Ukraine Donbass: Vom überschaubaren Protest zum blutigen Dauerkrieg

2014 riefen Separatisten im Osten der Ukraine in den Großstädten Donezk und Luhansk so genannte "Volksrepubliken" aus und provozierten so einen Krieg, der bis heute mehr als 10.000 Opfer gefordert hat.

Karte Ukraine
Die Donbass-Region im Osten der Ukraine ist das größte Bergbau-Revier des Landes. Seit Frühjahr 2014 ist das Gebiet zwischen Sepratisten und Regierung umkämpft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Anfang standen das besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung in Donezk und zwei bis dreitausend Demonstranten davor. Mehr nicht. Und das in einer Stadt mit etwa einer Million Einwohner. Eine selbst ernannte "Volkswehr" hatte die "Volksrepublik Donezk" ausgerufen - und Russlands Präsidenten Wladimir Putin um Hilfe gebeten. In Kiew sei nach der Revolution auf dem Maidan-Platz eine "Junta" an der Macht, so argumentierte die selbst ernannte "Volkswehr". Und diese Junta trachte ihnen, den russisch sprechenden Menschen im Osten der Ukraine, nach dem Leben.

Mäßige Begeisterung für Aufstand in den "Volksrepubliken"

Tatsächlich standen viele Menschen in Donezk und der umliegenden Donbass-Region der neuen Regierung in Kiew kritisch gegenüber. Doch die Unterstützung für die "Volkswehren" und "Volksrepubliken" hielt sich anfangs in Grenzen. Die Szenen im Zentrum von Donezk wirkten im Frühjahr 2014 wie ein absurdes Theaterstück, eine lustlose Kopie der Demonstrationen von Kiew im Winter zuvor.

Die besetzte Gebietsverwaltung in Donezk im April 2014
Anhänger der selbsternannten "Donezker Volksrepublik" hatten das Gebäude der Gebietsverwaltung der Region im April 2014 besetzt. Bildrechte: MDR/Markus Reher

Jemand hatte Autoreifen als Barrikaden vor dem besetzten Verwaltungsgebäude aufgestapelt. Es gab Redner und ein improvisiertes Musikprogramm, ein Zelt stand irgendwo in den Grünanlagen, mit einer improvisierten Rotkreuzflagge notdürftig als Lazarett ausgewiesen. Drumherum ging das Stadtleben in der ostukrainischen Stahlmetropole seinen gewohnten Gang. Kaum etwas deutete in diesen ersten Tagen im April 2014 auf das hin, was folgen sollte: ein jahrelanger zermürbender Krieg.

Fatale Kettenreaktion mit blutigem Höhepunkt

Doch dann besetzten die Volkswehren beinahe täglich immer neue Verwaltungsgebäude im Donbass, dem Erz- und Kohlerevier an der Grenze zu Südrussland. In Luhansk nahmen sie die Geheimdienstzentrale ein, in Horliwka die Polizeistation und schließlich in Slowjansk auch die Polizeistation und die Stadtverwaltung. So wurde die Stadt kurzzeitig zur Hochburg der prorussischen Kämpfer im Donbass.

Ebenso schnell wie die Volkswehren machte sich nun die Angst breit in der übrigen Ukraine. Angst, dass Russland die Situation zu einem Einmarsch und einer Annexion nutzen könnten. So, wie es wenige Wochen zuvor auf der Halbinsel Krim geschehen war.

Die neue Regierung in Kiew schickte Truppen, und es begannen verlustreiche Kämpfe, die zu einem ersten blutigen Höhepunkt im Mai 2014 führten: der Schlacht um den Flughafen von Donezk. Schon damals gab es Hinweise russischer Verwicklungen in die Kämpfe. Ein internationales Journalistenteam konnte den Rücktransport gefallener russischer Kämpfer aus dem Donbass nach Russland dokumentieren. Moskau bestreitet allerdings bis heute, dass es die Separatisten mit seinen Soldaten und schweren Waffen unterstützt habe.

Zerstörter Flughafen Donezk
Der Flughafen von Donezk nach den Kämpfen 2014. Er war erst 2012 zur Fußball-EM in der Ukraine und Polen komplett erneuert worden. Bildrechte: dpa

Zerstrittene Volksrepubliken am Tropf Moskaus

Ohne die Unterstützung aus Russland hätten die selbsternannten Volksrepubliken bis heute kaum überlebt – militärisch nicht und wirtschaftlich erst recht nicht. Nur mit Geldern aus Russland konnten Donezk und Luhansk Renten und Gehälter auszahlen. Und es war Moskau, das den Separatisten half, eine schlagkräftige Armee aufzustellen. Offiziell heißt sie "Volksmiliz" und umfasst verschiedenen Schätzungen zufolge rund 20.000 Kämpfer in Donezk sowie 15.000 Mann in Luhansk.

Die Kämpfer stammen zumeist aus der lokalen Bevölkerung. Die Mehrzahl der Offiziere dagegen kommt aus Russland. Offiziell haben sie in der russischen Armee gekündigt, sind "im Urlaub" oder "freiwillig" zum Kämpfen in der Ostukraine. Ihre Expertise hilft den Separatisten, den militärischen Status Quo aufrecht zu erhalten. Die Frontlinie des Krieges hat sich innerhalb der letzten zwei Jahre nur minimal verändert.

In "außenpolitischen" Fragen geben sich die beiden Volksrepubliken einmütig, im Inneren trennt sie jedoch vieles. Zwischen den beiden "Volksrepubliken" gibt es eine Grenze und strenge Zollkontrollen. Alle bisherigen Versuche, die beiden als "Neurussland" oder "Kleinrussland" zu vereinen, sind gescheitert.

Ungewisse Zukunft

Die Diskussion um einen möglichen Einsatz von UN-Friedensstiftern im Donbass ist mittlerweile wieder abgeklungen. So bleibt das Minsker Abkommen vom Februar 2015 vorerst die einzige Grundlage für eine Beilegung des Konflikts. Das Abkommen, zustande gekommen unter Vermittlung des damaligen französischen Präsidenten François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel, konnte Schlimmeres verhindern und einen flächendeckenden Krieg in der Region stoppen. Frieden für die Menschen in der Ostukraine brachte das Abkommen jedoch nicht.

Entlang der Frontlinie gehen die Kämpfe jeden Tag weiter. Allein 2017 hat die Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) weit mehr als 300.000 Verletzungen der vereinbarten Waffenruhe gezählt. In 26.000 Fällen kamen dabei schwere Waffen wie Panzer und Artillerie zum Einsatz, die längst hätten abgezogen werden müssen. Der Krieg in der Ostukraine dauert inzwischen mehr als vier Jahre an – und er hat mehr als 10.000 Menschen ihr Leben gekostet.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 01.11.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 09:53 Uhr

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