Go East-Filmfest Festivalleiterin: "Jung gegen Alt"

Zum 19. Mal findet derzeit das Go East-Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden statt. In einem Wettbewerb werden Beiträge ins Rennen geschickt, die etwa aus dem Kreis um den Kreml-Kritiker Kirill Serebrennikow stammen. Im Gespräch mit HEUTE IM OSTEN bemängelt Festivalleiterin Heleen Gerritsen, nach welchen Kriterien Dokumentarfilme in Ungarn oder Russland gefördert werden.

Eine junge Frau steht auf einer Mauer und winkelt ihr Bein wie eine Ballerina ab.
Generartionskonflikte sind ein großes Thema beim 19. Go East-Filmfestival. Auch in dem russischen Film "Acid" kommen sie zum Ausdruck. Bildrechte: Arina Shevtsona

Seit 2001 findet das Go East-Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden statt. Die Veranstalter verstehen es als Plattform für Kultur aus dem postsozialistischen Raum. Das Herzstück des Festivals ist ein Wettbewerb mit zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilmen. Festivalleiterin Heleen Gerritsen hat eine Gemeinsamkeit der teilnehmenden Filme ausgemacht:

Es ist auffällig, wie viele Filme sich mit dem Thema Generationenkonflikt auseinandersetzen. Da geht es ganz klassisch um Jung gegen Alt. Das ist, glaube ich, ein sehr universelles Thema. Aber die Besonderheit ist natürlich, dass diese beiden Generationen, um die es in den Filmen geht, oft auch in unterschiedlichen Systemen aufgewachsen sind. Und das prallt manchmal gewaltig aufeinander.

Heleen Gerritsen, Festivalleiterin

Ein Beispiel für den Streit der Generationen ist der Film "Acid". Er handelt von Petya und Sasha, deren Leben von Partys, Sex und Drogen bestimmt wird – und dem Selbstmord eines Bekannten. Regisseur Alexander Gorchilin war Schauspielschüler unter dem Regisseur und Kreml-Kritiker Kirill Serebrennikow am Gogol Center. Heleen Gerritsen schätzt an dem Film die Dynamik. Man merke, dass der Macher einen Theaterhintergrund habe.

Man ärgert sich über die Protagonisten, weil sie wirklich alle Fehlentscheidungen, die sie treffen und alle Probleme, die sie haben, auf die ältere Generation schieben. Autoritätsfiguren haben für sie gar keine Bedeutung mehr.

Heleen Gerritsen, Festivalleiterin

Fehlende Förderung für Dokus in Ungarn und Russland?

Die Festivalleiterin Heleen Gerritsen steht in einem Kinosaal.
Heleen Gerritsen ist die Leiterin des Go East-Filmfestivals. Sie folgte auf Gaby
Babić, die das Festival 2017 verließ.
Bildrechte: Angelika Stehle

In einigen Produktionsländern werden Medien und staatliche Kulturförderung stärker reglementiert als in anderen, so Heleen Gerritsen. Als Beispiele führt sie Ungarn und Russland an. So müssten sich russische Dokumentarfilmer thematisch einschränken: "Wer sich da direkt mit der politischen Realität auseinandersetzen möchte, kriegt keine staatliche Förderung. Es gibt schlichtweg keine Töpfe für Dokumentarfilm – nur beim Fernsehen. Und da können sie diese Themen momentan einfach nicht unterbringen."

Besondere Bedeutung werden auf dem Festival deshalb Musikvideos eingeräumt. Die Macher des Festivals sprechen ihnen die Fähigkeit zu, kritische oder politisch unbequeme Botschaften zu vermitteln und über Plattformen wie Youtube ein breites Publikum zu erreichen.

Ehrung für einen polnischen Altmeister

Filmdirektor Krzysztof Zanussi auf dem Ökonomieforum in Krynica.
Filmmacher Krzysztof Zanussi feiert 2019 seinen 80. Geburtstag. Bildrechte: IMAGO

Eng mit der Go East-Geschichte ist Krzysztof Zanussi verbunden. Der Regisseur und Drehbuchautor war einst der Präsident der ersten Festival-Jury. 2019 wird er als Pionier der polnischen Neuen Welle geehrt und seinen neuen Film "Eter" präsentieren. Darin geht es um Experimente an Menschen zur Zeit des russischen Kaiserreichs. "Es ist ein großer Spielfilm, so wie sie heutzutage eigentlich nur noch selten gemacht werden", sagt Heleen Gerritsen.

"4 Blocks"-Star zeigt Regiedebüt

: In einer Szene des Films "Kanun" steht Darsteller Kidan Khodr Ramadan vor einer Straßenzeile.
Kidan Khodr Ramadan in einer Szene des Films "Kanun". Er ist der Regisseur – und spielt außerdem die Hauptrolle. Bildrechte: Kidan Khodr Ramadan

Auch deutsche Stars wie Kidan Khodr Ramadan zeigen sich auf dem Festival. Er ist bekannt durch seine Rolle als Clanchef in der TV-Serie "4 Blocks". In seinem Regiedebüt, dem deutsch-albanischen Film "Kanun", geht es um Blutrache. Heleen Gerritsen findet die Entscheidung mutig, einen solchen Film zu machen: "Das Genre ist nicht so eindeutig. Es ist etwas zwischen Sozialdrama und – tatsächlich – Gangsterfilm."

Neben aktuellen Spiel- und Dokumentarfilmen werden auch historische Werke gewürdigt. Höhepunkt ist dabei die Deutschlandpremiere von "Anniversary of the Revolution", ein UdSSR-Film des Dokumentarfilm-Pioniers Dziga Vertov aus dem Jahr 1918 über die Oktoberrevolution. Der Konflikt zwischen den Menschen, die im Sozialismus aufgewachsen sind, mit den nachrückenden Generationen – in dieser Zeit hat er seinen Ursprung. (sb)

Ein Ausschnit von einer Filmrolle, darauf ist Lenin abgebildet.
Dziga Vertovs "Anniversary of the Revolution" gilt als vielleicht erster abendfüllender Dokumentarfilm der Filmgeschichte. Lange galt er als verschollen. Der russische Filmhistoriker Nikolai Izvolov hat ihn rekonstruiert. Bildrechte: Dziga Vertov

Allgemeines Das Go East-Festival des mittel- und osteuropäischen Films findet vom 10. bis 16. April 2019 in Wiesbaden statt.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Hörfunk: MDR AKTUELL RADIO | 8. April 2019 | 12:00 Uhr

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