Slowenien Das Partisanenlazarett und wo Europa beginnt

Milojka Magajne ist Historikerin und leitet im slowenischen Cerkno ein Museum mit illustrer Außenstelle – dem Partisanenlazarett Franja. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg Partisanen verschiedener Nationen behandelt. Man half aber auch Überläufern. Aus dieser Geschichte von Feindschaften auf der einen und Zusammenhalt auf der anderen Seite müsse man lernen.

Milojka Magajne geht voran - hinauf zum Partisanenlazarett Franja. Das betreut die Historikerin seit über 20 Jahren. Es liegt bei Cerkno, einer Kleinstadt in Sloweniens Voralpen.

Die Berge steigen hier auf weit über 1.000 Meter an. Die 51-Jährige mit dunklem halblangen Haar trägt ihre Handtasche quer über die Schulter – so läuft es sich besser.

Das letzte Wegstück hier am Wasserfall sei sehr schwierig gewesen, erzählt Milojka. "Erst wurden den Verwundeten die Augen verbunden, damit sie nicht sahen, wo es hin geht. Dann wurden sie direkt im Bachbett auf Tragen transportiert. So hinterließ man keine Spuren. Und zuletzt ging es über diese Zugbrücke in eine enge Schlucht."

Kandidat für das Weltkulturerbe

Das Lazarett ist ein Welterbe-Kandidat Sloweniens. Die Partisanen gaben ihm als Codenamen den Vornamen ihrer Chefärztin Dr. Bojc: Franja.

Sie kämpften zuerst gegen die italienischen Besatzer. Als die kapituliert hatten, war das Gebiet kurz frei. So konnte im Dezember 1943 das Lazarett entstehen.  

Es gab während des Zweiten Weltkriegs mehr als 120 Partisanenlazaretts in Slowenien. 15.000 Patienten wurden behandelt. Hier in Franja waren es 600, von denen 78 starben. Franja hat als einziges Lazarett Bunker und Schutzräume für Verwundete.

Milojka Magajne

Die Bunker kleben hoch oben in den Felsen. Und die elf Lazarettbaracken stehen im Zickzack teils frei über dem Bach.

Sie sind mit Tarnmustern bemalt und im Inneren mit Papier tapeziert. Der OP-Tisch - schmal wie ein Liegestuhl. Betäubt wurde anfangs mit selbstgebranntem Schnaps!

Es wurden nicht nur Slowenen hier behandelt. Auch Partisanen aus Italien, Jugoslawien, der Sowjetunion, einige Franzosen, zwei Polen. Und ein Österreicher, der Soldat bei den Deutschen war, bis er überlief.

Milojka Magajne

Er sei als Schuster im Hospital geblieben, erzählt Milojka. Die nachrückenden deutschen Besatzer haben es nie entdeckt. Trotz eines Gefechts mit den Partisanen ganz in der Nähe.

Immerhin erbeuteten diese einen Benzinkanister der Wehrmacht. Bautzen 1941 steht auf dem Originalstück.

2007 von Flut weggerissen

Viel ist nicht mehr original, seit 2007 eine Flut alles wegriss. Doch die Hütten wurden neu aufgebaut.

Das Wichtigste hier sind aber nicht die Baracken, sondern ihre Botschaft: Solidarität und Menschlichkeit! Ohne diese Geschichte sind die Baracken nur Holzhütten.

Milojka Magajne

Milojka wird an diesem Tag noch in einer Grundschule die Bilderschau eines Malwettbewerbs eröffnen. Motto: "Kinder helfen Kindern".

Das ist ihr wichtig. "Zusammenhalten, zusammenarbeiten, sich umeinander kümmern. Nur so gelingt doch ein besseres Leben", sagt Milojka. Franja helfe, diese Werte zu vermitteln.

"Europa beginnt hier"

Milojkas Familie lebt diese Botschaft: Ihre Mutter hat als junges Mädchen für die Partisanen Lebensmittel besorgt, ihre Tochter studiert heute Englisch und Deutsch, und sie selbst verkauft im Museum Souvenirs mit vielsagender Aufschrift. 

'Wo Europa beginnt' – steht drauf, ja, das ist genau hier. Wo Menschen verschiedener Nationen für ihr gemeinsames Ziel gekämpft haben - für die Freiheit. Daran müssen wir uns erinnern.

Milojka Magajne

Denn, sagt Milojka: "Wir nehmen diese Freiheit heute als gegeben hin. Nach 70 Jahren Frieden vergessen wir wichtige Dinge." Aufgebracht erinnert sie an den EU-Parlamentspräsidenten Tajani, der gerade Italiens Diktator Mussolini verharmlost hat.

Besucherzahlen steigen

Die Besucherzahlen in Franja steigen. 26.000 kamen letztes Jahr. Ein Drittel aus ganz Europa und Übersee. Sie sehen in der Kulturbaracke auch das Porträt von Tito neben Stalin. "Franja hat auch eine dunkle Seite", räumt Milojka ein.

Sie erinnert daran, dass ein Politkommissar 1944 der Chefärztin Behandlungsfehler vorgeworfen hatte: "Lächerlich! Sie hat doch getan, was sie konnte. Ihr wurde der Prozess gemacht, doch er endete mit: Freispruch!"

Europäisches Erbe und Gegenwart in der EU

Das Lazarett trägt heute den Titel "Europäisches Erbe". Die Historikerin freut sich über die Anerkennung. Und wie sieht sie die Gegenwart in der EU?

Wir haben heute weniger Zeit für uns, arbeiten mehr. Die europäische, aber auch die nationale Verwaltung – die entscheiden zu viel von oben. Trotzdem: Es ist besser als davor.

Milojka Magajne

Und sie fügt hinzu: "Nur müssen wir es noch besser machen!" Milojka Magajne vom Partisanenlazarett Franja arbeitet daran.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 05:00 Uhr