Wachsende Müllberge Russen entdecken Umweltschutz

In Sachen Umweltschutz hinkt Russland seit Jahrzehnten den Industrienationen hinterher. Mülltrennung ist nahezu ein Fremdwort im Riesenreich. Doch nun entdecken die Bürger den Umweltschutz. Und auch Präsident Putin muss sich den kritischen Fragen einer Youtuberin stellen. Immerhin: Bei Naturschutzgebieten ist das Land führend.

von Maxim Kireev

Russland Umwelt Proteste
In der russischen Metropole Sankt Petersburg demonstrieren Aktivisten gegen eine geplante Mülldeponie. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Mit Ungeduld hatten die Bewohner der Region Arkhangelsk, rund 1.000 Kilometer nordöstlich von St. Petersburg, auf den Direkten Draht gewartet. Schon am Mittwochabend hatten sie Zelte aufgestellt, unweit der Baustelle einer neuen Mülldeponie. Dort soll schon bald Müll aus dem fernen Moskau abgeladen werden, der nicht mehr auf Deponien im Umland der Hauptstadt passt.

Im Zeltlager erwarteten die Demonstranten dann auch Journalisten der Staatssender aus Moskau, um sich bei Putin über die Baustelle zu beschweren. 170 Zelte und mindestens 500 Menschen hatten die Umweltaktivisten gezählt. Am Tag der Sendung wurde plötzlich der Übertragungsort von der Baustelle in die 40 Kilometer entfernte Kreisstadt Jarensk verlegt, berichteten Korrespondenten unabhängiger Medien vor Ort. Unter den Aktivisten wurden Zweifel laut, dass es überhaupt zu der Liveschalte kommt. Zu laut war ihre Kritik in den letzten Wochen wohl geworden.

Russland Umwelt Proteste
Proteste gegen eine Mülldeponie: Zeltlager bei Arkhangelsk. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Eine Bloggerin darf Putin fragen

Und so durfte die Frage zum Thema Umwelt, die von vielen Experten im Vorfeld der Sendung als eines der zentralen bewertet wurde, nicht die landesweit bekannten Aktivisten aus Arkhangelsk stellen. Stattdessen war es die 15-jährige Instagram-Bloggerin Kata Adushkina (3,3 Millionen Follower), die Wladimir Putin fragte, wann in Russland die Mülltrennung konsequent durchgesetzt werde. "Das ist tatsächlich ein Problem, dass Jahrzehntelang vernachlässigt wurde", erklärte der Präsident.

Aduschkina
Asugewählt: Die 15-jährige Bloggerin Kata Aduschkina durfte Präsident Putin auf das Müllproblem des Landes ansprechen. Bildrechte: Instagramm Kata Aduschkina

Mülltrennung? Fehlanzeige!

In der Tat wurde das Thema Umweltschutz in Russland über lange Jahre stiefmütterlich behandelt. Derzeit gibt es kein Pfandsystem und nur in Moskau und wenigen anderen Städten die Möglichkeit zur Mülltrennung. Selbst in der zweitgrößten Stadt Sankt Petersburg wird der gesamte Haushaltsmüll in einen großen Müllcontainer gekippt. Während die Entsorgungstarife meist unter vier Euro im Monat liegen.

Erst vor wenigen Wochen haben Einzelhandelsketten Pilotprojekte zur Rücknahme von Plastikflaschen und Dosen aus Aluminium gestartet. Bisher können Kunden das Leergut abgeben und zum Beispiel Rabatte auf Bier bekommen oder Ökotragetaschen erwerben. Bis zum Ende des Jahres soll zumindest in Moskau, St. Petersburg und Kasan ein Netz aus Automaten zur Annahme von Leergut in Zusammenarbeit von Einzelhandelsketten und dem staatlichen Konzern Rostec. Von einem flächendeckenden Pfandsystem wie es etwa in Europa oder einst in der Sowjetunion existiert hatte, ist bislang noch keine Rede.

Ein Mädchen sammelt Tetrapaks in Moskau ein
Mülltrennung in Russland: Wenn, dann freiwillig! Bildrechte: IMAGO

Strom aus erneuerbaren Energien: Weniger als ein Prozent

Ebenfalls in den Kinderschuhen steckt derzeit die Entwicklung erneuerbarer Energien in Russland, ausgenommen der großen Wasserkraftwerke an russischen Flüssen. Nach offiziellen Angaben macht die Erzeugung von Strom aus Wind und Solarkraftwerken derzeit deutlich weniger als einen Prozent am gesamten Strommix aus. Bis 2024 soll die Gesamtleistung auf 5,5 Gigawatt  steigen, und nach Berechnungen der Unternehmensberatung Moodys ein Prozent erreichen.

Industrie- statt Umweltpolitik

Vor einigen Jahren wurde vom Energieministerium ein Ausschreibungsprogramm ins Leben gerufen, um den Aufbau von Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen zu fördern. Der Staat garantiert Investoren Gewinn für die Bereitstellung von Erzeugungskapazität mit der Bedingung, dass bis zu zwei Drittel der Technik aus russischer Herstellung stammen muss. Experten kritisieren deshalb, dass der Staat hier vor allem Industriepolitik statt Energiepolitik im Sinne hat. Weil zunächst die notwendige Produktion in Russland aufgebaut werden musste, konnte erst im vergangenen Jahr der erste kommerzielle Windpark in Russland ans Netz gehen.

Beim Naturschutz ist Russland vorbildlich

Deutlich besser steht Russland dagegen bei Naturschutzgebieten da. Im Vergleich zum Thema Müll oder erneuerbare Energien gehört Russland auf diesem Gebiet zu den führenden Ländern der Welt. Wladimir Krewer von WWF Russland glaubt, dass das größte Flächenland der Erde eine gute Figur macht. "In den letzten Jahren wurden keine Naturschutzgebiete geschlossen, sondern neue aufgemacht." 2017 betrug die Fläche aller Naturschutzgebiete 232,2 Millionen Hektar.

Das entspricht etwa 13,6 Prozent der Landesfläche. 2012 betrug dieser Anteil noch 11,8 Prozent. Die größte Bedrohung geht laut Krewer nicht von staatlichen Stellen aus, sondern von gierigen Unternehmern, die Naturschutzgebiete gerne mit Wohnungen oder Infrastrukturobjekten bebauen würden. Gleichzeitig befindet sich ein großer Teil der Naturschutzgebiete in entlegenen Teilen des Landes, das ohnehin mit 8,57 Menschen pro Quadratkilometer weit weniger dicht besiedelt ist, als etwa Deutschland mit 224,6 Menschen. 

Flüße und Seen in der sibirischen Taiga von oben.
Unberührte Natur: Nationalpark in der russischen Taiga. Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Juni 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 05:00 Uhr