Rafał Gronicz
Rafał Gronicz ist gerne Bürgermeister seiner Stadt. Bildrechte: Rafał Gronicz

Interview Was der Bürgermeister der Grenzstadt Zgorzelec zur Sachsen-Wahl sagt

Rafał Gronicz ist seit 2006 Bürgermeister der polnischen Grenzstadt Zgorzelec. Seine Stadt ist seit 1998 zusammen mit Görlitz zu einer "Europastadt" zusammengeschlossen. Wir haben mit ihm gesprochen.

Rafał Gronicz
Rafał Gronicz ist gerne Bürgermeister seiner Stadt. Bildrechte: Rafał Gronicz

Auf deutscher Seite der Neiße, in Görlitz, haben bei der Landtagswahl knapp 50 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD gestimmt. Wie fühlen Sie sich nach dem Ergebnis?

Grundsätzlich haben wir keine große Angst. Die Wahlen wurden von vielen in Zgorzelec verfolgt und es ist absehbar, dass die CDU wahrscheinlich mit der SPD oder den Grünen regieren wird, daher fragen wir uns jetzt nicht "was wäre wenn". Für uns ist es eher eine interne Angelegenheit der Deutschen. Aber wir kennen natürlich die Rhetorik der AfD – einfach weil wir grenznah leben. Ich habe mich mit dem damaligen Bürgermeisterkandidaten der AfD, Sebastian Wippel, getroffen und er versicherte uns, dass auch die AfD gute Beziehungen nach Polen und nach Zgorzelec will. 

Wie interpretieren Sie die guten Wahlergebnisse der AfD entlang der deutsch-polnischen Grenze um Görlitz?

Diese Frage müssten Sie eher den Görlitzern stellen, aber ich versuche, das aus polnischer Sicht zu erklären. Es könnte etwas mit dem Gefühl zu tun haben, abgehängt zu sein. Aus polnischer Sicht gilt zum Beispiel alles, was hinter Wrocław ist, schon als Provinz. Zgorzelec gilt als hinterste Provinz, so weit weg von allem, dass keiner dort überhaupt hinfährt. Und von Warschau brauchen wir gar nicht erst zu reden, das ist noch viel weiter weg. Es ist schwer, den zentralen Regierungen klarzumachen, dass auch hier Menschen leben, die gewisse Erwartungen gegenüber den Regierenden haben. Das Ergebnis der AfD hat jetzt vielleicht Berlin und Dresden auch wachgerüttelt, denn es zeigt, dass auch in Görlitz und überhaupt in den kleinen Städten Menschen leben, die von ihrer Regierung etwas erwarten. Und eben nicht, dass das Geld nur in Berlin oder Dresden ausgeben wird.

Die AfD hatte auch angekündigt, Grenzkontrollen wieder einzuführen, wenn nötig. Was halten Sie davon?

Ich bin gegen Grenzkontrollen, ich erinnere mich noch, wie es früher war. Ich denke eher, auf polnischer Seite würden sie sogar zu einem Anstieg der Kriminalität führen, es würden sich wieder mafiöse Strukturen bilden, wenn es um den illegalen Handel mit Zigaretten und Alkohol geht. Als Polen in die EU kam und die Grenzkontrollen entfielen, da ist auch viel Kriminalität aus Zgorzelec verschwunden. Und die kleine grenzüberschreitende Kriminalität auf deutscher Seite wird dadurch auch nicht verhindert. Wer etwas auf deutscher Seite klaut und damit nach Polen flüchten will, kann auch durch das fünf Zentimeter tiefe Wasser der Neiße waten. Selbst wenn wir einen hohen Zaun mit Kameras bauen würden, gäbe es Mittel und Wege, den zu passieren, zum Beispiel durch ein Schmiergeld. Die 1990er Jahre haben uns bewiesen, dass Grenzkontrollen die Grenzkriminalität nicht eindämmen.

 Grenze am Stadtpark in Görlitz
"Auf ein Bier in die Görlitzer Altstadt" - Die Grenzen sollen offen bleiben, sagt Zgorzelec Bürgermeister Gronicz. Bildrechte: dpa

Würden die Grenzkontrollen das Leben erschweren?

Klar. Leute, die von Zgorzelec nach Görlitz auf ein Bier gehen, einfach weil sie das Altstadtflair drüben genießen wollen, hätten es sicher schwerer. Zu Terminen wäre man auch immer wieder unpünktlich, weil man bei Grenzkontrollen warten müsste und diese Wartezeiten stark schwanken. Ich habe das selbst erlebt: Ich wusste nie, wieviel Zeit ich einplanen muss und entweder war ich viel zu früh da und wartete noch eine halbe Stunde vor dem Görlitzer Rathaus auf meinen Termin oder ich stand im Stau und kam 20 Minuten zu spät.

Die Görlitzer kaufen ja auch gerne bei uns ein und die Polen geben ihr Geld gern in den Einkaufszentren auf deutscher Seite aus. Das heißt, der Handel würde unter Grenzkontrollen ebenfalls leiden, weil niemand im Stau stehen will, wenn er einkaufen geht. Deshalb sage ich: Wir leben zwar in zwei Ländern, in zwei administrativen Systemen, aber wir sind doch irgendwie eine Stadt. Wir leben zusammen und künstliche Grenzkontrollen würden niemandem helfen, wir würden alle nur verlieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. September 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2019, 13:58 Uhr

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