Kerzen zeigen ein Fragezeichen im Zusammenhang mit ungeklärten Mord an Journalisten Pawel Scheremet in Kiew (2016)
Kerzen erinnern an den getöteten Journalisten Pawel Scheremet in Kiew. Der Mord von 2016 war bis Ende Mai 2018 nicht aufgeklärt. Bildrechte: IMAGO

Hintergrund vom 01.06.2018 Ermordete Journalisten in Osteuropa

Gut 30 Journalistenmorde - das ist die Bilanz eines Jahrzehnts in Osteuropa. Die meisten von ihnen waren korrupten Machenschaften auf die Spur gekommen oder hatten schonungslose Kritik an den Regierenden geübt.

Kerzen zeigen ein Fragezeichen im Zusammenhang mit ungeklärten Mord an Journalisten Pawel Scheremet in Kiew (2016)
Kerzen erinnern an den getöteten Journalisten Pawel Scheremet in Kiew. Der Mord von 2016 war bis Ende Mai 2018 nicht aufgeklärt. Bildrechte: IMAGO

Im Februar 2018 sorgte der Mord am slowakischen Journalisten Jan Kuciak weltweit für Aufsehen. Der 27-Jährige war mit seiner Verlobten Martina Kusnirova in seinem Haus brutal von einem Auftragsmörder hingerichtet worden. Von ihm weiß man bis heute nur, wie er sich im Haus der beiden in einer westslowakischen Ortschaft vorwärts bewegte und, dass er mehrere unbenutzte Patronen hinterließ - in Mafiakreisen ein übliches Zeichen zur Abschreckung.

Verbindungen zwischen Mafia und Regierung

Hunderte von Kerzen stehen vor einem schwarz-weiß Foto auf welchem Jan Kuciak zu sehen ist.
Trauernde Menschen stellten im Februar 2018 Kerzen für den ermordeten Journalisten Kuciak und seine Verlobte auf einem zentralen Platz in Bratislava ab. Bildrechte: IMAGO/CTK Photo

Kuciak hatte für das slowakische Nachrichtenportal aktuality.sk gearbeit, wo er zuletzt über Verbindungen zwischen der slowakischen Regierungspartei Smer und der italienischen Mafia recherchiert hatte. Er fand heraus, wie die süditalienische Ndrangheta in der Slowakei illegal Agrarsubventionen abschöpfte und wie sie Verbindungen ins Umfeld des damaligen Premiers Robert Fico aufgebaut hatte. Vermutet wird, dass die Recherchen auch das Motiv für den Mord an ihm waren.

Die slowakische Generalstaatsanwaltschaft erklärte im März, man gehe von einem Auftragsmord aus. Der Täter ist bis heute nicht ermittelt. Der Mordfall Kuciak löste ein politisches Erdbeben aus. Regierungschef Robert Fico trat zurück, Innenminister Robert Kalinak, ebenso hochrangige Polizeibeamte.

Knapp 30 Morde in einem Jahrzehnt

Der Investigativjournalist Kuciak war nicht der einzige Reporter in Osteuropa, der wegen seiner kritischen Berichte getötet wurde. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" und des "Komitees zum Schutz von Journalisten" wurden allein zwischen 2008 und 2018 in Osteuropa 29 Journalisten ermordet, davon 20 in Russland und der Ukraine.

Die Unesco untersuchte hingegen die Jahre 2006 bis 2016. In diesen elf Jahren waren weltweit über 900 Journalisten getötet worden. Jedoch wurde laut Unesco-Analyse nur jeder zehnte Mord aufgeklärt. Mehr als die Hälfte der Fälle ist ungelöst oder die Ermittlungen laufen noch. Bei einem Drittel der Fälle kam die Unesco nicht einmal an Informationen, ob es überhaupt eine Untersuchung gab.

2016: Der Fall Scheremet in Kiew

Auch in Osteuropa sind viele Journalistenmorde bis heute nicht aufgeklärt: Einer davon ist der Mordanschlag auf den Journalisten Pawel Scheremet. Er hatte für die einflussreiche Nachrichten-Website "Ukrainska Prawda" gearbeitet. Am 20. Juli 2016 war er in seinem Fahrzeug auf dem Weg zur Arbeit durch eine Bombe getötet worden.

Der in Weißrussland geborene Scheremet galt als Kritiker von Kreml-Chef Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Letzterer hatte nach der Ermordung Scheremets die Aufklärung des Falls zur obersten Priorität erklärt. Doch die Ermittlungen ziehen sich dahin. Bis Ende Mai 2018 war weiter unklar, wer die Täter sind.

2017: Der Fall Andruschtschenko in Moskau

Ermittelt wird auch weiterhin im Fall des Angriffs auf den prominenten russischen Journalisten Nikolai Andruschtschenko. Der 73-Jährige war im April 2017 in St. Petersburg von Unbekannten so schwer verprügelt worden, dass er später den Folgen seiner Verletzungen im Krankenhaus erlag. Andruschtschenko war Gründungsmitglied der Zeitung "Nowy Peterburg". Der Journalist hatte Korruptionsfälle in seiner Stadt aufgedeckt und sich für Menschenrechte eingesetzt.

2018: Inszenierter Mord an Babtschenko

Am 29. Mai 2018 sorgte die angebliche Ermordung des russischen Journalisten Arkadi Babtschenko für Schlagzeilen. Die ukrainische Polizei teilte mit, er sei mit Schüssen in den Rücken getötet worden. Einen Tag später präsentierte sich Babtschenko quicklebendig auf einer vom ukrainischen Geheimdienst organisierten Pressekonferenz und erklärte, der Mordanschlag auf ihn sei nur inszeniert gewesen. Landesweit waren in den Medien schon Nachrufe auf ihn geschrieben worden, viele lobten ihn als unerschrockenen Putin-Kritiker.

Der ukrainische Geheimdienst argumentierte, er habe Anschlagspläne auf Babtschenko gegeben, die man mit der Aktion vereiteln konnte. Der russische Drahtzieher sei festgenommen worden. Dieser habe 30 Morde an weiteren Menschen im Auftrag des russischen Geheimdienstes geplant. Damit beschuldigen die Kiewer Sicherheitsbehörden den russischen Staat, er wolle im Ausland unliebsame Kritiker töten lassen. Konkrete Beweise wurden dafür bis Monatsende nicht geliefert. Der inszenierte Mord stieß bei vielen Journalisten auf Unverständnis.     

Anfang 2017 hatte Babtschenko Russland den Rücken gekehrt, weil er und seine Familie sich nach eigenen Angaben dort nicht mehr sicher gefühlt hatten. Er lebt derzeit in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und arbeitet dort als Blogger und für einen privaten Fernsehsender.

Zuerst veröffentlicht am 01.06.2018.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: FERNSEHEN | 30.05.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2018, 08:49 Uhr