Altkommunist Walentin Karpumenko bekommt von Jongkommunist Iwan Zhangli einen Orden überreicht
Alt- und Jungkommunisten vereint: Walentin Karpumenko (rechts) bekommt von Iwan Zhangli (links) einen Orden für 55 Jahre Parteizugehörigkeit überreicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oktoberrevolution: Russlands letzte Kommunisten

Russland hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Oktoberrevolution vor 100 Jahren. Ein paar Alt- und Jungkommunisten wollen das ändern. Viele Freunde machen sie sich damit in Russland nicht.

Altkommunist Walentin Karpumenko bekommt von Jongkommunist Iwan Zhangli einen Orden überreicht
Alt- und Jungkommunisten vereint: Walentin Karpumenko (rechts) bekommt von Iwan Zhangli (links) einen Orden für 55 Jahre Parteizugehörigkeit überreicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im schmuddeligen Herbstwetter läuft Ivan Zhangli den Newski-Prospekt entlang, die Prachtstraße von Sankt Petersburg. Der 22-jährige hat den Mantelkragen gegen den Nieselregen hochgeschlagen, unter dem Arm hält er einige Ausgaben der "Prawda", der Parteizeitung der "Kommunistischen Partei der Sowjetunion" (KPdSU), gegründt vom Revolutionsführer Lenin höchstpersönlich.

Überbleibsel der Kommunistischen Partei

Die Sowjetunion gibt es seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr, die KPdSU ist genauso lange verboten, nur das Sprachrohr der Bolschewiki wird unbeirrt weiter gedruckt. Jungkommunist Zhangli will das Blatt heute kostenlos unters Volk bringen. Eine Sonderausgabe ist es, pünktlich zur Oktoberrevolution, die hier in Sankt Petersburg vor 100 Jahren die Sowjetunion begründete.

Ich muss ehrlich zugeben, die Leute reagieren sehr unterschiedlich. Es gibt viele, die uns gar nicht mögen! Ich versuche trotzdem, sie in ein Gespräch zu ziehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Es gibt welche, die werden sogar aggressiv, aber das ist selten.

Jungkommunist Ivan Zhangli ist 22 Jahre alt, mit 16 ist er in den Jugendverband der "Kommunistischen Partei der Russischen Föderation" (KPRF) eingetreten, der Nachfolgeorganisation der KPdSU. Seit zwei Jahren arbeitet er ehrenamtlich in deren zentralem Bezirkskomitee in Sankt Petersburg. Zhangli studiert Jura und arbeitet nebenbei als Praktikant in einer Anwalts-Kanzlei.

Jungkommunist Iwan Zhangli im Gespräch mit einem Passanten
Einsatz für die Partei: Jungkommunist Iwan Zhangli im Gespräch mit einem Passanten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK


Feierlichkeiten zum Revolutionsjubiläum

Die KPRF will den 100. Jahrestag der Revolution von 1917 mit Veranstaltungen in Sankt Petersburg und Moskau feiern. Anfang November fand im Taurischen Palais von Sankt Petersburg das Internationale Treffen der kommunistischen und der Arbeiterparteien statt, eingeladen waren Delegationen aus 130 Ländern.

Altkommunist Walentin Karpumenko
Altkommunist Walentin Karpumenko posiert für das Erinnerungsfoto. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Iwan Zhangli organisiert die Feierlichkeiten mit. Zusammen mit Olga Starowoitowa, der Sekretärin des Bezirkskomitees der KP Petersburg, plant der Jungkommunist die Aktionen. So findet an diesem Nachmittag auch ein Treffen der Partei-Veteranen statt. Walentin Karpumenko – Mitglied der KPdSU seit 1962 – bekommt dann von Iwan den Orden für 55 Jahre (theoretischer) Parteizugehörigkeit überreicht.

Geistiger Spagat beim Gedenken an die UdSSR

Laut der KPRF war die Oktoberrevolution das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Die Mehrheit der Russen sieht das heute anders. Laut einer Umfrage des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften sind nur sechs Prozent der Befragten stolz auf die Oktoberrevolution.

76 Prozent dagegen sagen, dass sie stolz auf den Sieg im Zweiten Weltkrieg sind, auch Diktator Josef Stalin erlebt im modernen Russland seine Wiederauferstehung. Die Siege und Errungenschaften des Sowjetunion feiern, während man die Revolution ablehnt: Diesen erinnerungspolitischen Spagat versucht auch die russische Regierung.

Unter Wladimir Putin feierten Feiertage wie der "Tag des Sieges" über Hitlerdeutschland ein Revival als Massenveranstaltungen. Das Jubiläum der Oktoberrevolution begeht sie jedoch zurückhaltend - Umstürze im eigenen Land sind nicht nach dem Geschmack des Präsidenten.

Reportage: Good by Lenin? - Die Oktoberrevolution sucht ihre Erben 04.10.2017 | 18:00 Uhr | MDR Fernsehen

Revolution mit schlechtem Leumund

Jungkommunist Iwan Zhangli hält einer Sonderausgabe der Prawda zum 100. Jubiläum der Oktoberrevolution in der Hand
Relikt einer anderen Zeit: die Sonderausgabe der Prawda zum 100. Jubiläum der Oktoberrevolution 1917. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das merkt auch Jungkommunist Iwan Zhangli beim Versuch, die Prawda zu verteilen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ein Mann entgegnet ihm an diesem Nachmittag: "Ich denke, das ist alles schon zu lange her. Wir sind auch nicht unbedingt dafür, dass hier noch große Demos stattfinden, wie früher!" Auf dem Newski-Prospekt fanden zu Sowjetzeiten die Aufmärsche zu Ehren der Oktoberrevolution statt.

Ein anderer Mann wird deutlicher: "Für mich persönlich ist das kein Feiertag! Ich denke, dass der Staat seinen eigenen Zusammenbruch nicht feiern sollte und die Revolution bedeutete ja den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung." Eine Meinung, die Russlands neuen Machthabern gefallen würde.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch in: Heute im Osten - Die Reportage | 04.10.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2017, 16:21 Uhr

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