Die Rubelkrise 1991 oder die Geburt der Oligarchen

Boris Jelzin 1991 in Leningrad
Der ebenso trinkfeste wie wankelmütige Boris Jelzin, der den Russen und den anderen Völkern der UdSSR einerseits die Freiheit beschert hatte, nahm ihnen dafür aber auch allerhand fort: einen bescheidenen Wohlstand, die Nation und jede Perspektive auf eine bessere Zukunft für die überwiegende Mehrheit der Russen. Seine Wirtschaftsreformen von 1991 bis 1993 waren geprägt von ungeheuerlicher Brutalität gegenüber den einfachen Leuten Russlands. Bildrechte: IMAGO
Andrei Melnitschenko
Andrej Melnitschenko war 18, als er den Grundstein für ein sagenhaftes Vermögen legte. Während seines Mathematik-Studiums an der Moskauer Lomonossow-Universität gründete er 1990 eine erste Wechselstube, um mit Devisen zu handeln. Der junge Mann hatte instinktsicher erkannt, wie er die Hyperinflation in der zerfallenden UdSSR mit einem ziemlich simplen System für sich nutzen kann: Er lieh sich beträchtliche Summen in Rubel zu 10 bis 13 Prozent, wechselte sie wenig später in Dollar um und tauschte die Dollar schließlich mit beträchtlichem Gewinn wieder in Rubel zurück. Eine Jahr später war Melnitschenko dann schon Besitzer einer Wechselstubenkette, die 1993 in seiner MDM-Bank aufging. Die Bank betrieb vor allem Devisen- und Wechselgeschäfte. Am 11. Oktober 1994, dem sogenannten "schwarzen Dienstag", als der Rubel ins Bodenlose stürzte, machte Melnitschenko ein phänomenales Geschäft: Er deckte sich mit Rubeln ein und wartete auf bessere Zeiten. Als der Rubel sich wieder erholt hatte, war Melnitschenko um geschätzte 10 Millionen US-Dollar reicher. Bei der nächsten Rubelkrise 1998 ging er genau andersherum vor: er stieß seine Rubel-Anleihen ab, kaufte dafür Dollar und wettete, dass der Rubel noch tiefer sinken würde. Am Ende stand ein Gewinn von etwa 200 Millionen US-Dollar. Bildrechte: IMAGO
Vladimir Potanin (Präsident Oneximbank) in Moskau (2002)
Vladimir Potanin gilt den Russen als Inkarnation des Krisengewinnlers – dreister als der Absolvent des "Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen" und einstige Chef der Moskauer RGW-Bank ist kaum ein Oligarch an seine Milliarden gekommen. Als Stellvertretender Ministerpräsident in einer der Regierungen Boris Jelzins stellte Potanin 1995 auf einer Regierungssitzung sein Programm "Kredite für Aktien" vor. Einige ausgesuchte Banken sollten dem kollabierenden Staat Geld leihen und als Sicherheit Aktienpakete der ebenfalls siechen Staatsbetriebe bekommen. Potanins Programm wurde angenommen. Weil der Staat die Kredite aber nicht zurückzahlen konnte oder wollte, gingen etliche Betriebe in den Besitz von Oligarchen über. In einer Art Insidergeschäft angelte sich auch Potanin ein Filetstück der russischen Wirtschaft – für einen Kredit über 250 Millionen Dollar sicherte er sich die Mehrheit an "Norilsk Nickel", dem Weltmarktführer bei der Nickel und Palladium-Gewinnung. Heute ist Potanins Konzern satte 34 Milliarden Dollar wert. Bildrechte: IMAGO
Boris Jelzin 1991 in Leningrad
Der ebenso trinkfeste wie wankelmütige Boris Jelzin, der den Russen und den anderen Völkern der UdSSR einerseits die Freiheit beschert hatte, nahm ihnen dafür aber auch allerhand fort: einen bescheidenen Wohlstand, die Nation und jede Perspektive auf eine bessere Zukunft für die überwiegende Mehrheit der Russen. Seine Wirtschaftsreformen von 1991 bis 1993 waren geprägt von ungeheuerlicher Brutalität gegenüber den einfachen Leuten Russlands. Bildrechte: IMAGO
Treffen führender Industrieller und Bänker bei President Boris Jelzin (1997)
Fast die komplette Industrie des Riesenreiches wurde unter Jelzins Präsidentschaft an eine Handvoll mehr oder weniger skrupellose Banker und Geschäftsleute verscherbelt. Während einige Wenige unvorstellbar reich wurden, verarmten gleichzeitig Millionen Russen. Bildrechte: IMAGO
1996 Boris Berezovsky und Vladimir Gusinsky
Der 1946 geborene Boris Beresowski (links), Doktor der Mathematik, arbeitete zu Sowjetzeiten in den edelsten Forschungsinstituten des Landes. Als die UdSSR zerfiel und der Rubel von einer Krise in die nächste taumelte, entschloss sich Beresowski, in die Privatwirtschaft zu wechseln. Er verdiente Millionen mit ebenso gewagten wie gewitzten Transaktionen und stieg binnen kurzen zum reichsten Mann Russlands auf. Er verstand sich bestens mit Boris Jelzin und zunächst auch mit Wladimir Putin. 2000 aber kühlte das Verhältnis ab und Beresowski entschloss sich vorsichtshalber, Russland zu verlassen. Nach wechselnden Aufenthalten in verschiedenen Ländern ließ er sich schließlich in London nieder. 2013 wurde Boris Beresowski stranguliert in seinem englischen Schloss gefunden. Die Behörden gingen von Selbstmord aus. Später wurden Zweifel an dieser Version laut. 2015 verkündete die britische Steuerbehörde, dass Beresowski dem britischen Staat 46 Millionen Pfund Steuern geschuldet habe. Bildrechte: IMAGO
Wladimir Putin mit Vladimir Vinogradov (re.)
Der Weltraumenergetiker Vladimir Vinogradov (rechts im Bild) arbeitete lange Jahre als Flugzeugingenieur, ehe er 1986 eine steile Karriere bei der staatlichen Promstroj-Bank machte. Als deren Chefökonom finanzierte er etliche Unternehmensgründungen. 1988 gründete Vinogradov eine der ersten Privatbanken in der UdSSR - Inkom. Viele staatliche Behörden legten ihre Gelder auf den Konten der neuen Bank an. Ende der 1980er Jahre galt Inkom als die mächtigste Bank der UdSSR. Als die UdSSR 1991 zerfiel und der Rubel von einer Krise zur nächsten taumelte, verhalf Inkom etlichen Staatskonzernen zu dringend benötigten Finanzmitteln und erhielt als Gegenleistung Anteile an den Firmen. Und so besaß die Bank bald ein imposantes Industrieimperium – Stahlwerke, Pipelines, Flugzeugfabriken Textilfirmen und Vinogradov galt als einer der mächtigsten Männer Russlands. 1998 stand Inkom vor dem Konkurs – Vinogradov und seine Manager hatten sich mit Devisengeschäften verspekuliert, die Schulden beliefen sich auf 855 Millionen US-Dollar. Vinogradov focht das nur wenig an - er hatte beizeiten ein hübsches Sümmchen aus der Bank abgezweigt und ins Ausland transferiert. 1999 floh er aus Russland. Vladimir Vinogradov starb, 52-jährig, 2008. Bildrechte: dpa
Vladimir Gusinsky
Der studierte Mathematiker Vladimir Gusinskij, hatte bereits zu Sowjetzeiten ein kleines Vermögen angehäuft: Kupferarmreifen, die er für drei Kopeken das Stück produzieren ließ, hatte er Hunderttausendfach im ganzen Land für fünf Rubel das Stück verhökert. Eine beträchtliche Gewinnspanne… Wenig später stieg Gusinskij in Moskau ins Bau- und Immobiliengeschäft ein. Seinen Aufstieg zu einem der reichsten Männer Russlands verdankt er hingegen einem weiteren Coup – der Gründung einer eigenen Bank, der Most-Bank, 1989. Dank guter Bekannter aus Politik und Wirtschaft, wie etwa dem Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow, der ihm die Verwaltung der Stadtkasse anvertraute und Immobilien in bester City-Lage zur Restaurierung überließ, flossen Anfang der 1990er Jahre Millionen auf Gusinkijs Konten. Bildrechte: IMAGO
Alexander Smolensky December 1998
Der Moskauer Privatbankier Alexander Smolenski war eine der schillerndsten Figuren in den Jahren des Systemwechsels in Russland. Mitte der 1980er-Jahre hatte der 1954 Geborene eine Baufirma gegründet. Er errichtete unter anderem Datschas und Villen für hochgestellte Beamte und Parteikader mit teils aus staatlichen Betrieben abgezweigten Material. Er soll aber auch vor dubiosen Geschäften mit der Mafia nicht zurückgeschreckt sein. Um sein Geld unterzubringen, gründete Smolenski 1990 eine eigene Bank - die Stolichny-Bank. Wie alle anderen russischen Privat-Bankiers verdiente er damals vor allem mit Devisenspekulationen. Alexander Smolenski, der stets beste Kontakte zum Kreml hatte und mit Boris Jelzin gut befreundet war, verspekulierte sich 1998, während der internationalen Finanzkrise – und seine mittlerweile in "SBS-Agro" umbenannte Bank ging bankrott. Smolenski setzte sich mit 200 Millionen Dollar ins Ausland ab. Im Jahr 2000 einigte sich Smolenski mit seinen Gläubigern und kehrte reumütig nach Russland zurück. 2003 stieg er wieder ins Bankgeschäft ein. Bildrechte: IMAGO
Alle (8) Bilder anzeigen

Ein Angebot von