(K)eine saubere Sache Polen: Wahlkampf mit deutschen Waschmitteln

Viele Polen kaufen ausschließlich orginal deutsche Waschmittel. Die für den polnischen Markt produzierten reinigen aus ihrer Sicht deutlich schlechter. Ein Thema, mit dem die Regierungspartei PiS nun Wahlkampf macht.

von Olivia Kortas

Geschäft für deutsche Waschmittel in Polen
Bildrechte: Olivia Kortas | MDR

Das Schaufenster lockt Kunden mit elf riesigen Persil-, Vizir-, Perwoll- und Ariel-Kartons. "Chemia z Niemiec", Haushaltschemie aus Deutschland, steht darüber auf einem schwarz-rot-goldenen Schild. Alle paar Minuten betreten Laufkunden den Warschauer Laden. In den schmucklosen Regalen steht Waschmittel an Waschmittel, Spülmittel an Spülmittel. Die Texte auf den Verpackungen sind deutsch. "Ich importiere und verkaufe Reinigungsmittel, die für den westeuropäischen Markt produziert wurden", erklärt Ladenbesitzerin Ewa Sokołowska, "Die Packung sieht in Polen genauso aus wie in Deutschland, aber es ist nicht das gleiche drin."

Wahlkampf mit Waschmitteln

In Polen hat sich "Chemie aus Deutschland" zum Markenzeichen entwickelt. Es steht für Qualität - aber auch für Ungerechtigkeit. Seit Jahren klagen Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei, dass Konzerne mehr Verdünnungsmittel in die Reinigungsprodukte für ihre Märkte mischen. "Chemie aus Deutschland" weckt deshalb Emotionen. Der Slogan steht für die empfundene Ungerechtigkeit innerhalb der Europäischen Union. Und Politiker haben das Potenzial des Themas längst ausgemacht: Es eignet sich bestens als Wahlkampfthema. Der Chef der Regierungspartei PiS, Jarosław Kaczyński, hatte das Waschpulverthema im Visir als er im April wetterte: "Für den gleichen Preis werden hier die gleichen Produkte verkauft, nur, dass sie schlechter sind und anders zusammengesetzt werden. Das ist nur ein Beispiel für eine Ungleichheit, die wir nicht akzeptieren dürfen", schlussfolgerte er.

Geschäft für deutsche Waschmittel in Polen
Bildrechte: Olivia Kortas | MDR

Jeder fünfte Pole kauft deutsche Reinigungsmittel

Die Kundinnen in Ewa Sokołowskas Laden kaufen original deutsche Waschmittel abseits politischer Ressentiments. Eine 43-jährige Frau hält eine Plastiktüte mit zwei "Perwoll"-Flaschen in der Hand. Pro Flasche hat sie umgerechnet sechs Euro bezahlt. "Im polnischen Rossmann oder im Supermarkt Biedronka gebe ich für das gleiche Produkt knapp unter vier Euro aus, aber für eine Wäsche brauche ich dann doppelt soviel Waschmittel", erklärt sie. Seit einem halben Jahr wäscht die Kundin mit deutschen Produkten. Sie ist begeistert: "Mit polnischem Perwoll riecht die Kleidung nur fünf Minuten lang gut, mit deutschem stundenlang".

Reinigungsmittel aus Deutschland gewinnen durch Online-Shops an Attraktivität, der Import nimmt zu. Im Jahr 2018 importierten die Polen nach Angaben des polnischen Statistikamtes Reinigungsmittel im Wert von umgerechnet 207 Millionen Euro aus Deutschland. Das entspricht etwa 133.000 Tonnen. Im Vorjahr waren es 122.000 Tonnen im Wert von 234 Millionen Euro. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes  PMR Consulting & Research kauft jeder fünfte Pole regelmäßig oder gelegentlich Reinigungsmittel aus Deutschland.

Doppelte Standards West-Schund in Osteuropas Supermärkten?

Seit Jahren klagen Verbraucher in Osteuropa über doppelte Qualitätsstandards bei Markenware. Trotz gleicher Verpackung sind manche Produkte in Polen oder Tschechien anders als "dasselbe" Markenprodukt in Deutschland.

Regale im Supermarkt.
Seit Jahren klagen Verbraucher in Osteuropa über doppelte Qualitätsstandards bei Markenware. Trotz gleicher Verpackung sind manche Produkte in Polen oder Tschechien anders als "dasselbe" Markenprodukt in Deutschland oder Frankreich: sie haben eine andere Zusammensetzung, riechen oder schmecken anders. Die osteuropäischen Verbraucher glauben, dass ihnen schlechtere Ware "untergejubelt" wird. Bildrechte: IMAGO
Regale im Supermarkt.
Seit Jahren klagen Verbraucher in Osteuropa über doppelte Qualitätsstandards bei Markenware. Trotz gleicher Verpackung sind manche Produkte in Polen oder Tschechien anders als "dasselbe" Markenprodukt in Deutschland oder Frankreich: sie haben eine andere Zusammensetzung, riechen oder schmecken anders. Die osteuropäischen Verbraucher glauben, dass ihnen schlechtere Ware "untergejubelt" wird. Bildrechte: IMAGO
Voller Einkaufswagen
2015 untersuchte die Universität Prag 24 Lebensmittel - jeweils in tschechischen und deutschen Supermärkten gekauft. Bei acht Produkten fanden die Forscher deutliche Unterschiede bei der Zusammensetzung und Beweise für schlechtere Qualität. Obendrein waren die Waren in Tschechien oft noch teurer als die qualitativ besseren Produkte für den deutschen Markt. Die Lebensmittelsicherheitsbehörden in Ungarn und der Slowakei kamen wenig später zu ähnlichen Ergebnissen. Bildrechte: IMAGO
Nutella
Die Budapester Lebensmittelsicherheitsbehörde testete unter anderem Nutella des italienischen Herstellers Ferrero. In der Behördenstudie heißt es, die ungarische Probe sei nicht so weich und streichfähig wie die österreichische. Die Zeitung "FAZ" konfrontierte den Konzern mit dem Vorwurf. Der erklärte, er stelle seine Produkte in verschiedenen Produktionsstätten her, doch entspreche die Qualität überall denselben Standards. Bildrechte: imago
Fischstäbchen-Produktion bei Iglo
Die tschechischen Forscher der Prager Universität für Chemie und Technologie überprüften 2015 auch die in ihrem Land angebotenen Iglo-Stäbchen. Das Ergebnis: Sie enthielten sieben Prozent weniger Fisch als deutsche Iglo-Stäbchen, wie auf der im Bild gezeigten Packung. Doch nicht nur das: Die tschechischen Iglo-Stäbchen waren 2015 sogar mehr als doppelt so teuer wie die deutschen, auch wenn sie weniger Fisch hatten. Bildrechte: dpa
Frühstücksfleisch der dänischen Firma Tulip
Beim "Frühstücksfleisch" der dänischen Firma Tulip fanden die Prager Prüfer 2015 heraus, dass es beim deutschen Produkt auf Schweinefleisch basiere, das tschechische aber hauptsächlich auf Separatorenfleisch - zumeist maschinell von den Knochen gelöstes Restfleisch, das bei vielen Verbrauchern als minderwertig gilt. Tulip konterte, die Dosenfleischprodukte würden weltweit mit unterschiedlichen Rezepten vertrieben und berücksichtigten den regionalen Geschmack und die jeweilige Preislage. Bildrechte: Tulip Food Company, Tulipvej
Werbung für Jacobs Krönung
Beim löslichen Jacobs-Kaffee aus dem tschechischen Supermarkt konnten die Prager Forscher hingegen ein Drittel mehr Koffein nachweisen als beim deutschen. Manchem Kaffeetrinker wäre wohl die tschechische Variante lieber ... Bildrechte: IMAGO
Tschechische Zeitungen
Für die Medien in den Visegrad-Ländern ist das Thema ein gefundenes Fressen. Die slowakische linksliberale Zeitung "Pravda" schrieb zum Beispiel, man könne nur schwer glauben, "dass den Menschen hinter dem früheren Eisernen Vorhang Lebensmittel besser schmecken, die mehr Ersatzstoffe oder Süßungsmittel enthalten". Es gehe den Firmen nicht um Geschmack, sondern um Geld. Bildrechte: IMAGO
EU-Flaggen vor dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel
Das Europäische Parlament hat im April 2019 zwar eine Richtlinie erlassen, die doppelte Qualitätsstandards verbietet, sie wurde aber stark aufgeweicht. So sind nur "erhebliche" Unterschiede unzulässig - ein dehnbarer Begriff. Außerdem gibt es viele erlaubte Ausnahmen. Viele Politiker und Verbraucher glauben deshalb, dass alles beim Alten bleibt. Und so bleiben Qualitätsunterschiede zwischen Ost und West nach wie vor ein Wahlkampfthema in Polen und Tschechien. Bildrechte: Colourbox.de
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Wie man ein Gesetz umgeht  

Im Oktober 2018 untersuchte die polnische Wettbewerbsbehörde UOKiK 101 Produkte, darunter auch Lebensmittel, die auf dem polnischen und dem westeuropäischen Markt die gleichen Etikette tragen. Dabei fand die Behörde heraus, dass sich die Zusammensetzung bei zwölf Produkten deutlich unterscheidet. Dennoch fehlen nach wie vor umfassende Untersuchungen, die die Vorwürfe eindeutig belegen. Die Produzenten verteidigen sich. Sie erklären, sie stimmten die Zusammensetzung auf die Vorlieben und Gewohnheiten der Konsumenten in Mittel- und Osteuropa ab.

Eigentlich sollte mit der Debatte längst Schluss sein: Bereits am 17. April 2019 hatte das Europaparlament ein Gesetz verabschiedet, das die Herstellung eines Produkts in erheblich verschiedenen Zusammensetzungen verbietet. Exptern zweifel allerdings daran, dass es das Problem lösen wird. Genau so sieht es auch Ladenbesitzerin Ewa Sokołowska: "Sehen Sie das Waschmittel dort? Vizir Gama! Das finden sie so nirgends in Polen", sagt sie lachend, "Die Produzenten drucken einfach einen neuen Namen auf den Karton und verkaufen das hochwertige Produkte dann nur in Westeuropa."

Über dieses Thema berichtete auch MDR AKTUELL im TV: 18.05.2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2019, 07:00 Uhr

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