Jerzy Owsiak beim großen Finale der 26-ten Spendenaktion in Warschau.
Jerzy Owsiak ist der Gründer und das Gesicht der WOŚP-Spendenaktion. Bildrechte: IMAGO

Polen Regierungspartei PiS gegen Spendenaktion? Wenn Wohltätigkeit zum Politikum wird

Die Hilfsorganisation "Großes Orchester der Weihnachtshilfe" sammelt jährlich Geld für Polens Krankenhäuser. Dem rechtskonservativen PiS-Lager ist sie aber ein Dorn im Auge, da Jerzy Owsiak und die Hilfsorganisation auch das Festival "Haltestelle Woodstock" in Kostrzyn veranstalten. Doch die Polen spenden unverdrossen - auch in diesem Jahr wieder.

Jerzy Owsiak beim großen Finale der 26-ten Spendenaktion in Warschau.
Jerzy Owsiak ist der Gründer und das Gesicht der WOŚP-Spendenaktion. Bildrechte: IMAGO

Das "Große Orchester der Weihnachtshilfe", auf Polnisch "Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy" - kurz WOŚP - ist die größte nicht-staatliche und nicht-kirchliche Wohltätigkeitsorganisation in Polen. Jeden ersten oder zweiten Sonntag im neuen Jahr beginnt das Orchester das große Finale seiner Spendenaktion. Viele polnische Städte verwandeln sich dann zu einer riesigen Bühne. Es finden Konzerte, Happenings und Feuerwerke statt. Alle Darbietungen sind umsonst. Aber während dieser Unterhaltung wird Geld gesammelt – in Millionenhöhe!

Zwei junge Frauen sammeln in Bydgoszcz Geld.
Die beiden Schülerinnen aus Bydgoszcz sind zwei von 120.000 freiwilligen SpendensammlerInnen. Bildrechte: IMAGO

Den ganzen Tag sind über hunderttausend Freiwillige mit Sammelboxen unterwegs und bitten um Spenden für die medizinische Versorgung in Polens Krankenhäusern, vor allem für moderne Geräte. Jeder, der gespendet hat, bekommt zum Dank ein rotes Herz als Aufkleber.

Gesammelt wird nicht nur in Polen

Auch viele polnische Auswanderer beteiligen sich am WOŚP und veranstalten Sammelaktionen im Ausland, unter anderem in Deutschland.

Anna und Robert Lewandowski
Begehrte polnische Herzen – wer spendet, bekommt so einen Aufkleber.
Auch Fußball-Star Robert Lewandowski und seine Frau Anna haben 2017 die Spendenaktion unterstützt.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer großen Gala werden anschließend Gegenstände versteigert, die von prominenten Persönlichkeiten oder bekannten Firmen gespendet wurden. In diesem Jahr unter anderem ein Trikot des Fußballers Robert Lewandowski und das Kostüm, das die polnische First Lady Agata Kornhauser-Duda bei einem Treffen in Polen mit Donald Trump getragen hat. Vor allem Neugeborenen und kranken Kindern kommt das Geld zugute, aber auch anderen Patientengruppen.

Rekordsumme trotz erschwerter Bedingungen

Zwar wird erst im März die endgültige Spendensumme verkündet, aber schon jetzt steht fest: Am Abend des 26. Spendenfinaltages sind 81.423.542 Złoty zusammengekommen, das sind umgerechnet rund 20 Millionen Euro.

62,4 Millionen Złoty (ca. 15 Millionen Euro) waren es vergangenes Jahr zum Zeitpunkt des Spendenfinaltags. Heute sind es schon fünf Millionen mehr als im Vorjahr – ein neuer Zwischen-Rekord! Insgesamt kamen dann 105 Millionen Zloty zusammen. Bis März wird die Summe vom Vorjahr sicherlich noch getoppt: "Obwohl uns staatliche Stellen nicht unterstützt haben", so Jerzy Owsiak, der Chef vom WOSP, "haben wir Polen es geschafft. Wir danken allen Helfern sehr."

Jerzy Owsiak ist der Gründer und das Gesicht der Hilfsorganisation, die Anfang der 1990er ins Leben gerufen wurde. Auslöser war damals die finanzielle Krise in den polnischen Krankenhäusern. Moderator Owsiak hat sie 1992 in seiner Fernsehsendung angesprochen und das hat die Polen bewegt. Die karitative Megaveranstaltung schlug von Anfang an durch. Bis heute vertrauen die Polen ihm. Owsiak veröffentlicht jedes Mal alle Einnahmen und Ausgaben der Spendenaktionen.

Die WOSP-Finalsendung verzeichnet im TV großes Interesse: Rund 13 Millionen Fernsehzuschauer wollten sich dieses Jahr die große TV-Gala auf den polnischen Sendern (TVN, TVN24, TTV) nicht entgehen lassen.

Seit dem Amtsantritt der PiS-Regierung vor zweieinhalb Jahren werden der Spendenaktion allerdings zunehmend Steine in den Weg gelegt. So wird die Abschlussgala nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVP ausgestrahlt, seitdem dort ein ehemaliger PiS-Abgeordneter das Sagen hat. Das Medium hatte die Aktion seit ihren Anfängen unterstützt und indem es Millionen Zuschauer erreichte, maßgeblich zu ihrer Popularität beigetragen. Auch die polnische Armee beteiligt sich neuerdings nicht mehr an der Aktion. Früher hat sie unter anderem Kurse in Flugsimulatoren versteigert.

Regierungsvertreter stellen sich offen gegen die Spendenaktion

Laut Statistik spendet jeder Pole für die Aktion mehr als einen Zloty. Über die Jahre flossen Dank dieser Spenden schon über 100 Millionen Zloty in Polens Entbindungsstationen und sorgten für eine bessere medizinische Versorgung von Frühchen und kranken Neugeborenen. 3.844 Geräte für die Neugeborenenvorsorge und 1.160 Inkubatoren konnten unter anderem davon gekauft werden, sowie 367 Reanimationseinheiten und 344 Herzmonitore – so wird es auf der offiziellen WOSP-Website angegeben. Und dennoch: Das Regierungslager macht Stimmung gegen die karitative Aktion des WOSP. Schon vor zwei Jahren erklärte ein PiS-Abgeordneter: Beamte, die mitmachen, sollten am nächsten Tag ihren Dienst quittieren.

Gründer der Aktion .Jerzy Owsiak an einem Frühchenbett.
Ein Teil des Erlöses der WOSP-Spendenaktion ging 2016 an die Kinderkardiologie in Danzig. Owsiak präsentiert hier ein neues Herzultraschall-Gerät. Bildrechte: IMAGO

Dass eine apolitische Wohltätigkeitsaktion im heutigen Polen ein Politikum ist – dafür hat WOSP-Sprecher Krzysztof Dobies kein Verständnis: "Wir bauen unser Großes Orchester der Weihnachtshilfe auf den Begriff der Solidarität, wir wollen uns über das erheben, was uns trennt. Wir fragen die Patienten nicht, ob sie Anhänger der Regierungspartei PiS oder einer anderen Partei sind. Auch die politischen Ansichten der Krankenhausdirektoren sind uns egal", wird Dobies im Deutschlandfunk zitiert. Doch sein Bemühen ist vergeblich.

Dreh- und Angelpunkt der Kritik der Nationalkonservativen ist das Rockfestival "Haltestelle Woodstock", das seit 1995 ebenfalls jährlich von Owsiak und dem WOSP organisiert und veranstaltet wird. "Leute, die spenden, wissen nicht, dass aus diesen Mitteln auch das Musikfestival 'Haltestelle Woodstock' finanziert wird. Und dort werden die Werte der Zivilisation des Todes hochgehalten. Wenn ich das nicht unterstütze, bin ich nur konsequent", so eine Erklärung, die der Vize-Justizministers Patryk Jaki kurz vor der diesjährigen Spendengala gab.

Angriffsziel: das Festival "Haltestelle Woodstock"

"Haltestelle Woodstock" ist das größte eintrittsfreie Open-Air-Festival Europas. Es entstand 1995 mit der Idee, sich bei allen freiwilligen Helfern der Spendenaktion zu bedanken. Inzwischen kommen über 700.000 Besucher zu diesem Kultevent, das seit 2004 in der polnischen Grenzstadt Kostrzyn (dt.: Küstrin) an der Oder stattfindet. Immer wieder treten dort Personen auf, die sich klar gegen die Regierungspartei PiS positionieren und zum Beispiel gegen ein Verbot von Abtreibung sind. Finanziert wird das Ereignis größtenteils mit Hilfe von Sponsoren. So ist es wohl vor allem der liberale, ausgelassene Geist des Festivals, an dem die Nationalkonservativen Polens Anstoß nehmen.

Immer wieder wird dem Festival vorgeworfen, einen schlechten Einfluss auf die Jugend zu nehmen. Abgesehen vom Alkohol, seien auch Drogen im Umlauf. Vertreter aus dem rechtskatholischen Lager sprechen gar von einem "satanistischen Einfluss". "Es stimmt nicht, dass das Festival eine Ansammlung von Junkies ist", wehrt sich Veranstalter Owsiak immer wieder. Seit die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an der Macht ist, wird Polens "Woodstock" außerdem von den polnischen Behörden als Veranstaltung mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft.

Besucher eines Festivals vor einer Bühne
Drei Tage Schlamm, Bier und Treffen mit NGOs wie Greenpeace und Amnesty International stehen auf dem Programm. Und natürlich viel Musik. Zum Line-Up 2017 zählten neben polnischen Bands wie Materia und Wilki auch internationale Stars wie die schwedischen Rocker Mando Diao. Doch die 23. Ausgabe des Festivals droht die letzte gewesen zu sein. Bildrechte: IMAGO

2017 hat das Festival am seidenen Faden gehangen, nachdem Polens Innenminister Mariusz Blaszczak von Terrorgefahr sprach und dies mit den im benachbarten Brandenburg lebenden Flüchtlingen begründete. Indem Owsiak dann neben Vertretern aller Religionen und etlicher NGOs dezidiert auch Flüchtlinge aus Deutschland zum Festival einlud, wurde er endgültig zum Feindbild der Regierungspartei. PiS ist strikt gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Polen. Den Regierenden gehe es nicht um Sicherheit, sondern darum, das Festival ganz zu verhindern, meinte Owsiak damals. Unlängst kündigte er an, dass die von ihm geleitete Stiftung sowohl um die Spendenaktion als auch um das Woodstock-Festival kämpfen werde.

Spenden als politisches Statement?

Die Zeiten, als Polens Behörden Owsiak und seine Organisation WOSP noch tatkräftig unterstützten, sind lange vorbei. Heute stehen sich zwei Lager mit verschiedenen Geisteshaltungen beinahe feindlich gegenüber: die liberalen, weltoffenen Spendensammler auf der einen Seite, die nationalkonservative Regierung und ihre Anhänger auf der anderen. Erstere wollen Rock'n Roll, Letztere kirchliche Sternsinger. "Sich an der Spendenaktion zu beteiligen, ist deshalb fast schon so etwas wie ein Statement gegen die Nationalkonservativen geworden", bedauert Zdzislaw Garczarek, der Leiter des Kulturhauses von Kostrzyn.

Immer häufiger wird gemutmaßt, dass wohl genau aus diesem Grund der Spendenrekord erzielt wurde – sowohl der des vergangenen Jahres als auch der abzusehende in diesem Jahr.

(kmo/ama)


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Auf gute Nachbarschaft - Polen: Solidariät mit großem Herzen | 28.01.2012 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2018, 15:06 Uhr