Ekaterina Vinokurowa
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview "Bereit, für ihre Wohnungen zu töten ..."

Wir haben Anfang Mai mit Ekaterina Vinokurova gesprochen. Sie ist Journalistin, lebt in einem der östlichen Stadtbezirke Moskaus und ist von den Plänen der Moskauer Stadtverwaltung betroffen, baufällige Wohnhäuser abzureißen und die Bewohner umzusiedeln. Dabei ist Vinokurovas Haus alles andere als baufällig. Der Protest sei bereits das große Thema, unter anderem in den sozialen Netzwerken – gleichzeitig sorgen Meldungen von Übergriffen auf Politiker und Aktivisten für Empörung.

Ekaterina Vinokurowa
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Was halten Sie vom Renovierungsgesetz, das kürzlich in erster Lesung die Staatsduma passierte?

E.V.: Dieses Gesetz nennt man bei uns schon "Deportationsgesetz". Denn darin ist festgeschrieben, dass der Staat Privateigentum zwangsweise außer Kraft setzen darf, sollte ihr Haus in das sogenannte Renovierungsprogramm aufgenommen werden. Dabei wird ihnen eine einzige Option für eine neue Wohnung angeboten - und sollten sie nicht einverstanden sein, haben sie nicht einmal gerichtlich die Möglichkeit gegen eine Umsiedlung vorzugehen.

Wie steht es um das Haus, in dem Sie leben?

E.V.: Ja, auch mein Haus ist in Gefahr. Es ist nämlich so, dass in Moskau Fünfgeschosser verschiedenen Typs existieren. Es gibt zweifelsohne welche, die in schlechtem Zustand und baufällig sind – das sind schlicht Baracken. Diese müssen natürlich abgerissen werden. Außerdem gibt es Fünfgeschosser, die eigentlich nicht abgerissen werden dürfen. In so einem lebe ich gerade. Das sind massive und gute Backsteinhäuser mit Fahrstühlen und geräumigen Wohnungen. Dazu liegen sie am Rande eines sehr grünen Viertels mit einer guten Infrastruktur. Es gibt viele Boulevards, wo Menschen gerne spazieren gehen. Für Moskauer Verhältnisse ist gerade das eine begehrte Wohnsituation. Das ist unsere Moskauer Lebensart - die Art, wie Moskau seit je her gelebt hat. Und dann gibt es noch die Fünfgeschosser aus der Stalinzeit. Sie sind noch begehrter und noch teurer. In meinem Viertel mischen sich all diese Haustypen. Doch während wir die "Baracken" bisher nicht im Renovierungsprogramm finden konnten, sind dafür die Stalinhäuser drin. Ja, selbst unsere Neun- und Zwölfgeschosser stehen unter Abrissgefahr!

Dabei werden den Leuten bei Treffen mit der Bezirksverwaltung goldenen Berge versprochen. Dass sich ihre Wohnsituation verbessern wird, dass Kommunalwohnungen, in denen mehrere Familien leben, aufgelöst werden und so weiter. Im Gesetz ist davon jedoch keine Rede und de facto ist die Situation so, dass den Leuten angeboten wird, ihr Recht auf Eigentum aufzugeben und es gegen etwas einzutauschen, das noch völlig unklar ist. Und als wir gefragt haben, was mit dem Viertel als solchem werden soll, haben sie uns gesagt, dass sie es nicht wissen.

Man hat uns jetzt auch die ersten Bezirke genannt, wohin die Menschen umgesiedelt werden sollen. Das sind riesige "Ameisenhaufen" mit Pappwänden und ohne jegliches Grün drum herum. Bei uns im Viertel stehen solche Häuser leer, weil dort keiner leben will, die Wohnungen dort können nicht verkauft werden. Die Situation ist einfach nur schrecklich!

Was soll denn genau bei Ihnen im Viertel abgerissen werden?

E.V.: Wir wissen nicht genau, was abgerissen werden soll. Die Menschen in der Stadt können nicht mehr richtig schlafen, seit das Ganze in die aktive Phase getreten ist. Keiner gibt uns Informationen und laut dem Gesetz,  das jetzt die Staatsduma passiert hat, kann überhaupt jedes Haus in Moskau den Eigentümern weggenommen werden. Jeder Moskauer ist im Moment in Gefahr, seine Wohnung zu verlieren, sollte irgendein Immobilienentwickler ein Auge auf das Grundstück werfen, auf dem sein Haus steht. Denn die Sphäre der Immobilienentwickler in Moskau ist eng mit der kriminellen Welt verbunden.

Nach Aussagen des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin sind 80 Prozent der Betroffenen FÜR den Abriss und die Umsiedlung.

Sehen Sie, genau deswegen habe ich über die verschieden Typen von Fünfgeschossern gesprochen. Denn die Umfragen, die solchen Aussagen zu Grunde liegen, verzerren die Situation. Sie nehmen dafür einfach Menschen aus fünf "Baracken", fügen ihnen die Bewohner eines Stalinhauses hinzu und bekommen ein Resultat von 80 Prozent für den Abriss. Auf diese Art wird die öffentliche Meinung manipuliert.

Wie stark sind die Proteste gegen das neue Gesetz?

E.V.: Ich denke, die Rede ist bereits von Zehntausenden Menschen. Denn es ist etwas für Moskau einmaliges passiert: Früher hat man über die Moskauer sogar Witze gemacht, sie würden nicht einmal die eigenen Nachbarn grüßen. Heute dagegen gibt es mittlerweile in jedem Stadtbezirk Protestgruppen, in denen sich die Nachbarn vereinigen. Sie gehen von Haus zu Haus, verteilen Flyer und informieren ältere Menschen über das, was vor sich geht. In meinem Viertel etwa, in dem es nie zuvor auch nur einen Hauch von politischer Aktivität gab, kamen dieser Tage die Bewohner zusammen. Daran haben einige hundert ganz normaler Menschen teilgenommen. Das ist einmalig! So etwas hat es in der Stadt wahrscheinlich seit 1993 nicht mehr gegeben. Und diejenigen, die in guten Stein- oder Stalinhäusern leben, sind schlicht bereit, für ihre Wohnungen zu töten … und zu sterben!

Wie reagiert die Stadtverwaltung auf diese Proteste?

Die Stadtverwaltung versucht gerade, dem Kreml zu erklären, dass alles gut ist. Dass die Proteste von einigen wenigen Nichteinverstandenen im Internet ausgehen. Außerdem hat die Stadtverwaltung die Propagandamaschinerie angeschmissen: Alle staatlichen Medien erzählen den ganzen Tag, wie froh die Moskauer wegen der Umsiedlung sind. Aber das spielt keine Rolle mehr, denn Moskau schaut weniger Fernsehen als der Rest des Landes. Moskau bekommt die Informationen aus dem Internet. Und so haben wir hier zwei Welten. In der einen ist die Stadtverwaltung zu Hause, die der Meinung ist, dass die Moskauer froh sein werden in Betonblöcke umgesiedelt zu werden. Und dass sie überhaupt alles mit sich machen lassen. In der anderen Welt dagegen befinden sich tatsächliche Stadtbewohner, die sich auf die Verteidigung ihrer Stadt vorbereiten.  

Über dieses Thema berichtet MDR Dabei ab zwei auch im TV: MDR | 08.11.2007 | 14:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2017, 10:52 Uhr