Internationaler Frauentag Russland: Gewalt gegen Frauen

Fotomontage Mann vor Fahne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Weltfrauentag wird auch in Russland pompös gefeiert. Doch Frauenverbände weisen darauf hin, dass die Gewalt gegen Frauen und in Familien noch immer ein ungelöstes Problem ist.

Jedes Jahr am 8. März bilden sich Schlangen vor so manch russischem Blumenladen. Parfüm- und Kosmetikläden verbuchen Rekordumsätze und in russischen Büros halten männliche Kollegen so manche schwülstige Rede. Die Frauen seien der "schönste Schmuck" für die Belegschaft. "Im vergangenen Jahr hat unser Chef sogar zwei Stripper ins Büro bestellt", erzählt die Angestellte einer Petersburger Krankenversicherung.

Der Internationale Frauentag ist in Russland nicht nur ein gesetzlicher Feiertag, es ist auch der Tag, an dem der Gegensatz zwischen den Geschenken und Trinksprüchen auf der einen Seite und dem wenig feierlichen Alltag für viele russische Frauen besonders deutlich zu spüren ist. Während der Feiertag von gutgemeinten  Gesten und Lobeshymnen auf das "schöne Geschlecht" beherrscht wird, kritisieren Frauenrechtler und NGOs seit Jahren, dass hinter verschlossenen Türen die Gewalt gegen Frauen grassiert.

Putin mit einer Gruppe Frauen, die Blumensträuße halten
Am 8. März dreht sich in Russland alles um die Frauen. Hier Präsident Putin bei einem Empfang im Kreml 2015. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Eine Studie der Staatlichen Universität von Sankt-Petersburg hat für das Jahr 2018 rund 33.000 Fälle von häuslicher Gewalt gezählt. In rund drei Viertel der Fälle waren Ehefrauen und weibliche Partner die Opfer. Gleichzeitig kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass nur gut die Hälfte der Anzeigen von der Polizei überhaupt aufgenommen wird. "Oft glauben die Polizisten, dass die Frauen materielle Interessen verfolgen oder ihrem Partner durch eine Anzeige schaden wollen", erklärt die Anwältin und Frauenrechtlerin Mari Dawtjan. Die Behörden hätten nur wenig Interesse, solche Fälle zu bearbeiten.

Tausende Frauenmorde pro Jahr in Russland

Wie groß das Ausmaß häuslicher Gewalt tatsächlich ist, lässt sich in Russland kaum feststellen. Verlässliche Statistiken gibt es so gut wie keine. Oft kursiert die Zahl von etwa 14.000 Morden an Frauen durch Ehepartner. Diese Zahl hatte das russische Innenministerium im Jahr 1999 an die UN berichtet. Seitdem ist die Zahl der Morde an Frauen nach offiziellen Statistiken sukzessive zurückgegangen. Die staatliche Statistikbehörde Rosstat meldete 2018 nur noch gut 3.000 Morde an Frauen. Auch die Studie der Petersburger Universität verzeichnet einen Rückgang der gemeldeten Missbrauchs- und Gewaltfälle seit 2015 um etwa 30 Prozent.

Mari Davtjan
Die russische Anwältin und Frauenrechtlerin Mari Dawtjan Bildrechte: Maxim Kireev

Frauenrechtler glauben jedoch, dass sich der Trend umkehren könnte. 2017 hat die Staatsduma ein Gesetz verabschiedet, das Schläge unter Ehepartnern nicht als Straftat sondern als Ordnungswidrigkeit definiert. Tätern droht eine Strafe von knapp 550 Euro. Eine Maßnahme, die von Experten als kontraproduktiv betrachtet wird, weil die Summe, wenn es überhaupt zu einer Bestrafung kommt, oft aus dem gemeinsamen Familienbudget bezahlt werden muss und somit auch die Opfer mitbestraft. 

Die sogenannte Dekriminalisierung von häuslicher Gewalt führt nach Ansicht von Hilfsorganisationen dazu, dass nicht nur Angriffe zunehmen, sondern auch die Polizei noch weniger unternimmt. Nach Angaben der Organisation "Anna", die Frauen in Notsituationen hilft, waren im vergangenen Jahr 95 Prozent der Gewaltopfer unzufrieden mit der Arbeit der Polizei. 2017 lag dieser Wert bei 75 Prozent.

Scheinbarer Wendepunkt

Erst im vergangenen Jahr erreichte die öffentliche Diskussion einen scheinbaren Wendepunkt. Es war ein Mordfall, der über Wochen die Medien und Öffentlichkeit im Bann hielt. Drei Schwestern, deren Nachname Chatschaturjan in Russland mittlerweile fast allen bekannt ist, hatten ihren Vater nach vorheriger Absprache erstochen. Dieser soll sie über Jahre hinweg tyrannisiert und missbraucht haben. Auch die Polizei half ihnen nicht und ignorierte ihre Hilferufe. Die jungen Frauen stellten sich nach der Tat und berichteten ausführlich.

Maria und Angelina Khachaturian bei einer Anhörung
Maria und Angelina Chatschaturjan bei einer Anhörung in einem Moskauer Gericht. Zum Tatzeitpunkt waren sie 17 und 18 Jahre alt. Bildrechte: dpa

Derzeit erwarten die drei Schwestern im Hausarrest ihr Urteil. Die öffentliche Meinung kippte allerdings schnell zu ihren Gunsten. Innerhalb weniger Monate reifte ein Gesetzesentwurf im russischen Föderationsrat, dass nun zumindest die Formulierung "häusliche Gewalt" gesetzlich festhält und Opfern durch sogenannte Schutzorder helfen soll. Demnach könnte etwa der Schläger dazu verpflichtet werden, auf bestimmte Zeit physischen Abstand zu seinem Opfer zu halten, ähnlich, wie man das aus Deutschland kennt.

Demonstration für die Freilassung dreier Schwestern vor der russischen Botschaft in Warschau
Der Fall Chatschaturjan bewegt über Grenzen hinweg: Junge Frauen vor der russischen Botschaft in Warschau fordern die Freilassung der drei Schwestern. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Gegenwind von der Kirche

Was zunächst nach einem Etappensieg für die Frauenrechtler aussah, könnte sich jedoch als leere Hoffnung entpuppen. Der Gesetzentwurf steckt noch immer in der Duma fest, denn es gibt Gegenwind. Im Januar kritisierte beispielweise der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche das Gesetz als "westlich inspiriert".  Später gesellte sich der Duma-Abgeordnete der Partei Einiges Russland, Pjotr Tolstoi, zu den Kritikern. Häusliche Gewalt gebe es überall, meinte er. Und wenn es dazu komme, dann müsse diese Beziehung beendet werden. Ein spezielles Gesetz dagegen sei sinnlos und werde nicht helfen.

Die meisten Russen sehen das wohl anders. Nach einer Umfrage des unabhängigen Levada-Instituts haben 24 Prozent der Befragten Gewalt im nähren familiären Umfeld erlebt. Und das staatliche Institut VZIOM berichtete im vergangenen Jahr, dass rund 70 Prozent der Russen ein Gesetz gegen häusliche Gewalt für richtig halten. Nur sieben Prozent seien dagegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 06. März 2020 | 17:45 Uhr