100 Jahre Rote Armee Männertag auf Russisch: zwischen Kommerz und Militarismus

Der Jahrestag der Gründung der Roten Armee war lange eher eine Art allgemeiner Männertag in Russland. Doch in den letzten Jahren geht es wieder ums Militär.

Keine Socken zum Feiertag!

Die Hinfahrt verbrachte sie zusammengebunden und vor Angst zitternd im Kofferraum eines schwarzen Geländewagens. Der Ehemann steuert den Wagen derweil seelenruhig in einen verschneiten Wald.  Dann schmeißt er sie aus dem Kofferraum um wirft einen Spaten hin. "Hier, grab". Als nächstes fällt ein Paar Socken ins Bild. "Grab wieder zu", blafft die Männerstimme.

Die Szene stammt aus einem Werbespot, der in Russland derzeit für Aufregung sorgt. Die Botschaft: Wer zum Tag des Vaterlandsverteidigers am 23. Februar nur wieder Socken verschenkt, lebt gefährlich.

Bei der Elektronikkette DNS gebe es dagegen "Geschenke ohne Lebensgefahr". Der Spot sei sexistisch und verharmlose Gewalt, hagelte die Kritik. Selbst für die in Russland althergebrachten Rollenbilder war die Marketingidee wohl etwas zu viel.

Russischer Männertag

Schon Tage vorher buhlen Einzelhändler um die weibliche Kundschaft, die ihre Männer beschenken wollen. Denn der 23. Februar ist längst zu einer Art russischem Männertag geworden, dass ähnlich wie der Valentinstag oder Halloween vor allem auch ein Verkaufsargument geworden ist. Dabei geht das Datum auf die Gründung der Roten Armee vor genau 100 Jahren zurück. Die heutigen Streitkräfte Russlands sehen sich deren Nachfolger. 

Seit 2002 ist der Tag, ähnlich wie der internationale Frauentag am 8. März, ein arbeitsfreier Feiertag. Doch seit geraumer Zeit wird der Feiertag schrittweise wieder remilitarisiert. Traditionell legt an diesem Tag Präsident Putin in Moskau einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder. In den Nachrichten staatlicher Sender berichten Reporter von heldenhaften Soldaten, wie etwa vom Ausbilder Serik Sultangabiew, der eine bei einer Übung fallengelassene Granate mit seinem Körper abdeckte, um das Leben der Unteroffiziere zu retten.

Sultangabiew überlebte schwer verletzt dank einer explosionssicheren Weste. Bei einem Empfang im Kremlpalast schwärmte Wladimir Putin zudem von der Kampffähigkeit der russischen Armee und gratulierte allen Armeeangehörigen und Veteranen.

Mit Sackhüpfen und Liegestützen

Jüngste Umfragen zeigen, dass die Militarisierung von oben auch in den Köpfen der gewöhnlichen Russen fruchtet. Fast 40 Prozent sehen den Tag des Vaterlandsverteidigers als ein Fest der Militärs. Das hat das staatliche Wziom-Institut in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage herausgefunden. 34 Prozent sehen das Datum als "Tag aller Männer".

Im Kaufhaus stehen russische Spielzeugbausteine
Für die Kleinen gibt es "Militär-Spielzeug" zum Feiertag. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Vor gut zehn Jahren waren ganze 46 Prozent dieser Meinung, während nur knapp ein Drittel den 23. Februar als Feiertag der Armeeangehörigen betrachteten. Spürbar ist das auch in Kindergärten und Schulen. "Vieles hängt natürlich vom Einfallsreichtum der Erzieher ab", meint die Petersburgerin Nastja Lukowkina, deren sechsjähriger Sohn einen Kindergarten besucht:

Bei uns gab es eine kurze Theateraufführung, bei der die Kinder als Marinesoldaten verkleidet zu Musik marschiert sind. Dann kamen zwei Studenten von der Militärakademie und erzählten vom Dienst und sangen Armeelieder zu Gitarre. Die Kinder waren begeistert

Außerdem beschenken die Mädchen die Jungs, zum Beispiel mit Schlüsselanhängern in Pistolenform. Im vergangenen Jahr dagegen gab es einen Wettbewerb für Väter, mit Sackhüpfen und Liegestützen. "Heute habe ich für meinen Mann und unseren Sohn Kekse in Form von roten Sternen und Flugzeugen in Tarnfarbe gebacken. Alle waren begeistert", erklärt Lukowkina.

Was man vom DNS-Spot nicht behaupten kann. Nach zwei Tagen des Shitstorms hat die Elektronikkette den Clip aus dem Netz entfernt. Der Chef des Händler Dmitrij Aleksejew rechtfertige sich damit, dass eine Regionalabteilung seiner Kette für den Spot verantwortlich sei. "Der Humor hat einen leicht sexistischen Beigeschmack. Mittlerweile hat sich der Spot in den sozialen Netzwerken längst selbst weiterverbreitet.

Über dieses Thema berichtet MDR der auch im: Radio | 23.04.2017 | 19:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 19:04 Uhr

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