Bäumefällen in Polen
An dieser Ecke in Warschau wird es so schnell nicht wieder grünen. Bildrechte: Piotr Skorupski

Bäume: Freie Bahn für Kettensägen in Polen

Als Piotr Skorupski dieser Tage am Morgen aus seinem Wohnblock im Zentrum Warschaus blickte, konnte er seinen Augen kaum trauen: Der einzige Baum auf dem sonst so tristen Parkplatz vor seiner Haustür wurde gefällt. Anlass für ihn auf Twitter seinen Frust loszuwerden. Es vergehe kein Tag, wo man die Kettensägen nicht höre, sagt der junge Anwalt.

Bäumefällen in Polen
An dieser Ecke in Warschau wird es so schnell nicht wieder grünen. Bildrechte: Piotr Skorupski

Piotr Skorupski ist einer von Tausenden Polen, die das Abholzen der Bäume zurzeit vor allem im Internet dokumentieren und kommentieren. Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres, so schätzen Experten, wurden in Warschau so viele Bäume abgeholzt wie im gesamten Jahr 2016 nicht. Grund dafür ist ein neues Gesetz, das im Dezember 2016 im polnischen Parlament beschlossen wurde und seit dem 1. Januar 2017 in Kraft ist. Nun dürfen polnische Grundstücksbesitzer ihre Bäume ohne Genehmigung der lokalen Behörden fällen. Im Klartext heißt das: Eine 100-jährige Eiche ist vor der Kettensäge nicht sicher, wenn sie auf einem Privatgrundstück steht.

Rathaus Warschau: Jeden Baum melden

Selbst das Warschauer Rathaus ist ratlos, was zu tun ist:

Wir können nur freundlich bitten, dass die Privateigentümer die Bäume nicht fällen.

Michał Olszewski, Vizebürgermeister von Warschau

Den Bürgern wird geraten, jeden gefällten Baum der Stadt zu melden, damit diese prüfen könne, ob er legal geschlagen wurde oder nicht. Außerdem gibt es Initiativen wie "Hier war ein Baum". Mit Hilfe einer Applikation können Polen nun markieren, wo überall Bäume gefällt wurden.

Weg frei für Grundstücksspekulationen?

Kritiker vermuten ein kommerzielles Interesse hinter dem vermehrten Abholzen. Denn dort, wo Bäume gefällt werden, könnten Investoren bald neue Wohn- oder Geschäftshäuser bauen. Und gerade in Städten wie Warschau oder Krakau boomt die Baubranche, die Grundstückspreise sind hoch.

Letztes Wort noch nicht gesprochen

Der Umweltminister Jan Szyszko gilt als Initiator der Gesetzesnovelle. Gegen ihn richten sich vor allem die Reaktionen im Netz. Er verteidigte das neue Gesetz in einem Fernsehinterview. Jeder habe das Recht, auf seinem Privatgrundstück das zu tun, was er will. Die regierende Partei scheint sich in diesem Punkt uneins: So kündigte der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski an, das Gesetz nachbessern zu wollen. Nach dem öffentlichen Druck wurde es Anfang April zumindest abgeschwächt. Nun müssen Grundstückseigentümer die Behörden informieren, bevor sie Bäume fällen.

Verordnete Ruhe durch Brutzeit

Zudem können Umweltschützer auch aus anderen Gründen hoffen: bis zum 15. Oktober ist Brutzeit. In dieser Zeit dürfen auch in Polen keine Bäume gefällt werden. Der Vize-Bürgermeister von Warschau Michal Olszewski sagte dem Fernsehsender TVN24, dass sich auch private Grundstücksbesitzer an die Brutzeit halten müssten. Doch Olszewksi weiß, er kann hier nur moralisch appellieren, denn das Abholzverbot gilt lediglich für Bäume mit Vogelnestern. Das nachzuprüfen, werde schwierig, meint Olszewski.

Viele Polen geschockt über Abholzungen

Eine Twitter-Seite
Seit Anfang 2017 dürfen Grundstücksbesitzer in Polen Bäume fällen, wie es ihnen gefällt. Hier festgehalten in einem westlichen Stadtteil von Warschau. Da hilft wohl nur noch Sarkasmus. Im Tweet heißt es: "Ja, wir nehmen der trostlosen, grauen Landschaft noch das bisschen Leben." Bildrechte: Kamil Oździński/Twitter
Eine Twitter-Seite
Seit Anfang 2017 dürfen Grundstücksbesitzer in Polen Bäume fällen, wie es ihnen gefällt. Hier festgehalten in einem westlichen Stadtteil von Warschau. Da hilft wohl nur noch Sarkasmus. Im Tweet heißt es: "Ja, wir nehmen der trostlosen, grauen Landschaft noch das bisschen Leben." Bildrechte: Kamil Oździński/Twitter
Bäumefällen in Polen
Von der Novelle des Gesetzes zu "Naturschutz und Wald" wird ordentlich Gebrauch gemacht. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, wie viele Bäume bereits gefällt wurden, weil Bäume auf Privatbesitz nicht erfasst werden. Trotzdem gehen Experten von Tausenden Bäumen allein in diesem Jahr aus. Für die Bürger in den Städten sind die Sägeaktionen oft ein Grund zu trauern. Wie dieses Twitterfoto aus Wroclaw (Breslau) zeigt. Bildrechte: Miasto Drzew/Twitter
Eine Twitter-Seite
Es formiert sich Protest gegen die Gesetzesänderung. In Krakau fanden sich auf dem Marktplatz Demonstranten zusammen, um unter anderem gegen das Fällen von Bäumen zu protestieren. Bildrechte: Grzegorz Drobiszewski/Twitter
Jan Szyszko, 2016
Im Mittelpunkt der Kritik steht der Umweltminister der regierenden Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit), Jan Szyszko. Er gilt als derjenige, der schon seit Jahren die umstrittene Gesetzesnovelle vorangetrieben hat. Als Umweltminister verteidigt er das Projekt: "Jeder hat das Recht, auf seinem Privatgrundstück das zu tun, was er will." Bildrechte: dpa
Bäumefällen in Polen
Umweltminister Szyszko polarisiert und lässt auch die Kreativität vieler Polen sprühen: So wie beim Künstler Max Skorwider mit seiner Henker-Karikatur. Bildrechte: Max Skorwider/Facebook
Blick auf ein Wohnhaus und Parkplatz.
Dieser Twitternutzer trauert dem einzigen Baum in seiner Wohngegend nach und schreibt: "Warschau, Parkplatz vor dem Haus. An diesem Ort wuchs der einzige Baum der Gegend, nun ja, er 'wuchs'." Bildrechte: Piotr Skorupski/Twitter
Alle (6) Bilder anzeigen
Bäumefällen in Polen
Von der Novelle des Gesetzes zu "Naturschutz und Wald" wird ordentlich Gebrauch gemacht. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, wie viele Bäume bereits gefällt wurden, weil Bäume auf Privatbesitz nicht erfasst werden. Trotzdem gehen Experten von Tausenden Bäumen allein in diesem Jahr aus. Für die Bürger in den Städten sind die Sägeaktionen oft ein Grund zu trauern. Wie dieses Twitterfoto aus Wroclaw (Breslau) zeigt. Bildrechte: Miasto Drzew/Twitter

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Sachsenspiegel | 26.02.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2017, 13:14 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite