Interview Bergkarabach: "Russland  hat eine sehr ambivalente Rolle"

Droht der Konflikt um die umstrittene Region Bergkarabach zum Stellvertreterkrieg zwischen Russland und der Türkei zu werden? Die Möglichkeit dieser Eskalation besteht zumindest, sagt der Politikwissenschaftler Uwe Halbach, Kaukasus-Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

MDR Aktuell: Armenien und Aserbaidschan kämpfen derzeit um die umstrittene Region Bergkarabach. Involviert in den Konflikt sind aber auch Russland als Schutzmacht Armeniens und die Türkei, die Aserbaidschan unterstützt. Welche Interessen verfolgen die beiden in der Region?

Uwe Halbach: Russland hat eine sehr ambivalente Rolle in diesem Konflikt. Es ist einerseits ein Mediator im Rahmen der Minsk-Gruppe der OSZE (seit 1992 Vermittlungsgruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Anm.d.Red.), wo es einer der drei Co-Vorsitzenden ist.

Gleichzeitig ist es aber auch der Hauptwaffenlieferant an beide Konfliktseiten. Russland hat im Rahmen einer Sicherheitspartnerschaft Waffen an Armenien geliefert. Aber es hat gleichzeitig auch Aserbaidschan in erheblichem Maße Waffen geliefert. 2018 kamen mehr als 50 Prozent der Waffenimporte Aserbaidschans aus Russland. Das ist natürlich eine etwas fragwürdige Rolle.

Aber Russland hat das mit einer militärischen Balance zwischen diesen beiden Seiten begründet. Währenddessen geht es der Türkei nicht um Balance, sondern um eine einseitige Stellungnahme zugunsten Aserbaidschans. Solche einseitigen Stellungnahmen hat Russland sich bisher verboten. Das Land gehört auch zu den internationalen Akteuren, die jetzt beide Konfliktseiten zur Zurückhaltung aufgerufen haben, während die Türkei wohl eher Öl ins Feuer gießt.

Das Öl und das Gas Aserbaidschans scheinen auch einer der Gründe für diese einseitige Unterstützung zu sein. Oder gibt es da andere strategische Hintergründe auf türkischer Seite?

Es gibt seit langem eine sehr enge Partnerschaft zwischen der Türkei und Aserbaidschan unter der Formel "zwei Staaten, eine Nation". Denn Unter den postsowjetischen Staaten mit turkstämmiger Nationalität steht Aserbaidschan der Türkei am nächsten, sprachlich und kulturell. Der Karabachkonflikt hat deshalb immer wieder auch die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien betroffen. Die Türkei hat wegen des ersten Karabachkrieges 1993 die Grenze zu Armenien geschlossen und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen.

Ob die Ölvorkommen in Aserbaidschan heute die zentrale Rolle spielen, weiß ich nicht. Aber wenn es wirklich einen zweiten Karabachkrieg und zum Beispiel armenische Angriffe auf die Pipeline-System gäbe, dann träfe das in der Tat den südlichen Korridor. Der verläuft mit Erdölleitungen und neuen Erdgasleitungen von Aserbaidschan über Georgien und die Türkei nach Europa.

Die gegenteiligen Ziele der Türkei und Russland scheinen derzeit kaum vereinbar. Was würde es für deren Beziehungen bedeuten, wenn sie die derzeit noch regional begrenzten Kriegshandlungen zu einem regulären Krieg ausweiten würden?  

Es gab diese Woche die unbestätigten Meldungen, dass 4.000 türkische Soldaten aus Nordsyrien nach Aserbaidschan verlegt wurden. Auf der anderen Seite sind ja in Armenien russische Truppen stationiert. Da gibt es Stützpunkte. Das heißt, dass es im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung auch zu einer direkten Auseinandersetzung zwischen türkischen und russischen Soldaten in diesem Konflikt kommen könnte.

(ahe)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 02. Oktober 2020 | 17:45 Uhr