Festivalbesucher sitzen 2011 in einem Plantschbecken im Schlamm
Unbeeindruckt von allen politischen Diskussionen: die Festivalteilnehmer haben Spaß. Bildrechte: IMAGO

Polen Pol‘and‘Rock: Ein Musikfestival wird politisch

In Küstrin hat das Musikfestival "Pol‘and‘Rock" begonnen. Seit die PiS an der Macht ist, werden dorthin nicht nur Musiker, sondern auch Regierungskritiker eingeladen. Der PiS und der Kirche gefällt es nicht. Doch die Veranstalter lassen sich nicht einschüchtern.

von Monika Sieradzka

Festivalbesucher sitzen 2011 in einem Plantschbecken im Schlamm
Unbeeindruckt von allen politischen Diskussionen: die Festivalteilnehmer haben Spaß. Bildrechte: IMAGO

Seit über 20 Jahren bläst Roman Polanski an einem Donnestagnachmittag mitten im Sommer in seine Pfeife und eröffnet damit das "Pol'and'Rock"-Festival in Küstrin, an der deutsch-polnischen Grenze. Roman Polanski? Ja, Sie haben richtig gehört! So heißt der inzwischen pensionierte Bahnwärter, der über die Jahre zu einer Art Maskotchen des Festivals geworden ist.

"Jedes Jahr finden sich Leute, die glauben, dass es um den Regisseur Polanski geht. Dann sehen sie mich und sind überrascht. Und dann haben wir Spaß miteinander", sagt der Bahnwärter, der stets gerne für allerlei Selfies und Scherze zu haben ist.

Regierungskritiker als Festivalgäste

Jetzt bekommt seine Pfeife eine neue, symbolische Bedeutung. Denn mittlerweile setzt er damit nicht nur das Festival, sondern auch eine politische Veranstaltung in Gang. Seit die PiS an der Macht ist, finden im Rahmen des Festivals, das jahrelang Haltestelle Woodstock hieß und erst seit 2018 den Namen "Pol'and'Rock" trägt, nicht nur Konzerte, sondern auch Treffen mit bekannten polnischen Regierungskritikern statt.

Jerzy Owsiak, 2017
Bekannt und populär in Polen: Festivalgründer Jurek Owsiak. Bildrechte: IMAGO

Der Gründer des Festivals Jurek Owsiak ist selbst Musiker und bringt seine liberalen Ansichten offen zum Ausdruck. Er will, dass bei seinem Festival "das freie Polen" zusammenkommt. So sind etwa der Menschenrechts-Ombudsmann Adam Bodnar, kritische Richter und bekannte Persönlichkeiten zu Stammgästen bei "Pol'and'Rock" geworden.

Sie kommen hierher, um mit jungen Menschen über Rechtsstaatlichkeit und Toleranz zu diskutieren. Dieses Jahr werden die Rechte der Schwulen und Lesben im Fokus stehen, ein aktuelles Thema nach dem Angriff von rechtsextremen Hooligans auf die LGBT-Parade im ostpolnischen Bialystok am 20. Juli 2019.

Dass jedes Jahr hunderttausende Jugendliche aus ganz Polen zu Jurek Owsiaks Festival strömen, gefällt weder der Kirche noch der PiS. Die polnische Polizei hat das Musikfest wegen angeblich potenzieller Terroranschläge und Prügeleien als eine Veranstaltung "mit erhöhtem Risiko" eingestuft.

Deutsch-polnische Zusammenarbeit beim Festival

2012 kamen die Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronislaw Komorowski noch gemeinsam nach Küstrin - ein Ausdruck guter nachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. Zahlenmäßig sind die Deutschen die größte Gruppe unter den ausländischen Besuchern. Auch die Zusammenarbeit von Polizei und Feuerwehr beider Länder hat hier Tradition.  

Joachim Gauck, Jurek Owiak und Bronislaw Komorowski, 2012
Schulterschluss: 2012 kamen die Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronislaw Komorowski nach Küstrin. In der Mitte Festivalgründer Jurek Owsiak. Bildrechte: IMAGO

Doch seitdem die nationalkonservative PiS an der Macht ist, wird diese Kooperation zunehmend eingeschränkt. Vor zwei Jahren hatte Polen kurzfristig entschieden, keine Polizeibeamten aus dem benachbarten Brandenburg auf dem Festival einzusetzen. Seit einem Jahr sind sie wieder da, doch die deutschen Brandbekämpfer werden nach wie vor nicht mehr eingeladen. Eine unverständliche Position, kritisiert Festivalsprecher Krzysztof Dobies. "Die Teilnahme der deutschen Feuerwehr halten wir für ein Symbol der deutsch-polnischen Freundschaft."

Für die Veranstalter ist die negative Stimmungsmache nichts Neues. "Wollt ihr wirklich, dass in Polen ein Festival mit muslimischen Immigranten stattfindet?" So lautete vor zwei Jahren die Frage auf der Twitter-Seite der PiS-Regierung. Das war die Reaktion auf die Aussage des Festivalorganisators Jurek Owsiak, der meinte, dass die kostenlosen Konzerte auch eine tolle Sache für die in Frankfurt an der Oder lebenden Flüchtlinge sein könnten. Die Aussage war wie ein rotes Tuch für die polnische Regierung, die sich mit allen Mitteln gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrt.

Eine junge Frau wird 2012 auf einem Festival-Gelände von Rettungssanitätern betreut.
Teamarbeit: Polnische und deutsche Einsatzkräfte helfen. Bildrechte: IMAGO

Sonderzüge für Festivalbesucher

Dieses Jahr haben sich die Organisatoren auch um die Anfahrt der Fans Sorgen machen müssen, die bislang aus ganz Polen mit Sonderzügen anreisen konnten. Grund dafür war ein Bericht des investigativen Portals "OKO.Press", in dem von einer möglichen Einstellung der Festivalzüge für die Musikfans die Rede war. Ein solches Vorhaben ging aus einem internen Briefwechsel regionaler Bahnbeamter hervor, der "OKO.Press" vorlag. Außerdem sollten die Routen planmäßiger Züge geändert werden, um die Station Küstrin zu meiden.

Nach den Enthüllungen erklärten die Regionalbahnen, dass sie keine Kapazitäten für Sonderzüge hätten und dass es nach dem "Pol'and'Rock" 2018 große Schäden an den Waggons repariert werden mussten. Laut Dobies stimmt das aber nicht: "Es gab keine Schäden in den Waggons, die Mitarbeiter der Bahn haben nichts dergleichen signalisiert".

Logo des Festivals Haltestelle Woodstock, 2012
Vorbei: "Haltestelle Woodstock" heißt seit 2018 "Pol'and'Rock". Bildrechte: IMAGO

Dass die Bahnbetreiber Sonderzüge für große Veranstaltungen zur Verfügung stellen, hat in Polen Tradition. Laut "OKO.Press" werden sie bei größeren Fußballspielen oder religiösen Veranstaltungen regelmäßig organisiert. So haben im Jahr 2016 die staatlichen Polnischen Bahnen 300 Sonderzüge für eine halbe Million Teilnehmer der Weltjungendtage bereit gestellt.

Dann gab es doch ein Einlenken: Die Regionalbahnen haben ihren Widerstand aufgegeben und zum Festival 153 zusätzliche Züge auf die Schienen gebracht. Die Musikfans freut das. Und viele ironisieren das Vorgehen der staatlichen Bahnbetrie in sozialen Netzwerken mit Bemerkungen wie: "Die PiS-Regierung schafft erst ein Problem und löst dieses später selbst. Großartig! Wir haben fantastische Politiker."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 03. August 2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2019, 12:11 Uhr

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