Tschechien Von Europa zurück in die Provinz

Petr Hlaváč hat in Deutschland studiert und einige Jahre in Prag gelebt. Jetzt ist er zurück in seiner Heimat an der slowakischen Grenze. Seine Erfahrungen, so sagt er, nützten ihm auch in der Provinz.

von Kilian Kirchgeßner, WDR

Für Kinder ist es ein Paradies, hier unter der Erde: Ein Tunnel aus Glas wölbt sich über ihren Köpfen, auf der anderen Seite der dicken Scheiben schwimmen Fische. Petr Hlaváč hält seinen Sohn an der Hand. Mit großen Augen staunt sein zweijähriger Sohn die Karpfen an, gerade schwimmt ein riesiger Hecht vorbei.

Kleiner Ort im Osten Tschechiens

Klosteranlage mit kleiner Kapelle im Vordergrund und einer Kirche im Hintergrund
Das Kloster Velehrad unweit von Modrá ist in Tschechien eine Berühmtheit. Bildrechte: Kilian Kirchgeßner

Der Ort Modrá liegt im äußersten Osten Tschechiens: ein hübsches Dorf in der Nähe der Beskiden. Das begehbare Aquarium ist weithin bekannt – ebenso wie der Auslauf einer seltenen Rinder-Rasse, über den ein hölzerner Lehrpfad führt.

Petr Hlaváč ist oft hier mit seiner jungen Familie: "Wir laufen hier gerade einmal zehn Minuten runter von unserem Haus aus", sagt er: "Die Rückkehr hier aufs Land, die Entscheidung, hier ein Haus zu bauen – das war einfach super."

Langer Weg zurück in die Provinz

Porträtaufnahme eines jungen Mannes an einem Fluss
Nach Jahren in Prag und im Ausland zurück in der Provinz Bildrechte: Kilian Kirchgeßner

Es war ein langer Weg, der den Mitte-Dreißig-Jährigen hierher zurückgeführt hat in diese Gegend, die er vor vielen Jahren für sein Studium verlassen hatte. Jahrelang lebte er in der Hauptstadt Prag, dazwischen war er über das europäische Austausch-Programm Erasmus für ein Jahr an der Universität in Braunschweig.

Wenn er jetzt im Auto unterwegs ist und Besorgungen erledigt in seiner neuen, seiner ländlichen Heimat, dann erinnert er sich gern zurück an seine Studentenzeit, in der er halb Europa bereiste:

Ich hatte Seminare über das deutsche Rechtssystem in meiner Erasmus-Zeit in Deutschland, heute bin ich vereidigter Gerichts-Dolmetscher. Das benutze ich also bis heute.

Petr Hlaváč

Und dann, so Hlaváč, habe die Erasmus-Zeit ihm unheimlich die Augen geöffnet mit dieser internationalen Community. Bis heute halten viele der länderübergreifenden Freundschaften, die er in dieser Zeit geschlossen hat. Und: Heute ist er ein Beispiel dafür, wie tiefgreifend Austausch-Programme wie etwa Erasmus ganze Regionen verändern. Zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls lange im Ausland war, sei er in seiner ländlichen Gegend eine Ausnahme.

Die Provinz nicht unterschätzen

Man dürfe die Region aber auch nicht unterschätzen, meint Hlaváč.

Mein Friseur zum Beispiel hat sieben Jahre in Hannover gelebt, dann gibt es im Dorf einen Tischler, der jahrelang in Irland gearbeitet hat.

Petr Hlaváč

Und ein paar Dörfer weiter, fährt er fort, lebe eine Familie, deren drei Töchter Amerikaner geheiratet hätten: "Klar, es ist hier nicht so international wie in Prag, viele aus der älteren Generation waren noch nie im Ausland – aber es ist auch nicht so, dass das hier eine weltabgewandte, vergessene Gegend wäre."

EU wichtiger im Geschäftsleben als im Alltag

Als Übersetzer für Deutsch und Englisch lebt Petr Hlaváč heute davon, dass in der Region viele erfolgreiche Unternehmen angesiedelt sind – und die stehen in engem Austausch mit dem Rest der Europäischen Union. So wichtig die EU im Geschäftsleben sei, sagt Petr Hlaváč, so wenig spiele sie für die meisten seiner Nachbarn im Alltag eine Rolle: "Die Leute schätzen es, dass sie reisen können. Aber mit der Slowakei, die hier um die Ecke beginnt, hat es auch vorher noch keine Probleme gegeben."

Die meisten interessiert die EU nicht besonders, glaube ich.

Petr Hlaváč

"Klar", räumt Hlaváč ein: "Wenn eine Straße oder ein Radweg gebaut werden, dann hängen überall die Schilder, dass das von Europa bezahlt wird, und da sind auch alle froh drum. Dafür hat auf der anderen Seite aber die Migrationskrise sicher nicht zur Popularität der EU beigetragen." Er selbst erkenne natürlich auch die Schwächen der EU. Aber unterm Strich, sagt Petr Hlaváč, sei sie ihm allein schon wegen seines eigenen Werdegangs sehr ans Herz gewachsen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2019, 09:01 Uhr

Der Reporter