Bukarest Die Autorin mit der Hoffnung auf Heimweh

Lavinia Braniște ist Schriftstellerin und Mitte 30. Sie hat einen Bestseller vorgelegt und kann von ihrer Arbeit dennoch nicht leben. Sie mag die Reisefreiheit für Rumänen und sorgt sich zugleich um deren Kehrseite.

von Jacqueline Hene, MDR AKTUELL

Lavinia Braniște ist so was wie ein Promi in Rumänien. Vor drei Jahren legte sie ihren Debütroman "Null Komma Irgendwas" vor. Das Buch wurde 2016 als bester Roman in Rumänien ausgezeichnet und macht Lavinia bis heute zu einem gern gesehenen Gast in Talkshows.

Der Erfolg sei völlig überraschend gekommen, sagt sie. "Wahrscheinlich finden sich die Leser in meiner Geschichte wieder, können sich mit den Charakteren identifizieren. Ich denke, junge Rumänen erleben ihren Alltag genau so, wie ich es beschreibe – als Überlebenskampf."

Buch über Bukaresterin wird Bestseller

Ein Buch von Lavinia Braniște mit dem Titel "Null Komma Irgendwas" liegt auf einer gestreiften Decke
Hoch gelobter Debütroman: "Null Komma Irgendwas" Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Die Hauptfigur im Buch ist Cristina. Sie jobbt als "Mädchen für alles" in einer Bukarester Baufirma. Was ihr Leben auszeichnet, ist die komplette Abwesenheit von Zukunft. Cristinas Gehalt geht für Miete und Rechnungen drauf, lässt keinen Spielraum für Extras, geschweige denn Pläne. Ist Auswandern vielleicht doch die bessere Option? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Kein Rumäne, der sie sich noch nicht gestellt hat. Jeder kennt jemanden, der gegangen ist oder verlassen wurde. Lavinia war 20, als ihre Mutter zum Arbeiten nach Spanien ging.

Mehr Rumänen haben Arbeit im Ausland

"Das war ein Schock und sehr traurig, auch für meine Großeltern", erzählt Lavinia. "Alle meine besten Freunde sind ebenfalls weg."

Das ist die Kehrseite der offenen Grenzen seit dem EU-Beitritt. Es fällt noch leichter, das Land zu verlassen.

Lavinia Braniște

"Das Hauptproblem sind unsere niedrigen Löhne", erklärt Lavinia. Ihr größter Wunsch ist, dass sich das ändert und die Menschen nicht mehr reihenweise ausreisen.

Tatsächlich arbeiten inzwischen mehr erwerbsfähige Rumänen im Ausland als in der Heimat. Besorgniserregend ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Menschen das Land verlassen. Hier belegt Rumänien weltweit Platz zwei, hinter Syrien.

Lavinia Braniște im Gespräch mit unserer Reporterin 1 min
Lavinia Braniște im Gespräch mit unserer Reporterin Bildrechte: mdr

Lavinia Braniște hat in Rumänien einen Bestseller vorgelegt, kann von ihrem Beruf als Schriftstellerin aber nicht leben. Befragt nach der EU fällt ihre Antwort zwiespältig aus.

Mi 17.04.2019 13:54Uhr 00:53 min

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Was aber soll aus einem Land werden, dem massenhaft die Leute davonlaufen? "Jedes Mal, wenn Wahlen anstehen, sind unsere Hoffnungen groß, dass es diesmal besser wird", meint Lavina, schon mit Blick auf die Parlamentswahlen Ende des Jahres.

Naja, wenigstens sind wir Rumänen an den Kreislauf von Hoffnung und Enttäuschung gewöhnt. Hoffnung-Enttäuschung. Hoffnung-Enttäuschung. Wie im siebenbürgischen Hügelland. Immer auf und ab.  

Lavinia Braniște

Auswandern dennoch keine Alternative

Belebte Einkaufsstraße
Schicke Shopping-Meile - die Leipziger Straße in Bukarest Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Lavinia ist Mitte 30 und wirkt irgendwie bedrückt. Das ist nur eine von mehreren Gemeinsamkeiten mit ihrer Romanfigur. Wie diese stammt die Autorin aus der südostrumänischen Stadt Brăila. Sie hat schon in diversen Jobs gearbeitet und trotz Diplom und Bestseller nie ausreichend verdient, um ohne finanzielle Hilfe der Mutter über die Runden zu kommen. Die ist eigentlich Ingenieurin, arbeitet aber seit Jahren auf einem spanischen Campingplatz. Für Braniște keine Alternative: "Welche Möglichkeiten habe ich denn im Ausland", fragt sie. Sie sei literarische Übersetzerin ins Rumänische.

Wer braucht denn meine Fähigkeiten außerhalb Rumäniens? Es sei denn, ich putze Toiletten oder arbeite als Tellerwäscherin in einem Restaurant.

Lavinia Braniște
Drei große Häuser unterschiedlicher Baustile
Bukarest heute Bildrechte: MDR/Jacqueline Hene

Außerdem liebe sie den Humor ihrer Muttersprache, sagt Lavinia. Und wo sonst gebe es so gute Krautwickel wie in Rumänien? Das alles würde sie vermissen, und sie ist damit nicht allein. Viele ihrer Freunde im Ausland plage das Heimweh. Es sei Zeit für Veränderung, damit junge Rumänen wieder eine Zukunft in der Heimat sehen.  

MDR AKTUELL RADIO

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2019, 22:44 Uhr

Die Reporterin

Eine Frau steht vor einem Gatter mit Schafen und hält ein kleines Schaf in den Armen. Links und rechts von ihr schauen ihr ein junger Mann und eine junge Frau dabei zu. + Video
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