Ein Teil der mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette, hier in Lettland, durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland, aufgenommen am 23.08.1989.
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Schwieriges Verhältnis Litauen und Russland: Gemeinsame Geschichte und wirtschaftliche Abhängigkeit

von Markus Nowak

Ein Teil der mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette, hier in Lettland, durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland, aufgenommen am 23.08.1989.
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Die Republik Litauen ist ein weitgehend homogener Staat. Unter den fast drei Millionen Einwohnern sind Russen mit etwa fünf Prozent und Polen mit etwa sechs Prozent die größten Minderheiten. Das Land betrieb Anfang der Neunzigerjahre eine Politik der Einbürgerung, mehr als 95 Prozent der ständigen Einwohner sind heute auch Staatsbürger. Trotzdem ist das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht völlig konfliktfrei. Im Frühjahr 2014 beschäftigte eine Online-Petition litauische Medien und sogar die Sicherheitsbehörde VSD in Vilnius in besonderem Maße.

Auf einer Petitions-Plattform wurden Unterstützer für den Anschluss eines Teils Litauens zu Russland, nach Vorbild der Krim, gesucht. Öffentlich sprach der VSD von einer "Provokation, auf die besonnen regiert werde". Bei dem Referendums-Gebiet handelt es sich um Klaipeda, das ehemalige Memel. Der Hafen der Stadt ist meist über das ganze Jahr eisfrei und rund 20 Prozent der 160.000 Einwohner sind Russen. Zudem liegt die Stadt direkt am Übergang zur Kurischen Nehrung und somit auch zur russischen Exklave Kaliningrad, dem ehemals deutschen Königsberg.

Erst Ende 2013 kursierten Medienberichte, wonach Russland atomwaffenfähige Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander-M in seiner Exklave heimlich aufstellen ließ. Litauen und auch der westliche Nachbar Polen reagierten erbost. Der Abschnitt zum Oblast Kaliningrad ist zwar die einzige Grenze zwischen Litauen und der russischen Föderation. Doch führt der direkte Landweg von Russland zu seiner westlichen Enklave durch das baltische Land. Der Transitverkehr ist rege und für Russland strategisch wichtig. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind jedoch angespannt.

"Beitritt" oder Annexion

Litauen blickt auf zwei Okkupationen durch die Sowjetunion zurück: 1940 bis 1941 und wieder ab 1944 bis zur Unabhängigkeit 1991. Die vielen orthodoxen Kirchen im Zentrum des katholischen Vilnius sind zudem ein Zeugnis der russischen Zarenherrschaft an der Neris bis zum Ersten Weltkrieg. Der Streit mit Russland dreht sich insbesondere um die Anerkennung der sowjetischen Besatzung: Moskau sieht die Inkorporierung Litauens 1940 zur Litauischen SSR als "Beitritt" und nicht als Annexion durch die Sowjetunion. Nach dem Krieg kämpften litauische Partisanen als "Waldbrüder" bis in die 1950er-Jahre gegen die sowjetischen Besatzer und mehrere Hunderttausend Litauer wurden in die GULAGs gen Osten verschleppt.

Den Weg in die Unabhängigkeit beschritten die Menschen in Litauen singend. Während der "singenden Revolution", die 1987 begann, sangen Litauer, wie auch Esten und Letten, nach Jahrzehnten der Unterdrückung ihre Volkslieder wieder öffentlich und verliehen so ihrem Protest gegen die sowjetischen Besatzer Ausdruck.

Neuer Parlamentschef in Litauen 1 min
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Blutiger Weg in die Unabhängigkeit

Soldaten, Panzer 4 min
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Am 11. März 1990 erklärte der erstmals frei gewählte Oberste Sowjet die Unabhängigkeit des Landes. Anfang 1991 jedoch versuchten sich Moskau-treue Kräfte mit Hilfe des sowjetischen Militärs zurück an die Macht zu putschen. Als "Vilniuser Blutsonntag" ist jener 13. Januar 1991 in die Geschichtsbücher eingegangen, an dem 14 Zivilisten getötet wurden, als sie Parlament und Fernsehturm gegen sowjetisches Militär verteidigten. In keinem der anderen baltischen Staaten war der Weg in die Unabhängigkeit von Moskau so blutig.

Menschen im Trauerzug begleiten einen Sarg 1 min
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Umso mehr drängte Litauen auf einen Beitritt und Integration in die NATO und zur EU, denn auch zum westlichen Nachbarn Polen bestehen Konflikte. Die beiden Nachbarn verbindet zwar eine jahrhundertelange gemeinsame, zugleich aber auch eine wechselvolle Geschichte. Zwischen 1569 und 1795 bildeten beide Nationen ein Königreich, in dem die polnische Sprache und der polnische Adel herrschten und die litauische Gesellschaft zunehmend polonisiert wurde. Geradezu allergisch reagieren daher noch heute litauische Medien und Politiker auf jegliche öffentliche Äußerungen oder Forderungen der polnischen Minderheit.

Wenn es um die EU-Ostpolitik geht, machen Warschau und Vilnius aber gemeinsame Sache. 2004 zeigte sich Vilnius als Unterstützer der Orangenen Revolution in der Ukraine. 2009 reiste der damalige Staatschef Valdas Adamkus während der Georgien-Krise in den Kaukasus. Und bei dem Vilniuser EU-Gipfel im Herbst 2013 sollte auf litauisches Betreiben hin das Assoziierungsabkommen zwischen EU und der Ukraine unterzeichnet werden. Vilnius hatte in der zweiten Jahreshälfte 2013 die EU-Ratspräsidentschaft inne und schrieb sich eine engere Annäherung der Länder der Östlichen Partnerschaft an die EU auf die Agenda. Das Scheitern des Abkommens entzündete die Maidan-Demonstrationen in der Ukraine.

Moskau verhängte im Herbst 2013 Importverbote für litauische Milchprodukte. Offizielle Begründung waren Qualitätsmängel. In Vilnius dagegen wird ein Zusammenhang mit dem EU-Gipfel nicht ausgeschlossen. Handelszwistigkeiten wie diese sind nicht selten und in der Baltenrepublik ist die Angst vor Sanktionen gegenüber Moskau groß. 19 Prozent der Waren exportiert Litauen nach Russland und importiert dafür 32 Prozent seines Bedarfs – vor allem russisches Gas. Seit der Abschaltung des Atomreaktors im Nordosten des Landes ist Vilnius Energieversorgung fast gänzlich von russischen Gaslieferungen abhängig. Somit bleibt die Beziehung zwischen Litauen und Russland – auch ohne offene Begehrlichkeiten Moskaus – angespannt.

Über Markus Nowak Jahrgang 1982, Studium der Neueren/Neusten Geschichte in Berlin, Warschau und Mailand, Redakteursausbildung am Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (München) und in der Katholischen Nachrichten-Agentur (Bonn), Autor für Osteuropa, lebt in Berlin

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 23. August 2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 11:14 Uhr

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