Die aus Trümmern wieder zusammengesetzte Boeing 777, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde, steht in einer Halle.
Die Trümmer der Boeing 777, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde. Experten haben sie für die Untersuchung in den Niederlanden wieder zusammengesetzt. Bildrechte: dpa

Russland "MH17"-Hinterbliebene wenden sich an russisches Volk

Die Angehörigen der Opfer der 2014 über der Ostukraine abgeschossenenen Passagiermaschine "MH17" haben in einem offenen Brief an die russische Regierung appelliert, Verantwortung zu übernehmen. Ein heute veröffentlichter Zwischenbericht der internationalen MH17-Untersuchungskommission hat nun Beweise vorgelegt, dass die BUK-Rakete aus russischen Militärbeständen stammt.

Die aus Trümmern wieder zusammengesetzte Boeing 777, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde, steht in einer Halle.
Die Trümmer der Boeing 777, die als Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde. Experten haben sie für die Untersuchung in den Niederlanden wieder zusammengesetzt. Bildrechte: dpa

"Im Juni wird die Welt in Richtung Russland auf die Fußball-Weltmeisterschaft blicken. Das wird ein langerwartetes und fröhliches Ereignis werden. Allerdings wird keiner von uns an dieser Weltmeisterschaft so teilhaben können wie früher. Denn wir, Autoren dieses Briefes, haben alle etwas gemeinsam, das dieser Meisterschaft und dem Ort, an dem sie stattfindet, einen anderen, finstereren Sinn verleiht."

So beginnt der offene Brief an das russische Volk, den Jack O’Brien im Namen der Angehörigen von Opfern der Flugzeugkatastrophe "MH17" an die russische Zeitung Novaja Gazeta mit der Bitte um Veröffentlichung geschickt hat. O’Brien hat damals seinen 25-jährigen Sohn verloren, der aktiv Fußball gespielt hat.

Verantwortung der russischen Staatsführung

Unter anderem äußern die Angehörigen ihre Enttäuschung darüber, dass Russland keinerlei Interesse daran zeige, eine objektive Untersuchung zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr versuche Moskau ihrer Meinung nach, Verwirrung zu stiften und Desinformation zu streuen. So hätten staatliche und staatsnahe russische Medien teils widersprüchliche Versionen der Katastrophe gestreut und damit suggeriert, dass die Wahrheit in diesem Fall relativ sei.   

Tatsächlich machen die Autoren in ihrem Schreiben keinen Hehl daraus, wer ihrer Meinung nach die Schuld am Abschuss der Maschine mit 298 Menschen an Bord trägt: "Nein, wir machen nicht das russische Volk verantwortlich für das, was geschehen ist. Wir sind nicht gegen euch. Wir sind der Meinung, dass der russische Staat und die Personen an seiner Spitze letztlich die Verantwortung für den Tod unserer Familienmitglieder tragen. Darauf deuten alle stichhaltigen Beweise hin."

Ermittler: Rakete eindeutig identifiziert

Das internationale Ermittlerteam im niederländischen Bunnik hat nun auf einer Pressekonferenz Beweise vorgelegt, dass die Rakete, mit der die Boeing über der Ostukraine abgeschossen wurde, aus dem Bestand der russischen Armee stammt. Die Untersuchungsgruppe besteht aus Vertretern aus Malaysia, den Niederlanden, Belgien, Australien und der Ukraine.

Sie hat bereits im Herbst 2016 anhand von Zeugenaussagen sowie Fotos und Videos aus sozialen Netzwerken weitestgehend den Weg des Luftabwehrsystems BUK von Russland in die Ostukraine rekonstruiert - bis an den Rand des Ortes Perwomaiskij, von wo die Rakete abgeschossen wurde. Er stand damals unter der Kontrolle prorussischer Separatisten.

Detaillierte Ergebnisse erst vor Gericht

In einer Präsentation zeigten die Ermittler, wie sie anhand einiger Merkmale, die einem Fingerabdruck gleich kämen, zu folgendem Schluss gelangten: Besagtes BUK-System kann der "53. Luftabwehrbrigade" der russischen Streitkräfte zugeordnet werden, die im westrussischen Kursk stationiert ist. Darüber hinaus haben Ermittler mitgeteilt, dass bereits große Fortschritte in Bezug auf die Gruppe von etwa 100 Personen erzielt werden konnten, die direkt oder indirekt am Abschuss der Maschine beteiligt waren.

"So wird die Rolle einer großen Anzahl dieser Personen zunehmend deutlicher", konstatierte Fred Westerbeke, niederländischer Generalstaatsanwalt und Koordinator der Untersuchungsgruppe während der Pressekonferenz. Alle Details der Untersuchungsergebnisse wollte er jedoch nicht offenlegen: "Ich bitte um Verständnis, wenn ich sage, dass der Gerichtssaal der einzige Ort sein kann, an dem sich die Staatsanwaltschaft zur Anklage und zu den Beweisen gegen konkrete Personen äußern kann."

"Ein Schatten über der WM"

Dass der Schmerz über den Verlust naher Angehöriger selbst nach vier Jahren noch ungebrochen ist, ist beim Lesen des offenen Briefes deutlich spürbar. Für die Autoren wirft der Abschuss der Boeing am 17. Juli 2014 einen Schatten auf die WM in Russland.

"Es schmerzt uns, die finstere Ironie zu realisieren, die darin besteht, dass dieselben russischen Staatsführer, die die Welt mit offenen Armen empfangen werden, hauptsächlich für die Erschütterung unserer Welt verantwortlich sind. Dass es dieselben sind, die nachdrücklich die Wahrheit vertuschten und sich seit jenem schrecklichen Tag im Juli 2014 aus der Verantwortung ziehen wollten."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 24. Mai 2018 | 13:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2018, 13:18 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite