Obdachlose aus Osteuropa Betteln für die Familie in der Heimat

Immer mehr Menschen aus Osteuropa kommen nach Deutschland. Sie hoffen auf Arbeit und versprechen sich ein besseres Leben – auch für die Familien zu Hause. Bei Jozef Cibula hat das nicht geklappt. Er lebt auf der Straße.

"Ich schäme mich, so zu betteln", sagt Jozef Cibula. Der Mann aus der Slowakei kniet täglich bis zu acht Stunden vor einem großen Einkaufszentrum. In seiner Heimat habe er keine Arbeit gefunden. Deshalb schläft er in Dresden nachts unter Brücken und versucht tagsüber an Geld zu kommen. 

Zu Hause habe er eine Frau und fünf Kinder, sagt er. Der 29-Jährige gehört zur Minderheit der Roma und sei bereits Erntehelfer in England und Ungarn gewesen - echte Knochenjobs. Dann hörte er, dass man in Dresden betteln kann. Auch wenn der junge Mann sich dabei nicht wohl fühle, "irgendwie muss ich überleben", erklärt Jozef Cibula.

Wenn es gut läuft, bekomme er durch das Betteln etwa 15 bis 20 Euro am Tag zusammen. In der Slowakei stehen Jozef Cibula zudem rund 60 Euro pro Monat an sozialen Hilfen plus weitere Geldleistungen für Frau und Kinder zu. Das durchschnittliche Einkommen in seiner Heimat liegt knapp über 1000 Euro, der Mindestlohn bei gerade einmal 480 Euro.

Der Mann mit dem Bart und Karohemd ist Sozialarbeiter Thorsten Deigweiher vom Verein Treberhilfe.
Sozialarbeiter Thorsten Deigweiher unterstützt die Menschen beim Verein Treberhilfe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Mitarbeiter der Treberhilfe in Dresden merken, dass  mehr Menschen aus Osteuropa nach Dresden kommen. Sie versprechen sich ein besseres Leben und "der größte Teil komme tatsächlich zum Arbeiten hierher", sagt Sozialarbeiter Thorsten Deigweiher vom Verein Treberhilfe. Dieser ist ein wichtigen Anlaufpunkt für Obdachlose aus Osteuropa in der Dresdner Neustadt.

Viele würden ursprünglich mit Jobangeboten hiergelockt, berichtet Deigweiher und ergänzt: "Natürlich in prekären Beschäftigungsverhältnissen." Das bedeutet, sie würden nicht ordentlich bezahlt. Die Familien zu Hause seien auf das Geld angewiesen, was die erwerbstätigen Männer in die Heimat schicken "und dann nimmt der ganze Kreislauf seinen Anfang".

Die osteuropäischen Wohnungslosen dürfen sich durch die Freizügigkeit so lange an jedem Ort innerhalb der EU aufhalten, wie sie möchten. Anspruch auf Sozialleistungen haben sie nur in ihrem Heimatland oder wenn sie hier gearbeitet haben.

Da wohnungslose Ausländer wie Jozef Cibula keine deutsche Meldeadresse haben, werden sie nicht erfasst. Die Treberhilfe hat 2014 etwa 15 hilfesuchende Osteuropäer registriert, aktuell suchen im Schnitt 50 die Angebote auf. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Die Frau ist Dresdens CDU-Stadträtin Daniela Walter
Die CDU-Stadträtin Daniela Walter findet, die Probleme sollten in den Heimatländern gelöst werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Sie kommen aus Osteuropa hier rüber, weil sie der Ansicht sind, dass man in Dresden oder in Deutschland mehr Chancen hat, sich Vorteile zu verschaffen", sagt Dresdens Sozial-Stadträtin Daniela Walter (CDU). "Deswegen bettelt man hier, statt die Systeme zu nutzen, die vielleicht auch in den eigenen Ländern als Fürsorgesysteme für Menschen in Not da sind." Sie findet, die Probleme sollten in den Heimatländern gelöst werden.

Jozef Cibula sah in der Slowakei offenbar keine Möglichkeit. Inzwischen sei es für ihn zur Normalität geworden, von den Almosen anderer zu leben. Betteln sei für ihn fast so, als wenn er zur Arbeit gehen würde - trotz des Schamgefühls. "Am schlimmsten ist es, wenn jemand kommt und vor mir auf die Erde spuckt", sagt er. Oder wenn er als "Schwein" bezeichnet werde.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 24. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 21:55 Uhr