Der Historiker Piotr Osenka
Der Historiker Piotr Osęka Bildrechte: Martin Saliger/MDR

Interview Piotr Osęka über Polens "neue" Helden

Seitdem die PiS-Partei regiert, ist die polnische Gesellschaft zutiefst gespalten - nicht nur, wenn es um aktuelle politische Themen geht, sondern auch bei der Deutung der Vergangenheit. Die PiS-Regierung lanciert neue Sichtweisen und neue Helden. Warum die Geschichte spaltet und wie sie vor den Karren der Politik gespannt wird, darüber haben wir mit dem Historiker Piotr Osęka gesprochen.

Der Historiker Piotr Osenka
Der Historiker Piotr Osęka Bildrechte: Martin Saliger/MDR

Viele Polen betrachten die sogenannten Verstoßenen Soldaten als Helden, es gibt aber auch nicht wenige, die diesen Mythos ablehnen. Worin besteht das Problem?

Wir haben es derzeit mit einem sehr starken politischen Konflikt zu tun, eigentlich kann man von einem Kalten Krieg sprechen, der die Gesellschaft in zwei Lager spaltet. Dieser Konflikt ist sehr intensiv und die Geschichte wird hier gewissermaßen als Waffe genutzt.

In den Augen der regierenden PiS-Partei verkörpern die Verstoßenen Soldaten die wahren Helden – diejenigen, die auf Kommunisten schossen, statt mit ihnen zu paktieren. Auf diese Weise wird die antikommunistische Opposition der späteren Jahre, darunter die Solidarnosc-Bewegung, die friedlich kämpfte und sich 1989 mit den Kommunisten an den Verhandlungstisch setzte, in den Schatten gestellt. Und gerade aus diesem Lager stammen viele Politiker, gegen die die PiS-Partei heute kämpft. Deshalb stellt die Aufwertung der Verstoßenen Soldaten einen Versuch dar, die politischen Widersacher von heute herabzusetzen und ihre Verdienste kleiner erscheinen zu lassen.

Sucht Polen unter der PiS-Regierung neue Helden, wird da an einem neuen Gründungsmythos gebastelt?

Es ist in der Tat so, dass die antikommunistischen Partisanen in der Hierarchie der Nationalhelden plötzlich ganz oben stehen. Es entsteht ein neues Ranking: Wer war der größte Held und wer war etwas weniger heldenhaft? Und die Aktivisten der Solidarnosc-Bewegung geraten gänzlich aus dem Blickfeld, sie sind nicht mehr so wichtig, wie es noch vor einem Jahrzehnt schien.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Museum des Zweiten Weltkrieges. Sein Gründungsdirektor, der inzwischen abgesetzt wurde, klagt gegen die neue Leitung, weil sie Teile der Ausstellung verändert hat. Worum geht es in diesem Streit?

Hier konkurrieren zwei Visionen der Geschichte miteinander: die universalistische und die nationalistische. Das Museum des Zweiten Weltkrieges in seiner jetzigen Form zeigt die Tragödie des Krieges in ihrer menschlichen Dimension, das menschliche Leid unabhängig von der Nationalität der Beteiligten. In den Augen der regierenden Partei ist diese Herangehensweise zu universell und daher unnütz, weil sie nicht als "Mörtel" fungieren kann, der die Nation zusammenhält. In dieser Optik ist es sogar eine Art Verrat an der Nation, wenn man erzählt, dass es etwas Schlimmes ist, auf Menschen zu schießen. Die Kritiker würden sich lieber ein Hohelied auf das polnische Heldentum und auf das polnische Leid wünschen. Die Polen sollten ihrer Ansicht nach als das Volk dargestellt werden, das in der ganzen Geschichte am meisten gelitten hat. Das Leid erscheint hier als eine Art nationales Kapital, das man nicht verschwenden darf, sondern sorgsam hüten und sogar mehren muss.

Wozu braucht man dieses "Kapital"?

Um die Nationalgemeinschaft zu stärken. Heldengedenken, Gedenkorte, Denkmäler und Kranzniederlegungen sind ein zentrales Element der nationalen Tradition. Heldentum, Leid, Sterben fürs Vaterland – das ist das, was in dieser Vision eine Nation konstituiert. Ohne diese Elemente zerfällt sie, wird zu einem Sammelsurium von zufällig zusammengewürfelten Einzelpersonen. Wir haben es hier mit einer nationalkonservativen Geschichtsvision zu tun, die in Polen seit langem präsent ist, momentan aber am stärksten von der PiS-Partei aufgegriffen wird.

Sehr oft kann man derzeit auch der Feststellung begegnen, dass die Polen unter der PiS-Regierung ihr nationales Gedächtnis wiedererlangen. Was bedeutet das?

Dem Gegner wird vorgeworfen, dass die bisherigen Regierungen eine "Pädagogik der Scham" betrieben hätten. Damit ist gemeint, dass man von den wenig ehrenhaften Episoden der Geschichte sprach, zum Beispiel von der Mitwirkung eines Teils der polnischen Gesellschaft am Holocaust. Es wird behauptet, dass man dadurch die Nationalgemeinschaft schädigt, weil man unnötig das eigene Nest beschmutzt. Und so bastelt man an einer positiven, heroischen Vision der Vergangenheit, in der nur Platz für Helden und Märtyrer ist. Und die Erinnerung an die Verstoßenen Soldaten gehört dazu.

Wenn man Deutschland und Polen vergleicht, fällt auf, dass die Geschichte eine große Rolle in der Politik spielt. Warum interessieren sich die Politiker so sehr dafür?

Das resultiert aus der Überzeugung, dass die Nation "von oben" gebaut werden müsse, sie könne und dürfe nicht "von unten" entstehen. Der regierenden Partei sind die Ideale einer offenen Gesellschaft, in der genug Platz für unterschiedliche Weltanschauungen und unterschiedliche Visionen der Geschichte vorhanden ist, fremd. Sie versucht eine einzige, klare Vision durchzusetzen, die für alle verbindlich sein soll, nicht nur im Geschichtsunterricht in der Schule, sondern auch als Erziehungsprogramm für die erwachsenen Bürger. Die Regierenden benennen ausdrücklich Elemente, die erwünscht sind, und andere, die nicht erwünscht sind. Das historische Gedächtnis wird regelrecht verwaltet und das weckt schlechte Erinnerungen an die Zeit vor der Wende.

Warum?

Die Kommunisten hatten keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung, sie haben keine einzige Wahl gewonnen, alle Wahlen wurden gefälscht. Und diesen Makel haben sie versucht auszugleichen, indem sie immer wieder darauf verwiesen, wie sehr sie denn den polnischen Helden ähneln würden. Sie haben sich als Erben dieser Helden dargestellt, um mehr Zustimmung zu gewinnen. Die PiS-Partei ist selbstverständlich durch freie Wahlen an die Macht gekommen – die Tatsache aber, dass die Staatspropaganda sich auf Geschichtsmythen stützt, ist sehr charakteristisch für totalitär angehauchte Regime, die völlige Kontrolle über unsere Köpfe haben wollen.


Piotr Osęka Der polnische Historiker, Jahrgang 1973, promovierte 2005 an der Universität Warschau und ist Mitarbeiter am Politikwissenschaftlichen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Neuere politische Geschichte Polens und totalitäre Propaganda.


Über dieses Thema berichtet der MDR im TV: Heute im Osten - Reportage: Von bösen Deutschen und guten Polen | 22.04.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2017, 16:30 Uhr

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