Polen Polen: Ein stickiger Klimagipfel in Katowice

Vielleicht ist Katowice, das Herz des polnischen Kohlebergbaus, gar nicht einmal ein so schlechter Ort für eine Weltklimakonferenz. Dort können die Teilnehmer am eigenen Leib erfahren, was die Verbrennung von Kohle für Strom und Heizung für Mensch und Umwelt bedeutet. Wer im Smog durchatmen muss, den lädt Katowice in die Sauerstoffbar ein. Ausgeblendet wird dagegen das Problem der enormen Luftverschmutzung im offiziellen Video Polens zum Klimagipfel.

von Monika Sieradzka

Arnold Schwarzenegger
Der "Terminator" kämpft für die Umwelt: Kaliforniens ehemaliger Gouverneur Arnold Schwarzenegger auf der UN-Klimakonferenz in Katowice. Bildrechte: imago/Eastnews

Ist es ein PR-Trick zu Beginn des UN-Klimagipfels oder soll man den ambitionierten Vorhaben des Energieministers glauben? Da scheiden sich die Geister. Kurz vor dem COP24, auf dem weitere Maßnahmen gegen die fortschreitende Erderwärmung erwartet werden, stellte das Gastgeberland Polen nämlich einen Entwurf für eine neue Energiepolitik vor, der in manchen Punkten revolutionär wirkt. Im Dokument "Die Energiepolitik Polens bis 2040" wird etwa eine systematische Abkehr von der Kohle vorgeschlagen. Das wäre ein Umbruch, weil die PiS-Regierung bislang immer die Wichtigkeit der Kohleenergie für die polnische Wirtschaft betonte.

Der Traum: Polen - das umweltbewusste Land

Derzeit hängt die polnische Wirtschaft zu fast 80 Prozent vom Bergbau ab. Laut dem neuen Plan soll dieser Anteil bis 2040 auf 20 Prozent fallen. Obwohl der Energiebedarf wächst, müsste für dieses Ziel die Hälfte der Kohlegruben bis dahin geschlossen werden. An deren Stelle müssten Sonne, Wind und vor allem Gas als alternative Energiequellen treten. Ein besonderes Novum ist der schon für 2033 angedachte Einstieg in die Atomenergie. Ob der kühne Vorschlag aus dem Energieressort wirklich in Kraft tritt, hängt von der Regierung ab.

Gegen das negative Image Polens, das zu den größten europäischen Klimaverschmutzern gehört, kämpft auch ein offizielles COP24-Video. Hier wird ein Land präsentiert, das fleißig "gegen Emissionen von Treibhausgas kämpft und die erneuerbaren Energiequellen entwickelt". Eine nette Frauenstimme erklärt, dass es auf der Welt ein Land gibt, "in dem sich das Klima konsequent verbessert". Dabei werden mit Computeranimationen moderne energiesparende Technologien dargestellt. Die Busse werden mit grüner Energie angetrieben und es gibt genug Wälder, die das CO2 absorbieren können. Erraten, um welches Land es sich handelt? "Das Land heißt Polen", wird im Video erklärt, damit wirklich jeder Zuschauer begreift.

Die Realität: Einer der größten Luftverschmutzer Europa

In den sozialen Medien hat das Video für Heiterkeit, aber auch für Aufregung gesorgt. Das positive Bild von Polen ist weit von der Realität entfernt. Polen gehört seit Jahren zu den Ländern mit den höchsten Smogwerten in Europa. Bei der Verbrennung der Kohle und anderer fossiler Brennstoffe, was in Polen zudem zum großen Teil in alten Öfen erfolgt, werden krebserregende Substanzen produziert, die im allgegenwärtigen Smog enthalten sind.

Von den 20 schmutzigsten Städten Europas liegen 19 in Polen. Die Grenzwerte des tödlichen Feinstaubs werden regelmäßig um ein Vielfaches überschritten. Krakau gilt derzeit als europäische Smog-Hauptstadt. Wer hier lebt, der atmet so viele giftige Stoffe ein wie einer, der zehn Zigaretten pro Tag raucht.

Kohle in Polen
Ohne Kohle läuft in Polen so gut wie nichts. Bildrechte: imago/CTK Photo

Umweltschützer: Wandel der Kohleregionen thematisieren

Die Rhetorik der PiS stößt bei den Umweltschützern auf scharfe Kritik. Mit dem COP24-Video versuche die Regierung, von den wirklichen Problemen abzulenken, sagt der Aktivist von Greepeace Polska, Paweł  Szypulski. "Statt Selbstlob könnte Polen als Gastgeberland seine Chance nutzen und etwa auf die Transformationsprobleme der Kohleregion aufmerksam machen", so Szypulski. Das wirkliche Problem Polens sei nämlich die absolut notwendige Abkehr von der Kohle.

Die im Video gepriesene Sorge für grüne Energie hält Szypulski für ein Märchen. "Auch die zur Zeit 9.000 elektrischen Autos in Polen fahren mit schmutziger Energie, wenn der Strom von der Kohle kommt", argumentiert er. Die Entwicklung der grünen Energie, etwa durch Windkraft, werde von der Regierung sogar auf Druck der Bergbaufirmen gebremst. Ganz anders, als es im staatlichen Video erzählt wird.

Jüngste Bekenntnisse zum Bergbau

Sehr zu bezweifeln ist außerdem, ob die 100.000 Bergleute und weitere 100.000 Beschäftigte, die vom Bergbau leben, eine grüne Energiepolitik, falls es wirklich dazu käme, unterstützen würden. Sie sind eine große Wählergruppe, die die PiS besonders im kommenden Wahljahr ganz ernst nehmen muss.

Deshalb will die Partei die Bergleute nicht mit grünen Ideen verschrecken. So sagte Regierungschef Mateusz Morawiecki erst Ende November in Katowice im Vorfeld des jährlichen Bergmannsfestes "Barbórka" (Barbarafest): "Die Bergleute und der Bergbau sind die Grundpfeiler der Wirtschaft und ein Schlüsselelement der polnischen Wirtschaft in Zukunft, davon bin ich überzeugt." Und Energieminister Krzysztof Tchorzewski appellierte in derselben Veranstaltung: "Herrschaften Bergleute, wir brauchen mehr Kohle! Lasst uns darüber nachdenken, wo wir hier in Schlesien ein neues Kohlewerk bauen können."

Mateusz Morawiecki
Ministerpräsident Morawiecki beschwörte kurz vor dem Klimagipfel den Bergbau als Grundpfeiler der polnischen Wirtschaft. Bildrechte: IMAGO

Katowice stellt Sauerstoff in Röhrchen bereit

Wer also dieser Tage zum Gipfel nach Katowice kommt, der wird sofort widersprüchlichen Informationen zur polnischen Energiepolitik ausgesetzt. Wem es davon schwindelig wird, der kann etwas frische Luft schnappen. Die gibt es zwar nicht unbedingt draußen, auf jeden Fall aber nur 800 Meter vom Internationalen Kongresszentrum entfernt. Im roten Ziegelgebäude des früheren schlesischen Museums in der Nähe des Marktes bietet die Stadtverwaltung den Kunden Sauerstoff an. Allerdings nur zwei Stunden pro Tag, jeden Vormittag während des Gipfels.

Die kleinen Röhrchen, hier auch Sauerstoff-Schnurrbart genannt, steckt man für 15 bis 20 Minuten in die Nase und schon sind die Hirnzellen fit. Eine der zahlreichen Überraschungen und Attraktionen, die jetzt in Katowice auf den Besucher warten. Die Bar heißt "Mit voller Brust" und ist ein Teil einer größeren Erholungszone, in der man auch Kaffee trinken und Zeitungen lesen kann. Nach dem Verlassen der Sauerstoffbar wird der Besucher den üblichen Katowicer Smog wohl erst richtig spüren können.

eine Frau an einem Sauerstoffgerät
20 Minuten Pause in der Sauerstoffbar Bildrechte: Górnośląsko-Zagłębiowska Metropolia

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im TV: 03.12.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 17:03 Uhr

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