Verbotener Dichter Rumänien 1989: Mircea Dinescu verkündet den Sieg der Revolution

"Der Diktator ist gestürzt! Das Volk hat gesiegt! Rumänien ist unser! Gott hat uns geholfen!" Mit diesen Worten, die Finger dabei zum Victory-Zeichen erhoben, verkündete ein Mann am Abend des 22. Dezember 1989 im rumänischen Fernsehen euphorisch den Sieg der Revolution. Er war von einer Handvoll wild gestikulierender Getreuen umgeben, hatte eine auffällige Zahnlücke und trug einen selbstgestrickten Pullover. Der Mann war Mircea Dinescu, ein von Ceausescu verbotener Dichter, der an diesem Abend zum Helden der Nation avancierte.  

Mircea Dinescu umringt von Menschen.
22. Dezember 1989: So wurde der Sturz von Diktator Nicolae Ceausescu im rumänischen Fernsehen verkündet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vom gefeierten Dichter zum Staatsfeind

Dissident Mircea Dinescu
Mircea Dinescu galt als "rumänischer Majakowski" Bildrechte: IMAGO

Der 1950 geborene Mircea Dinescu wurde Anfang der 1970er-Jahre als größtes Talent der rumänischen Literatur gefeiert und bekam für seine in rascher Folge erschienenen Gedichtbände zahllose Auszeichnungen. Doch der als "rumänischer Majakowski" gerühmte Dichter wurde für das Ceausescu-Regime schon bald zu einem gravierenden Problem, da er unverhohlen Kritik an den politischen Verhältnissen im Land übte. 1985 schließlich wurde Dinescu mit einem Publikationsverbot belegt. Über Wasser hielt er sich mit Veröffentlichungen seiner Gedichte im Westen und einem Redakteursposten beim rumänischen Schriftstellerverband.

Im März 1989 gab Dinescu der französischen Tageszeitung "Liberation" ein Interview, in dem er mit Ceausescu und dessen Regime scharf ins Gericht ging. Postwendend wurde er unter Hausarrest gestellt und vom Schriftstellerverband seines Postens enthoben. Aus Solidarität mit Dinescu druckte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" daraufhin jeden Monat ein Gedicht von ihm. Als im Dezember 1989 die Proteste gegen das Regime von Nicolae Ceausescu Form annahmen, gehörte Dinescu zu den Oppositionellen der ersten Stunde. Nachdem er dann auch noch vor der ganzen Nation das Ende der Diktatur verkündet hatte, schien dem Dichter eine glänzende Zukunft gewiss zu sein, vielleicht gar als Präsident Rumäniens.

"Willkommen, Konsumgesellschaft!"    

Doch Rumänien war nicht die ČSFR, wo der Dichter und Oppositionelle Václav Havel zum Präsidenten gewählt wurde. In Bukarest blieben die alten Parteikader weitestgehend an der Macht, ganz so, als hätten sie sich in einer Art Palastrevolution nur ihres alten Chefs entledigt. Präsident wurde Ion Iliescu, ein ehemaliger ZK-Sekretär, den Ceausescu einstmals kaltgestellt hatte. Mircea Dinescu wurde stattdessen Mitglied der "Front der Nationalen Rettung" und übernahm noch den Vorsitz des rumänischen Schriftstellerverbandes.

Doch nur wenige Monate später hatte Dinescu keine Lust mehr auf seinen Posten bei der "Front der Nationalen Rettung" und verließ die politische Bühne. "Willkommen, Konsumgesellschaft, entjungfere auch du uns, nimm auch du uns von vorn, drechsle uns aus den Nierensteinen ein paar Glückswürfel. Ab heute reden wir den Arsch nicht mehr mit Genosse, sondern mit Herr an", schrieb er in diesen Monaten in einem Artikel, durchaus ernüchtert von der Wirklichkeit in seinem Land. Präsident des Schriftstellerverbandes blieb er noch für einige Zeit.

Publizist und Weinbauer

Aus dem öffentlichen Leben zog sich Dinescu allerdings keineswegs zurück, ganz im Gegenteil. Im Laufe der Jahre gründete er diverse Wochenzeitungen, Satirezeitschriften und sogar ein Hochglanz-Magazin. Nebenbei verfasste er Kommentare und Glossen, in denen er sich kritisch mit den Zuständen in seinem Land auseinandersetzte. Vor einigen Jahren erwarb Mircea Dinescu ein heruntergekommenes Weingut, das er seither bewirtschaftet. Als Dichter ist Mircea Dinescu allerdings schon kurz nach dem Sturz Ceausescus weitestgehend verstummt.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 18.04.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2017, 09:01 Uhr