Eine Schülerin steht lächelnd vor dem Schultor.
Schülerinnen wie Sofija sind an Unterricht im Schichtbetrieb gewöhnt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Serbien Zu wenig Schulen: Unterricht im Schichtsystem

Serbische Schüler gehen eine Woche vormittags und eine Woche nachmittags in die Schule, weil es an Schulgebäuden mangelt. Obwohl man sich aller Probleme bewusst ist, die ein Zweischichtbetrieb mit sich bringt, ist der Staat nicht in der Lage, die Situation zu ändern.

von Andrej Ivanji

Eine Schülerin steht lächelnd vor dem Schultor.
Schülerinnen wie Sofija sind an Unterricht im Schichtbetrieb gewöhnt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Die Großeltern gingen in zwei Schichten in die Schule. Die Eltern gingen in zwei Schichten in die Schule. Nun gehen die Kinder in zwei Schichten in die Schule. Die meisten Bürger Serbiens kennen es gar nicht anders. Eine Woche muss man früh aufstehen und um acht Uhr in der Schule sein, in der anderen Woche beginnt der Unterricht erst um 14.00 Uhr. Eine Woche kann man ausschlafen – dafür hat man aber keine Zeit für Freunde und zum Spielen. In der zweiten Woche wird man zwar früh morgens aus dem Bett gezerrt, hat dann aber nach der Schule den ganzen Nachmittag frei.

Wenn man die Schüler fragt, ob sie nur morgens in die Schule gehen möchten, sind die Meinungen geteilt. "Ich mag das, es ist irgendwie dynamisch. Außerdem kann ich wenigstens eine Woche ausschlafen, wenn wir Nachmittagsunterricht haben", sagt Sofija. Die Schülerin besucht die siebte Klasse. Anders sehen das die Eltern. Bei ihnen überwiegt die Meinung, dass es besser wäre, wenn ihre Kinder nur vormittags in die Schule gehen würden.

Belastung für die Schüler

Ein serbisches Schulplakat wirbt für Volleyballtraining am Abend.
Ein Plakat wirbt für kostenloses Volleyballtraining. Trainingsbeginn ist um 20 Uhr. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Doch eine Abkehr vom gängigen System ist nicht möglich. Der Grund ist einfach: Zu viele Schüler kommen auf zu wenige Schulen. Knapp 1.100 Schüler besuchen die Grundschule "Vladislav Ribnikar" im Zentrum von Belgrad. Die stellvertretende Direktorin, Gospava Djurić, ist sich sehr wohl aller Probleme bewusst, die der Unterricht in zwei Schichten mit sich bringt.

"Für Schüler ist dieser ewige Rhythmuswechsel eine zusätzliche Belastung, weil sie sich an das Frühaufstehen gar nicht gewöhnen können. Man sieht, wie müde und unausgeschlafen die Kinder sind, wenn die Woche mit der Frühschicht beginnt", sagt die erfahrene Lehrerin. Und die Nachmittagsschicht, die bis 19.30 Uhr dauert, sei richtig anstrengend für Schüler, weil etwa das Sporttraining danach stattfindet.

Zu wenige Schulen

Auch das Schulministerium ist sich des Problems bewusst. Ab 1. September 2019 soll in 210 serbischen Schulen der Unterricht nur vormittags stattfinden. Es ist ein Pilotprojekt. Als EU-Beitrittskandidat müsste Serbien irgendwann sein Schulsystem dem Standard der Europäischen Union anpassen.

Bäume stehen Vor dem Plattenbau eienr Schule in Belgrad.
Serbien braucht mehr Schulgebäude, damit Schulen wie die Vladislav Ribnikar auf Vormittagsunterricht umstellen können. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Doch Serbien hat 3.319 Grundschulen. Nach Schätzungen der Lehrergewerkschaft müssten zwischen 300 und 500 neue Schulen gebaut werden, damit der Zweischichtenunterricht abgeschafft wird. "Der Staat macht aber genau das Gegenteil", sagt Jasna Janković von der Union der Lehrergewerkschaft. Um Geld zu sparen, sei das Bildungsministerium dabei, das Schulnetz zu "rationalisieren", indem Schulen zusammengelegt würden.

Verharrt das Schulsystem im Istzustand?

Der zuständige Minister, Mladen Šarćević, reagierte auf Kritik, indem er die "Ausarbeitung eines Plans" für den Bau neuer Schuldgebäude ankündigte – präzisierte jedoch nicht, wann das geschehen soll.

Selbst im wirtschaftlich starken Nachkriegsjugoslawien hatte der Bau von Schulen keine Priorität. Von dem jugoslawischen Bürgerkrieg in den 1990er-Jahren und den Luftangriffen der NATO 1999 hat sich Serbien wirtschaftlich nicht erholt. Das Durchschnittseinkommen liegt offiziell bei knapp über 400 Euro, die Kluft zwischen Reichen und Armen ist in nur wenigen Ländern der Welt größer. Da erscheint ein "normaler", einschichtiger Unterricht wie Science Fiction. Allem Anschein nach werden auch die Kinder der heutigen Schüler in zwei Schichten in die Schule gehen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im: MDR AKTUELL | 13.05.2016 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2019, 09:17 Uhr