Verunreinigung der Druschba-Pipeline Russlands Öl-Exporte in Gefahr?

Die Ölpipeline Druschba ist von zentraler Bedeutung für den russischen Ölexport nach Europa. Knapp ein Viertel aller Rohöllieferungen aus Russland werden da jährlich durchgeleitet. Doch seit einem Monat steht sie still. Weil das russische Öl verunreinigt war, hat erst Belarus, später auch Polen und die Ukraine die Durchleitung verweigert. Ein herber Schlag für die russische Ölindustrie, der dramatische Folgen für das ganze Land haben könnte.

Druschba-Trasse
Knotenpunkt der Druschba-Pipeline bei Samara Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Als Ende April erste Meldungen über verschmutztes Öl in der Druschba-Pipeline kamen, hat das nur vereinzelt Interesse in den deutschen Medien geweckt. Ganz anders in Russland. Dort löste die Nachricht von einem Durchleitungsstopp sofort größtes Interesse aus. Promt wurde Ursachenforschung betrieben. Kein Wunder, fließen doch durch die Pipeline jährlich rund 50 Millionen Tonnen Rohöl zur Weiterverarbeitung Richtung Westen. Das ist knapp ein Viertel aller russischer Ölexporte, von denen das Land noch immer stark abhängig ist.

Das Problem mit dem verschmutzten Öl ist Ende April zunächst in Belarus bemerkt worden. Die Raffinerie in Masyr meldete eine um das Zehnfache erhöhte Konzentration von organischen Chloriden im Öl. Diese führte zu Schäden an der Anlage und zwang die belarussische Seite, eine Weiterleitung des Öls einzustellen. Einige Tage später weigerten sich auch polnische und ukrainische Betreiber, russisches Öl entgegenzunehmen. Dieses entspreche nicht den üblichen Qualitätsstandards, hieß es zu Begründung.   

Öl-Pipeline Druschba

Eine Karte von Deutschland und Osteuropa zeigt den Verlauf der Pipeline ''Druschba''und den Standort mehrerer Raffinerien.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Karte von Deutschland und Osteuropa zeigt den Verlauf der Pipeline ''Druschba''und den Standort mehrerer Raffinerien.
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Eine Karte von Deutschland und Osteuropa zeigt den Verlauf der Pipeline ''Druschba''und den Standort mehrerer Raffinerien.
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Belarus am stärksten betroffen

Anfang Mai bezifferte der leitende Ingenieur des belarussischen Pipelinebetreibers "Gomeltransneft Druzhba"  Andrej Werigo gegenüber der russischen Wirtschaftszeitung Vedomosti die Schäden, die durch die Verunreinigungen entstanden waren. Seinen Worten zufolge seien rund fünf Millionen Tonnen Öl in der Leitung Druschba mit einem Gesamtwert von etwa 2,6 Milliarden Dollar betroffen gewesen. Der Großteil davon befand sich im russischen und belarussischen Abschnitt der Leitung. Nach ersten Berechnungen von Vedomosti könnte allein Belarus Schadensersatz in Höhe von bis zu 435 Millionen Dollar verlangen.

Doch eine Million Tonnen des verschmutzen Öls war schon nach Polen durchgeleitet worden. Über das Ausmaß der Verschmutzung dort gab es zunächst kaum Informationen. Die polnische Raffinerie in Płock ebenso wie die deutschen Raffinerien in Schwedt und in Leuna beteuerten, es gebe bei ihnen keine Probleme, und hüllten sich ansonsten konsequent in Schweigen. Am 10. Mai meldete sich der Vorstandsvorsitzende der Raffinerie in Płock Daniel Obajtek zu Wort und erklärte, man habe eine Lösung gefunden und werde das Problem deutlich vor Ende Mai gelöst haben. Doch das ist offenbar nicht gelungen. Nach dem jüngsten Treffen deutscher, polnischer und russischer Pipelinebetreiber in Warschau heißt es nun, dass das Öl ab 9. Juni wieder fließen soll. Ist das Problem also unterschätzt worden?

Wie konnte das passieren?

Die russische staatliche Pipelinebetreibergesellschaft Transneft hat das Problem des verunreinigten Öls sehr schnell eingeräumt, jedoch klargestellt, dass es sich nicht um fünf sondern um drei Millionen Tonnen handelt. Sofort war seitens Transneft von Sabotage auf einem Leitungsabschnitt im Südural die Rede – die Chloride seien von Unbekannten an einem Knotenpunkt im Samara-Gebiet in die Pipeline eingefüllt worden.

Unabhängige Experten verwiesen jedoch darauf, dass eine Verschmutzung solchen Ausmaßes nur durch eine systematische Anwendung der Chemikalien bei der Förderung möglich sei. Das russische Energieministerium hat im Mai 2012 per Beschluss die Anwendung der zuvor verbotenen Chloride zur Erhöhung der Fördermengen erlaubt. Im Grundsatz geht es also darum, ob es sich bei dieser technologischen Katastrophe um einen sehr teuren Einzelfall handelt oder ob der Fehler systemischen Charakter trägt und weitreichende Folgen für die gesamte russische Ölindustrie haben könnte.

Schlüsselindustrie in Gefahr

Eine Frage die für Russland äußerst wichtig ist. Das zeigt sich auch daran, dass sich Wladimir Putin am 30. April persönlich in die Angelegenheit einschaltete und sich zu einer Aussprache mit dem Leiter von Transneft Nikolai Tokarew traf. Tokarew wies dabei jede Schuld von sich und sprach von einem "offensichtlichen Betrug". Die Antwort Putins war so drastisch wie zutreffend: "Die haben betrogen und wir haben einen sehr ernsten Schaden zu tragen – wirtschaftlich, materiell und auch, was unser Image angeht!"

Vladimir Putin (L) und Transneft-Präsident Nikolai Tokarew
Vladimir Putin und Transneft-Präsident Nikolai Tokarew Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Wer diese Betrüger seien, konnten die russischen Ermittler bereits eine Woche später vermelden. Offizieller Version zufolge handelt es sich um Vertreter kleiner Ölförderunternehmen im Gebiet rund um die Stadt Samara, die mit Chloriden versetztes Öl in die Leitung pumpten, um so einen früheren Öldiebstahl zu vertuschen, den sie begangen haben sollen. Dabei soll nach Angaben der Ermittler Öl im Wert von einer Million Rubel, umgerechnet 13.500 Euro entwendet worden sein. Vier mutmaßlich Beteiligte sind verhaftet worden, zwei weitere wurden zur Internationalen Fahndung ausgeschrieben.

Diebstahlerklärung nur vorgeschoben?

Die Deutsche Welle hat einen der Flüchtigen ausfindig gemacht. Roman Truschew hat neben der russischen auch die maltesische Staatsbürgerschaft und befindet sich im Moment in Europa. Er bestreitet, etwas mit der Verunreinigung zu tun zu haben. Truschew sagt, er habe alle seine Anteile an den besagten Unternehmen bereits Ende 2018 verkauft und macht darauf aufmerksam, dass eine Verunreinigung solchen Ausmaßes an einem so kleinen Knotenpunkt wie ihn die Ermittler nennen, technisch gar nicht möglich sei.

Ob sich jemals abschließend klären lässt, wer tatsächlich für die Katastrophe verantwortlich ist, bleibt also fraglich. Fest steht lediglich, dass derartige Probleme mit der Pipeline Russland teuer zu stehen kommen könnten. Während die europäischen Abnehmer die Möglichkeit haben, ihre Ölimporte zu diversifizieren und andere Lieferanten zu suchen, ist Russland auf die Einnahmen aus Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline angewiesen.

(den)


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im Radio: 24. Mai 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 16:19 Uhr