Die LGBTQ-Szene in Polen lässt sich nicht klein kriegen

Während in Berlin heute Lesben und Schwule feiern, erholt sich die LGBTQ-Szene in Polen von den Attacken gegen sie. Vor einer Woche waren Teilnehmer einer Pride-Parade in Białystok zusammengeprügelt worden. Hooligans und Nationalisten veranstalteten eine regelrechte Hetzjagd auf Menschen.

von Olivia Kortas

Ein junger Mann schwenkt fröhlich die Regenbogenfahne über seinem Kopf.
Trotz heftigen Gegenwindes: Die LGBTQ-Szene in Polen geht weiter für ihre Rechte auf die Straße. Bildrechte: imago images / Eastnews

Bis zu eine Million Menschen ziehen heute am Christopher Street Day durch die Straßen Berlins und fordern gleiche Rechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queere (LGBTQ) - mit bunten Flaggen, Musik und guter Laune. Doch 800 Kilometer östlich bekommt Aleksandra Kluczyk die Bilder von vergangenem Samstag immer noch nicht aus dem Kopf: In ihrer polnischen Heimatstadt Białystok schlugen Hooligans und Nationalisten auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Pride Parade ein. Sie beschimpften sie als "Schwuchtel" und "Kinderschänder" und bewarfen sie mit Eiern, Flaschen und Steinen.

Aleksandra Kluczyk
Eine der Organisatorinnen der Gay-Pride-Parade in Białystok: Aleksandra Kluczyk Bildrechte: Aleksandra Kluczyk

Die 22-jährige Kluczyk war eine der Organisatoren dieser ersten Pride-Parade in Polens konservatister Großstadt Białystok. Über die 800 Teilnehmer könnte sie sich eigentlich freuen. Allerdings waren diese in der Unterzahl. Auch die Polizisten fühlten sich offenbar machtlos angesichts der vielen Hooligans und Nationalisten. Sie blieben vor allem am Anfang passiv. Polen und ganz Europa reagierten geschockt auf die Bilder und Videos, die sich schnell im Netz verbreiteten.

Polizisten halten einen Mann gewaltsam am Boden. Hinter ihnen laufen demonstrierende Menschen.
Białystok am 20. Juli: Teilnehmer der Gay-Pride-Parade werden von Hooligans angeriffen. Die Polizei muss eingreifen. Bildrechte: imago images / Eastnews

Die Situation der LGBT verbessert sich in Polen rasant

"Ich war auf vielen Pride-Paraden und Demonstrationen, doch so eine Aggression wie in Białystok habe ich noch nie gesehen", sagt auch Krzysztof Kliszczyński. Der 51-Jährige gründete vor 24 Jahren Lambda, eine Warschauer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte von LGBTQ einsetzt. Halb im Scherz bezeichnet sich Kliszczyński deshalb als "der älteste LGBTQ-Aktivist Polens". Organisatorin Kluczyk und Aktivist Kliszczyński machen zwei Scguldige aus: Zum einen Artur Kosicki, Marschall der Region um Białystok und Politiker der Regierungspartei PiS. Er habe gegen Lesben und Schwule gehetzt und eine Gegenveranstaltung von christlich-traditionellen Famlien organsiert. Zum anderen seien die lokalen Pfarrer an der Aggressivität schuld, weil sie dazu aufriefen, Widerstand gegen den Marsch zu leisten.

Krzysztof Kliszczyński
der älteste LGBTQ-Aktivist Polens: Krzysztof Kliszczyńsk Bildrechte: Krzysztof Kliszczyński

Es scheint, als würde sich die Situation für polnische LGBTQ drastisch verschlechtern. Tatsächlich ist nach Ansicht von Krzysztof Kliszczyński aber das Gegenteil der Fall. "Polens Großstädte haben die kritische Schwelle überschritten, hier haben die Bürger begriffen, dass Schwule und Lesben ein Teil der Gesellschaft sind", sagt Kliszczyński. "In den kleineren Städten sieht es momentan so aus wie in den Großstädten vor zehn Jahren: Konservative und Katholiken wollen noch nicht akzeptieren, dass LGBTQ zu ihnen gehören." Aber auch das werde sich laut Kliszczyński bald ändern.

Einfluss der katholischen Kirche schwindet

Die katholische Kirche und die nationalkonservative PiS bäumen sich gegen die neue Toleranz auf. Besonders die Kirche muss hinnehmen, wie ihr Einfluss auf die polnische Gesellschaft schwindet. "In Białystok gingen 13-, 14-, 15-Jährige auf die Straßen, die keine Angst vor den Priestern haben und wissen, dass sie offen LGBTQ sein können", sagt Kliszczyński. Das neue Selbstbewusstsein der Lesben und Schwulen ist sichtbar. Während 2018 in Polen noch 15 Pride-Paraden stattgefunden haben, finden in diesem Jahr bereits 23 statt. Bis vergangenen Samstag waren sie alle friedlich verlaufen.

Eine Frau ateht mit anderen Menschen auf einer Wiese und demonstriert.
Beten gegen die Sünde - am 20. Juli in Białystok. Bildrechte: i

Die Regierung benutzt den Konflikt als für ihren Wahlkampf: Im Oktober wird ein neues Parlament gewählt. In Polen holt das Thema Flüchtlinge, mit dem die PiS bei der Wahl 2015 punkten konnte, mittlerweile keine Wähler mehr an die Urnen, ganz einfach, weil es keine Flüchtlinge im Land gibt. Deshalb warnt die PiS jetzt vor einer "Bedrohung der traditionellen Familie" durch Lesben und Schwule. Auch regierungsnahe Medien hetzen seit Monaten gegen die Minderheit. "Gazeta Polska" legte ihrer Ausgabe Sticker mit der Aufschrift "LGBT-freie Zone" bei, deren Vertrieb ein Gericht per einstweiliger Verfügung verbot. Auf regionaler Ebene zieht man mit: Mehrere Regionalparlamente, Kreistage und Magistrate unter PiS-Führung haben Resolutionen gegen "Homo-Propaganda" beschlossen. 

Ein bunter Aufkleber liegt auf einer Zeitung.
LGBT-freie Zone: Solche Aufkleber lagen auch vergangene Woche schon in polnischen Zeitschriften. Bildrechte: imago images / Eastnews

In den vergangenen Tagen fanden in mehrerer Städten Polens Solidaritätskundgebungen statt. Heute gegen Menschen in Białystok und Warschau auf die Straße. Viele Bewohner der polnischen Hausptadt sind schon in den vergangenen Tagen mit regenbogenfarbenen Jutebeuteln und Anstecknadeln durch die Straßen gegangen. Trotz der politischen Kampagnen gegen sie: Vor fünf Jahren hätten sie größere Angst vor Angriffen haben müssen als heute. Ein Schritt zurück ist aber dennoch möglich: "Die LGBTQ dürfen sich von der Aggressivität in Białystok nicht einschüchtern lassen, sonst erreichen die Hooligans und Nationalisten ihr Ziel", sagt Kliszczyński. Zumindest Kluczyk lässt sich nicht entmutigen. Sie will 2020 die zweite Pride Parade in Białystok organisieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Juli 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2019, 05:00 Uhr

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