Slowenien Landwirt an der Grenze des Schengenraums

France, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, lebt an der Außengrenze des Schengenraums. Vor einigen Jahren zogen Tausende Flüchtlinge an seinem Hof vorbei, heute geht ein Stacheldrahtzaun durch seinen Garten. Dennoch, sagt er, sei er eigentlich zufrieden mit der EU.

France steht am Ende des Schengen-Raums. Weit muss er nicht laufen. Denn der Schengen-Raum endet in seinem Garten.

Ein schneebedeckter Weg zwischen einem Haus mit aufgestapelten Holzscheiten auf der einen Seite und einem Zaun mit Stacheldraht auf der anderen Seite
Leben an der Schengen-Außengrenze - mit Stacheldraht im Garten Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

Der liegt in Dobova, direkt am slowenisch-kroatischen Grenzfluss Sotla. France heißt eigentlich anders, aber der 63-Jährige will anonym bleiben. Sicher ist sicher. Gegen den Regen an diesem Tag schützt er sich mit einem karierten Schirm, gegen die Flüchtlinge mit einem übermannshohen Stacheldrahtzaun. Den hat Sloweniens Regierung bis Frühjahr 2016 fertiggestellt.

Erst haben sie nur Stacheldraht ausgerollt, scharf wie Rasierklingen und gefährlich! Da haben wir protestiert. Ich habe fünf Enkel. Sie spielten ja hier.

France (Name geändert)

So sei dann der Draht auf den Zaun gekommen, sagt France: "Weil Zigtausende Flüchtlinge hier unkontrolliert rüberkamen."

Rund 100.000 Flüchtlinge kamen durch Slowenien

Vor Schließung der Westbalkanroute erreichten fast 100.000 Flüchtlinge das kleine Slowenien mit seinen zwei Millionen Einwohnern. Nur 1.300 von ihnen beantragten Asyl. Die anderen zogen nach Österreich und Deutschland weiter – an France vorbei.

Tup, tup, tup, - wir haben sie laufen hören. Es klang wie Pferdegetrappel. Das hat uns nachts geweckt und wir konnten nicht mehr schlafen.

France
Ein mit Schnee bedecktes Feld, im Vordergrund steht ein kleines Klettergerüst mit Rutsche für Kinder
Hier campierten 2015 Tausende Flüchtlinge. Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

France zeigt auf das inzwischen menschenleere Feld gegenüber seinem Haus: "Auf diesem Feld dort lagerten sie. Sie mussten warten, wurden nervös, es kam zu Schlägereien untereinander. Aber das liegt jetzt hinter uns." Für den Zaun hat er sein Land gegeben, aber er will keine Entschädigung. Denn er fühlt sich jetzt sicher.

Anfangs haben wir ihnen geholfen. Nahrung, Wasser und Kleidung gegeben.

France

Damals, sagte France, seien sie in großen Gruppen gegangen, die Behörden seien dabei gewesen: "Jetzt kommen nur noch Einzelne, der Zaun ist nicht durchgehend. Wir sind unsicher, ob das noch Bürgerkriegsflüchtlinge sind – und daher zurückhaltend."

Manchmal wird eine Klinke runtergedrückt

Drei Menschen laufen einen Weg an einem Stacheldrahtzaun entlang
Auf Patrouillengang am Grenzzaun entlang Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

Nachts werde manchmal eine Klinke runtergedrückt, hat er beobachtet. Doch er schließe alles ab und gestohlen worden sei nichts. France - angegrautes Haar, Brille, Jeans und blaue Jacke - ist Frührentner und betreibt etwas Landwirtschaft. Dicke Schinken und Speck hängen im Keller seines Hauses. Neben Urkunden für den Winzer, der France auch ist.

Der Weinberg liegt auf kroatischer Seite

Bei einem Zaun mit Stacheldraht fehlt bei einem Zaunfeld die Stacheldrahtbewehrung
Weder Stacheldraht noch Zaun sind durchgehend. Auf der anderen Seite liegt Kroatien. Bildrechte: MDR/Stefanie Markert

"Weißwein oder Rotwein?" fragt er auf Deutsch und zapft seine Stahltanks an. Sein Großvater sei, auch das sagt er auf Deutsch, "Hauptweinschmecker" gewesen. Bei einem Baron in Zagreb. France hat einen Weinberg geerbt, aber der liegt in Kroatien. Bis das Land 9 Jahre nach Slowenien zur EU kam, hatte France ein Problem. Bis heute ist der Nachbar kein volles Schengen-Mitglied. 

Für uns wäre es besser, den Zaun nicht hier zu haben, sondern an Kroatiens Außengrenze. Wenn sie bei Schengen ganz dabei wären, müssten sie die EU-Grenze kontrollieren. Dann würde der Zaun dort stehen! 

France

So lange Weinreben am Grenzzaun kultivieren – nein, France muss lachen. Der Zaun hat ihn mit Europa versöhnt. Obwohl …

Merkel und Juncker sollten mehr tun für Europa und nicht nur reden. Sie sollten sich ein Beispiel an Orbán nehmen. Strenge Grenzen sind gut!

France

Zufriedenheit überwiegt dennoch

Nur wenige Hundert Flüchtlinge leben heute offiziell in Slowenien. Die  jüngste Parlamentswahl hat dennoch die migrationsfeindliche SDS-Partei gewonnen. Politisch isoliert stellt sie heute aber nicht den Regierungschef. Was France von der EU hält? 

Klar, wir sind in Europa und die EU ist ein gemeinsames Projekt. Das macht uns gegen Großmächte wie Amerika stark. Nur sollten sich die Staaten nicht so zanken. 

France

Die 15 Jahre Sloweniens in der Union gehen für France in Ordnung. Sein Sohn hat nebenan sein Haus saniert und auch er hat ein hübsches Anwesen.

Eigentlich bin ich zufrieden. V-i-e-l besser ist es nicht geworden. Schöner wäre, wir in Slowenien hätten auch europäische Renten!

France, den letzten Satz sagt er lachend

Dafür müsse er  wohl zur Europawahl gehen, sagt Landwirt France am Grenzzaun in Dobova. Und stößt mit seinem Wein auf dieses Europa an: "Prost! Na zdravje!"

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 09:00 Uhr

Die Reporterin

Eine Frau steht vor einem Boot am Ufer eines Sees + Video
Bildrechte: Stefanie Markert