In der Vergangenheit importierte Russland gut ein Viertel seines Rohmilchbedarfs aus anderen Ländern – gut 7,5 Millionen Tonnen pro Jahr.

Milchprodukte mit Zusätzen gestreckt

Russische Milchprodukte sind ausgestellt im Crocus Expo International Exhibition Center - einem Ausstellungsforum in Moskau.
Russische Milchprodukte auf einem Ausstellungsforum in Moskau. Bildrechte: IMAGO

Weil die Millionen Tonnen Rohmilch nun durch das Embargo fehlen, muss der russische Markt erfinderisch sein: Viele Molkereien und Käseproduzenten strecken ihre Produkte mit billigen Pflanzenfetten wie Palmöl oder Kokosfett. Das haben Tests der staatlichen Kontrollbehörde für landwirtschaftliche Produkte (russisch Rosselchosnadsor) ergeben. Deklariert wird die Mischung auf den Verpackungen nicht. Russische Medien berichteten in den vergangenen Wochen unter Berufung auf diese Agraraufsicht auch von Milchprodukten, die mit Stärke und Soja und sogar mit Gips gestreckt sein sollen. Für viele russische Verbraucher ist das der Beweis für den schlechten Zustand der einheimischen Milchbranche.

Russische Hersteller profitieren vom Embargo

Ein Mann veredelt einen Käselaib.
Unternehmer Oleg Sirota: Zum zweiten Jahrestag des Embargos trug er ein Käsefestival im russischen Istra aus. Bildrechte: IMAGO

Für einen politischen Kurswechsel sorgt die Diskussion um die gestreckten Milchprodukte bislang nicht. Im Gegenteil: Erst kürzlich verlängerte der russische Staatschef das Embargo bis Ende 2017 – sehr zur Freude einiger einheimischer Hersteller wie Oleg Sirota. Der in der russischen Kleinstadt Istra lebende IT-Experte sattelte voriges Jahr einfach auf Käseherstellung um. Nun baut er keine Websites mehr, sondern produziert Parmesan und Mozarella, die vor dem Embargo noch aus Italien kamen.

Dem Magazin "Geo" sagte Sirota unlängst, russischer Käse sei in der Vergangenheit oft minderwertig gewesen und habe kaum eine Chance gegen die europäischen Marken gehabt. Seit den Sanktionen gebe es diese Konkurrenz nicht mehr. Er hoffe, die "schlechten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen hielten "noch mindestens fünf Jahre an". Für die russischen Hersteller sei diese Situation eine "einmalige Chance".

Starker Werteverlust für deutsche Bauern

In der EU löst hingegen das Embargo starken Verdruss aus. Und gerade deutsche Produzenten von Fleisch und Milch bekommen den politischen Boykott zu spüren. Sie haben mit Russland einen wichtigen Markt verloren. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft waren 2012 noch Milch und Milcherzeugnisse im Wert von 300 Millionen Euro nach Russland exportiert worden. Im vorigen Jahr lag der Wert bei nicht einmal mehr zwei Prozent davon: Die Summe betrug noch bei 5,4 Millionen Euro.

Apfelessender Landwirtschaftminister

Kurz nach dem Embargo hatte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt den betroffenen Bauern versprochen, neue Absatzmärkte zu erschließen. Demonstrativ biss er damals auf einer Pressekonferenz in einen Apfel und sagte: "An apple per day keeps the Putin away" - eine Aufforderung an die deutschen Verbraucher, nun den russischen Absatzmarkt zu ersetzen. Die Rechnung ging nicht auf. Ende Juli reiste der CSU-Minister nach Moskau, um mit seinem russischen Amtskollegen Alexander Tkatschkow zu sprechen. Im Gepäck hatte Schmidt Geschenkkörbchen voll deutschem Käse. Nach dem Treffen sagte er: "Die Mauer steht noch, aber wir haben uns über die Mauer hinweg verständigt." Im Oktober schon will Schmidt wieder nach Moskau reisen.

Pavel Vlcek 5 min
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Die Boykottpolitik in Europa hat Pavel Vlcek und seine Freunde aus Tschechien veranlasst, einen Song zu schreiben. Hier gibt's "Apfel-Rap" aus der Websendung in voller Länge.

Do 14.08.2014 19:17Uhr 04:38 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/video216112.html

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Zuletzt aktualisiert: 08. August 2016, 11:51 Uhr

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Russland hat wegen der Wirtschaftssanktionen des Westens gegen die EU ein Importverbot für Lebensmittel verhängt. - Wie reagieren unsere Nachbarn im Osten darauf, wie die Russen?

Do 14.08.2014 18:59Uhr 08:03 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/video216128.html

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