Energiewende Osteuropa und der Kohleausstieg

In Osteuropa ist der Umgang mit Braun- und Steinkohle höchst unterschiedlich. Während Polen beispielsweise nach wie vor auf fossile Energieträger setzt, hat die Slowakei den Kohleausstieg für 2023 beschlossen und baut dafür seine Atomkrafte aus.

Kohle in Polen
Auch wenn es hier und da länger dauern wird: Kohlebagger sind ein Auslaufmodell. Bildrechte: imago/CTK Photo

Slowakei: Klimaziele dank Atomstrom erreichen

Während Deutschland bis spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen will, ist man in der Slowakei deutlich fixer: Dort sollen bereits 2023 alle Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Sieben Jahre früher als ursprünglich geplant, denn die Energiegewinnung aus dem fossilen Brennstoff ist für das Land ein Verlustgeschäft. Statt defizitäre Kohlegruben zu subventionieren, setzt die Regierung in Bratislava verstärkt auf Atomstrom. Windkraft- und Solaranlagen gibt es nur wenige im Land. Auch wenn man vor allem im Nachbarland Österreich nicht so begeistert über den geplanten Ausbau der Atomenergie in der Slowakei ist, denn das AKW Mochovce, erbaut nach sowjetischen Plänen, soll marode sein, ihre Klimaziele erreicht die Slowakei auf jeden Fall.

Atomkraftwerk Mochovce in der Slowakei
Gute Umweltbilanz dank Atomkraft: Das AKW Mochovce in der Slowakei Bildrechte: imago/United Archives

Polen: Briketts forever

Klimaziele? Für die polnische Regierung hat die Reduktion von CO2-Emissionen keine Priorität. Auch wenn das Land 2018 Gastgeber des 24. Weltklimagipfels war - Polen will weiter auf Kohle als Energieträger setzen. Derzeit erzeugt unser Nachbarland etwa 80 Prozent seiner Energie mit dem fossilen Brennstoff und hat damit den mit Abstand höchsten Kohleanteil aller 28 EU-Länder. Etwa 100.000 Menschen sind allein im polnischen Kohle-Bergbau beschäftigt, mindestens noch einmal so viele Arbeitsplätze hängen an der gesamten Kohlewirtschaft und ihren Zulieferern.

Braunkohlekraftwerk des polnischen Energiekonzerns PGE (Polska Grupa Energetyczna), aufgenommen in Bogatynia, Polen.
Braunkohlekraftwerk des polnischen Energiekonzerns PGE (Polska Grupa Energetyczna) in Bogatynia. Bildrechte: imago/photothek

"Wenn uns Gott die Kohle gab, so müssen wir das für uns nutzen", sagt Mirosław Truchan, Chef der Solidarność-Gewerkschaft in Schlesien. Solange es Kohle-Vorkommen gebe und diese wirtschaftlich zu fördern seien, müsse Polen sie auch für die Energiegewinnung einsetzen.

Aber Polen kommt sein Beharren auf den Energieträger Kohle teuer zu stehen. Das Land hat mit einer enormen Luftverschmutzung zu kämpfen, weil neben den Kraftwerken auch viele Haushalte noch immer mit Kohle heizen. Eine Studie verschiedener Umweltverbände ergab, dass der Smog in Polen jährlich 5.800 Tote verursacht. 127.000 Kinder litten wegen der Kohle an Asthma. Die Gesundheitskosten sind demnach enorm: Auf bis zu 16 Milliarden Euro belaufen sich die Schätzungen.

Immerhin: Erste Ansätze für den Umgang mit Kohle nach einem Ausstieg gibt es bereits. So produzieren Firmen in Schlesien aus dem "schwarzen Gold" Kosmetikprodukte und Schmuck.

Aber vielleicht setzt Polen nun doch bald verstärkt auch auf Kernenergie? Aktuell laufen jedenfalls Vorbereitungen für den Bau eines ersten Atomkraftwerks. Die Franzosen haben Anfang Februar 2020 Hilfe beim Bau angeboten.

Osteuropa

"MADE IN SCHLESIEN" Schwarzes Gold: Polnische Kohle für die Schönheit

Drei Frauen mit Kohlemaske im Gesicht.
Wer seiner Haut was Gutes tun will, der gönnt sich eine Aktivkohle-Maske wie diese Frauen. Die schwarze Pampe sieht erstmal unheimlich aus. Dafür soll sie Schmutzpartikel, Talg und Unreinheiten aus der Haut ziehen. Bildrechte: SADZA Soap
Drei Frauen mit Kohlemaske im Gesicht.
Wer seiner Haut was Gutes tun will, der gönnt sich eine Aktivkohle-Maske wie diese Frauen. Die schwarze Pampe sieht erstmal unheimlich aus. Dafür soll sie Schmutzpartikel, Talg und Unreinheiten aus der Haut ziehen. Bildrechte: SADZA Soap
Junge Männer präsentieren schlesische T-Shirts mit Bergbauer-Symbolen vom Hersteller "Gryfnie"
Und die Modebranche setzt auf T-Shirts mit kreativen Kohlebergbau-Motiven wie der Hersteller "Gryfnie" aus Katowice, was so viel wie das berlinische "dufte" bedeutet. Besonders dabei: Die T-Shirts sind bedruckt mit Sprüchen nach schlesischer Mundart. Die beiden Kerle tragen den "GRUBIORZ", also "Bergarbeiter". Bildrechte: Szymon Król
Junge Männer präsentieren schlesische T-Shirts mit Bergbauer-Symbolen vom Hersteller "Gryfnie"
Es ist mehr als nur ein modisches Accessoire: Mateusz Stajer (auf dem Bild) trägt die kultigen T-Shirts zwar nur für das Fotoshooting, aber der Fußballspieler aus Gliwice ist mit der Bergbautradition tief verwurzelt, wie er uns verrät. Bereits sein Vater, Opa und Onkels haben im Kohlebergwerk gearbeitet. Übrigens: Am 4. Dezember, auch als Barbaratag bekannt, wird in Polen auch der Tag des Bergmanns gefeiert. Bildrechte: Szymon Król
Polnischer Schmuck aus Kohle, Hersteller "I Coal You"
Modisch geht es weiter: Bekommt der gelbe Bernstein nun Konkurrenz? Polen zählt ja zu den bernsteinreichsten Ländern der Welt. Die Kohleverarbeitung ist vielfältig. Neben Möbeln verarbeiten auch Juweliere die "edlen" Steine im Schmuck. Bildrechte: I COAL YOU
Polnischer Schmuck aus Kohle, Hersteller "I Coal You"
Die Marke "I Coal You" wurde vor fünf Jahren von Katarzyna Depa-Tomczak gegründet. Wie sie dazu kam? Sie wollte eine Handyhülle mit einem schwarzen Stein. Es gab aber nur "Bernstein-Exemplare". Also mussten Kohle-Steine her und sie gründete ihre Manufaktur. Bildrechte: I COAL YOU
Polnischer Schmuck aus Kohle, Hersteller "I Coal You"
Als Juwelierin kauft sie jährlich rund sechs Tonnen Kohle. Davon werden rund 100 Kilogramm verarbeitet für Accessoires wie Ohrringe, Armbänder, Halsketten oder Manschettenknöpfe für Hemden und sogar für Eheringe. Bildrechte: I COAL YOU
Polnischer Schmuck aus Kohle, Hersteller "I Coal You"
Kohle-Schmuck ist Trend: Die schlesischen Accessoires verkauft "I Coal You" in acht Shops, darunter in Katowice. Die meisten Bestellungen werden über das Internet abgewickelt. Die Schmuckstücke werden auch in die USA verschickt. Bildrechte: I COAL YOU
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Tschechien: Zaghafte Schritte Richtung Ausstieg

Wie auch Polen und Ungarn blockiert Tschechien eine EU-Vereinbarung, die garantieren soll, dass die Union bis 2050 CO2-neutral wird. Aus gutem Grund: In Tschechien kommen aktuell 43 Prozent des erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken. Der Rest stammt aus Atomkraftwerken (33 Prozent) und aus Kraftwerken, die mit erneuerbaren Energien arbeiten (11 Prozent). Doch seit einigen Wochen scheint sich in Tschechien der Wind zu drehen. Denn wie Radio Prag unlängst meldete, tagte Ende August in der Hauptstadt zum ersten Mal eine Kohlekommission. Sie will den Ausstieg aus der Kohleförderung in Angriff nehmen. Konkrete Schritte könne man erst Ende 2020 bekanntgeben, hieß es.

Der Minister für Industrie und Handel Karel Havlíček ließ jedoch bereits durchblicken, wie er sich den Zeitplan für einen Ausstieg vorstellt: "Wir fördern noch an fünf Standorten Kohle. Um das Jahr 2038 herum sollten es aber nur noch zwei Standorte sein. In Deutschland spricht man von einem Ausstieg bis zum Jahr 2038, in anderen Ländern bis 2050. Wir sollten daher im Jahr 2040 bei zehn bis 15 Prozent der heutigen Kohleförderung liegen und sie dann schrittweise bis 2050 ausklingen lassen."

Bahnschienen zwischen Kohlenhalden.
43 Prozent des elektrisches Stromes in Tschechien werden aus Kohle gewonnen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Bulgarien: Kohleverstromung bleibt zentral

In Bulgarien liefern Kohlekraftwerke rund 45 Prozent der Elektronenergie. Etwa 35 Prozent produziert das in die Jahre gekommene Atomkraftwerk Kosloduj. Aus Gas-, Wasser- und Windkraftwerken kommt der Rest. Ernsthafte Pläne, zeitnah aus der Kohle auszusteigen, gibt es derzeit nicht. Stattdessen ist man bemüht, die Kohlekraftwerke mit besseren Filtern auszustatten, um die Luftverschmutzung einigermaßen in den Griff zu bekommen. Mit dem Bau des seit 1981 geplanten AKW Belene könnte Bulgarien seine Umweltbilanz aufbessern. Russlands Staatskonzern Rosatom hat bereits Interesse bekundet, in das Projekt einzusteigen.

Kohlearbeiter
Krisensicherer Job: Kumpel in einer bulgarischen Zeche Bildrechte: imago/UIG

Ungarn: Nur noch 13 Prozent Kohlestrom

Von einst elf Kohlekraftwerken ist in Ungarn nur noch eins am Netz (Mátrai Erőmű). Es produziert 13 Prozent des ungarischen Stroms. Kohleverstromung spielt damit in dem südosteuropäischen EU-Land kaum eine Rolle. Die Stromversorgung in Ungarn wird vor allem durch Atom- (ca. 40 Prozent) und Gaskraftwerke gedeckt. Erneuerbare Energien haben einen Anteil von rund 13 Prozent. Die großen Energieversorger des Landes MVM und MOL investieren auch in Solarparks. MVM plant am Standort seines Atomkraftwerkes Paks ein zweites AKW. Es soll ab 2020 vom russischen Staatskonzern Rosneft gebaut werden. Der Kohleausstieg ist für 2030 geplant.


(voq)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 12. September 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2020, 05:00 Uhr