Koltschenko
Flughafen Kiew: Im Rahmen eines russisch-ukrainischen Gefangenenaustauschs wurde Oleksandr Koltschenko am 7. September 2019 freigelassen. Bildrechte: Imago images / ZUMA Press

Koltschenko nach Haft "Siege gibt es nur mit Blut"

Mehr als fünf Jahre war der Ukrainer Oleksandr Koltschenko in russischer Gefangenschaft. Das Terrorismus-Verfahren gegen ihn in Russland beschreibt er als Schauprozess und will sich weiter politisch engagieren. Er ist zu Gast beim DOK Filmfestival in Leipzig, bei dem ein Film über ihn gezeigt wurde. HEUTE IM OSTEN hat ihn getroffen.

von Marius Emsel

Koltschenko
Flughafen Kiew: Im Rahmen eines russisch-ukrainischen Gefangenenaustauschs wurde Oleksandr Koltschenko am 7. September 2019 freigelassen. Bildrechte: Imago images / ZUMA Press

Seit knapp zwei Monaten ist er wieder auf freiem Fuß: der Aktivist Oleksandr Koltschenko. Mehr als fünf Jahre saß er in einem russischen Gefängnis im Ural. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und der Ukraine Anfang wurde er im September entlassen. Er ist froh, wieder zu Hause zu sein, seine Familie nach so vielen Jahren wieder um sich zu haben. Am schlimmsten sei die Isolationshaft gewesen, erzählt Koltschenko im Interview mit HEUTE IM OSTEN: "Die Zelle war zwei mal drei Meter groß, für zwei Gefangene, mit zwei Betten, die man aber tagsüber nicht nutzen konnte, weil sie an der Wand fixiert wurden. Dort kam ich in den ersten 15 Tagen rein."

Rückblick: Verhaftung 2014

Vor seiner Haft studierte der 29-Jährige auf der Halbinsel Krim Geografie mit Schwerpunkt Tourismus. Schon immer war er politisch aktiv, demonstrierte gegen Militarismus und Faschismus. Als Russland im Frühjahr 2014 Soldaten auf die Krim schickte, protestierte er gegen die Annexion. "Doch mit der Zeit wurden bei Demonstrationen immer mehr Freunde von mir festgenommen. Als dann auch noch russische Provokateure auf die Krim kamen, um Unruhe in der Bevölkerung zu verbreiten, habe ich mich entschieden, mehr zu machen", erklärt Koltschenko, der sich selbst als "Anarchist" bezeichnet.

Angelina Kariakina und Oleksandr Kolchenko 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 01.11.2019 18:06Uhr 01:13 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/video-351420.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Am 18. April 2014 war er an einem Brandanschlag auf das Gebäude der Partei "Russische Einheit" auf der Krim beteiligt. Hier sollen Misshandlungen stattgefunden haben, so Koltschenko. Es war nachts, das Gebäude leer, bei dem Anschlag ist zum Glück niemand verletzt worden.

Kolchenko wurde am 16. Mai 2014 verhaftet. Angehörige des russischen Geheimdienstes (FSB) brachten ihn von der nunmehr russisch annektierten Krim nach Moskau in Untersuchungshaft. Die Tat hatte er nie bestritten. Am 25. August 2015 verurteilte ihn ein russisches Militärgericht zu 10 Jahren Haft wegen "terroristischer Aktivitäten".

Mir war schon klar, dass ich so lange hinter Gitter komme, aber ich dachte nicht, dass sich Putin so lange hält und ich eher aus dem Gefängnis komme.

Oleksandr Koltschenko
Angelina Kariakina und Oleksandr Kolchenko 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 01.11.2019 18:05Uhr 01:42 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/video-351412.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Die "Krim-Terroristen"

Koltschenko gehörte zur Gruppe der sogenannten "Krim-Terroristen", zu der russische Behörden auch den Fotografen Gennadij Afanasjew, den bekannte Filmregisseur Oleg Senzow und den Historiker Oleksij Tschirnij zählten. Für Koltschenko ist das Verfahren ein Exempel, das Russland statuiert hat: "Man hat daraus einen Terrorismus-Fall gemacht, den ersten auf der Krim, um eine terroristische Gefahr herauf zu beschwören. Außerdem hat man mich in eine extrem rechte Ecke gestellt, obwohl ich genau das Gegenteil bin." Der auf der Krim geborene Koltschenko versteht das Urteil und den Prozess als Warnung an alle Kritiker auf der Halbinsel.

Ukraine aktuell Noch immer herrscht Krieg in der Ostukraine. Im seit 2014 andauernden Ukraine-Konflikt stehen sich im Osten des Landes ukrainische Regierungstruppen und prorussische Kämpfer gegenüber. Fast 13.000 Menschen wurden im Verlauf der Kämpfe getötet.
Zuletzt ist Bewegung in den Konflikt gekommen. Die ukrainische Armee hat damit begonnen, die Truppen aus einem Schlüsselsektor an der Frontlinie in der östlichen Region Luhansk abzuziehen. Gleichzeitig haben sich auch prorussischen Rebellen aus der Region zurückgezogen.

Der damalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesrepublik, Christoph Strässer, kritisierte das Strafmaß als unverhältnismäßig hoch und politisch motiviert. Das US-Außenministerium sprach sogar von einem eindeutigen Fehlurteil. Die OSZE forderte die sofortige Freilassung. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von einer "himmelschreienden Ungerechtigkeit" und einem "offenkundig unfairen Verfahren, das von glaubwürdigen Foltervorwürfen überschattet wurde".

Oleg Sentsov (L) und Alexander Kolchenko 2 min
Bildrechte: Imago images / ZUMA Press

Fr 01.11.2019 18:06Uhr 01:50 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/video-351418.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Glück im Unglück

Ansonsten habe er großes Glück gehabt, so Koltschenko. Auf dem Weg ins Gefängnis hörte er von Misshandlungen und katastrophalen Zuständen gehört – davon, wie Insassen acht Stunden lang verprügelt oder mit einem schrillen Sirenenton gefoltert wurden. Als Protest dagegen hätten sich Inhaftierte selbst verletzt, um auf die grausamen Haftbedingungen aufmerksam zu machen. Danach hätten sich die Verhältnisse im Gefängnis schlagartig gebessert.

Während der Haft habe er viel Sport gemacht, gelesen, mit anderen Häftlingen gesprochen und sich im Fernsehen über die russische Politik informiert. Koltschenko selbst beschreibt die Haftanstalt als "Sanatorium", das er jetzt hinter sich gelassen habe. Dabei lächelt er und hält im nächsten Moment gedankenversunken inne. Schwäche will er nicht zeigen.

Koltschenko: Will sich weiter politisch engagieren

Mehr als hundert ukrainische Bürger sind noch in russischer Gefangenschaft, deshalb müsse man seine Geschichte erzählen und auf einzelne Fälle aufmerksam machen, so Koltschenko. Rückblickend ergänzt er: "Das war es wert. Über meinen Fall wurde groß berichtet. Man hat von der Ungerechtigkeit erfahren. Und schließlich hat es viele andere zum Protest inspiriert. Siege gibt es nur mit Blut." Koltschenko will nun wieder studieren und weiter politisch aktiv sein – jedoch nicht auf der Krim, seiner Heimat. Dorthin wolle er erst wieder zurück, wenn Putin weg sei.

Anna Tsygyma und Angelina Kariakina (v.l.)
Anna Tsygyma und Angelina Kariakina (v.l.) Bildrechte: Conrad Weigert/MDR

Koltschenko beim DOK Festival Im Rahmen des ADAMI SHOWCASE bei DOK Leipzig wurde der ukrainische Dokumentarfilm "From Crimea to Siberia" von den Autorinnen Anna Tsygyma und Angelina Kariakina präsentiert. Der Film dokumentiert die schwierige Reise des ukrainischen Filmemachers Oleg Sentsov und des Aktivisten Oleksandr Kolchenko.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. September 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2019, 05:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr zum Thema