Estland Hobby als Geschäftsidee - Erfolgsgeschichte auf Estnisch

Kadi-Liis Säre betreibt einen Hundesalon in Tallinn. Die wachsende EU-Skepsis ihrer Landsleute teilt sie nicht. Ohne die EU, sagt sie, wäre ihre estnische Erfolgsgeschichte nicht möglich gewesen.

von Carsten Schmiester für MDR AKTUELL

Humor hat Kadi-Liis Säre reichlich. "Ich sehe aus wie eine Melone", lacht sie beim Fotografieren. Natürlich stimmt das nicht! Fröhlich sieht sie aus, tolle Ausstrahlung. Da ruht jemand in sich. Kein Wunder. Sie sei eine estnische Erfolgsgeschichte, sagt die 35-jährige Besitzerin nicht nur eines - sondern angeblich eines der besten - Hundesalons in Tallinn.

Straßenbahn in Estlands Hauptstadt Tallinn
Das Zentrum Tallins außerhalb der Altstadt Bildrechte: IMAGO

Eigentlich ist sie Sozialarbeiterin, aber dann verlor sie ihren Job, machte das Hobby zum Beruf und sich selbstständig. Inzwischen hat sie mehrere Mitarbeiter, der Laden läuft. Man muss ihn nur finden. Er liegt im Souterrain eines Wohnhauses eine halbe Stunde Fußmarsch vom Zentrum entfernt, hat einen unscheinbaren Eingang, bietet aber viel Platz für Hunde und Menschen. Alles ist top gepflegt. Kadi-Liis sieht sich und ihr Land ganz klar als Gewinner der Anbindung an Europa.

Die EU hat Estland sehr geholfen, schon allein damit, dass die Straßen in Ordnung gebracht worden sind. Außerdem haben die Schulen Geld bekommen, Spielplätze, Sportstätten und Krankenhäuser sind renoviert worden. Damit komme ich jeden Tag in Berührung.

Kadi-Liis Säre

Außerdem, sagt Kadi-Liis, bestelle sie Waren aus anderen Ländern: "Ohne die EU wäre das schwierig. Wir reisen auch viel mit unseren Hunden. Außerhalb der Union ist das wesentlich problematischer."

Es gibt Esten, die denken anders

Aber es gibt Esten, die denken da anders. Knapp 18 Prozent haben bei den Parlamentswahlen im März eine nationalkonservative, einwanderungskritische und sehr EU-skeptische Partei gewählt, EKRE. (*) Damit hatte niemand gerechnet. Estland galt doch immer als östliches EU-Musterland! Ganz fest im Westen verankert? Offenbar nicht mehr, jedenfalls nicht mehr einhundertprozentig.

Warum so viele Esten gegen Europa sind? Die Älteren vielleicht, weil wir aus der einen Union, also der Sowjetunion, raus und dann gleich wieder in eine neue Union hineingegangen sind.

Kadi-Liis Säre

"Sie könnten das als einen erneuten Verlust der Souveränität betrachten", mutmaßt Kadi-Liis, "auch wenn das eigentlich nicht wahr ist". Brüssel als das neue Moskau? EKRE sieht das so und vergleicht die angeblich totalitäre EU mit der ehemaligen Besatzungsmacht Sowjetunion.

These vom unterdrückten Estland nicht nur bei Alten beliebt

Estland sei nicht frei, argumentiert die EKRE, es werde nur anders unterdrückt. Kadi-Liis sagt, diese These komme nicht nur bei älteren Leuten an.

Die Jüngeren fürchten eher die 'Merkels', den Marrakesch-Vertrag - überhaupt Verträge - und alle Menschen mit ausländischer Abstammung, die massenweise kommen könnten um hier zu leben. Ich finde diese Ängste unbegründet. Auch die Frage, warum wir Griechenland-Hilfe zahlen, während bei uns Menschen in Not sind und Unterstützung brauchen. Das ist Solidarität!

Kadi-Liis Säre

Eigene Erfahrungen mit Flüchtlingen haben übrigens die wenigsten Esten, das Land hat lediglich ein paar Hundert aufgenommen.

EKRE schürt Angst

Doch EKRE hat Angst geschürt, so getan, als sei das alles nur der Anfang, als werde die EU dem Land mehr Flüchtlinge zuschieben und ihm auch sonst immer mehr Freiheiten nehmen. Das sei nicht Mainstream, so Kadi-Liis. Aber die antieuropäischen Stimmen werden lauter. Deshalb sei es für die 35-Jährige umso wichtiger, zur Wahl zu gehen. Um ein Zeichen für Europa zu setzen und um zu verhindern, dass die Gegner der estnischen Westbindung aus der Angst, die sie vor dem angeblichen neuen Unterdrücker EU schüren, politisches Kapital schlagen. So wie sie das bei den eigenen Wahlen bereits getan haben.

Na, ich denke, es wird eben befürchtet, dass Brüssel uns Vorschriften machen könnte, wie wir unser Leben führen und unsere Gesetze machen sollen. Als ob die EU uns unsere Wurzeln und unsere Selbständigkeit nehmen würde. Aber dem ist nicht so!

Kadi-Liis Säre

(*) Das Interview wurde vor der Entscheidung geführt, EKRE an der Regierung in Estland zu beteiligen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 10:07 Uhr

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