Pawel Machcewicz
Prof. Pawel Machcewicz, Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig Bildrechte: dpa

Interview Streit um die "richtige" Kriegsdarstellung

Seitdem die PiS in Polen regiert, ist auch Geschichte zu einem Politikum geworden. Das wird beim Weltkriegsmuseum in Danzig augenfällig. Kaum eröffnet, waren seine Tage schon fast gezählt. Die Ausstellung entspricht nicht der Geschichtsauffassung der regierenden PiS-Partei. Kulturminister Glinski lässt das Museum mit einem anderen zusammenlegen und bekam dafür inzwischen grünes Licht vom Obersten Verwaltungsgericht. Wir sprachen zuvor mit dem bisherigen Museumsdirektor Pawel Machcewicz.

Pawel Machcewicz
Prof. Pawel Machcewicz, Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig Bildrechte: dpa

Wie würden sie die nun eröffnete Ausstellung beschreiben? Gibt es Themen, die Ihnen besonders am Herzen lagen?

Wir wollen den gesamten Krieg zeigen, als Konflikt von Ideologien, in seiner militärischen und politischen Dimensionen, vor allem ist uns aber daran gelegen, die Perspektive der Zivilbevölkerung zu zeigen. Denn das unterscheidet diesen Krieg von allen anderen Kriegen davor, dass ihm in erster Linie die Zivilbevölkerung zum Opfer fiel. Das ist insbesondere in Polen sichtbar: Von den 5,5 Millionen polnischen Staatsbürgern, die ihr Leben verloren, waren nur 300.000 Soldaten, über fünf Millionen waren Zivilisten. Und die zweite Sache, die uns besonders wichtig war: Wir wollen die polnischen Erfahrungen im Mainstream der europäischen Erinnerung verorten. Denn die Erfahrungen von Polen und von Osteuropa insgesamt sind dort nach wie vor unterrepräsentiert. Als in Westeuropa die großen Kriegsmuseen entstanden, befand sich Polen hinter dem Eisernen Vorhang. Wir wollen, dass die beiden Teile des Kontinents, der Westen und der Osten, auch im kollektiven Gedächtnis zusammenwachsen.

Worum geht es bei dem Streit mit Kulturminister Glinski, der das Weltkriegsmuseeum mit einer anderen Einrichtung zusammenlegen will?

Herr Minister Glinski hat das Museum noch nicht besucht, also weiß ich nicht, welche Vorstellungen er davon hat. Ich hoffe sehr, dass er eines Tages vorbeikommen wird. Dieses Museum und seine Ausrichtung sind schon seit vielen Jahren Gegenstand von Anfeindungen der rechtskonservativen Kräfte. Jaroslaw Kaczynski hat schon vor Jahren angekündigt, dass er - wenn seine Partei an die Macht kommt - das Museum unter seine Kontrolle bringen und die Dauerausstellung verändern wird. Einer der Hauptvorwürfe ist, dass wir die Schicksale anderer Völker präsentieren, nicht nur die der Polen, was angeblich die Einzigartigkeit der polnischen Kriegserfahrung in Frage stellt. Ich finde, dieser Einwand trifft nicht zu, die Einzigartigkeit der polnischen Erlebnisse kommt erst vor dem Hintergrund der Kriegserfahrung anderer Völker zur Geltung. Ein anderer Vorwurf lautet, es gäbe hier zu wenig Militär, Schlachten, Soldaten und zuviel Zivilbevölkerung. Auch das finde ich nicht zutreffend, weil wir sehr viel Kriegsgerät ausstellen, aber wir sind kein reines militärhistorisches Museum. Der dritte Vorwurf lautet, wir zeichnen ein zu negatives Bild vom Krieg, unsere Kritiker sagen, der Krieg schweiße schließlich die Menschen auch zusammen und stähle die Charaktere, wir würden hingegen vor allem das Leid betonen, das der Krieg über die Menschen bringt. Ich sage dazu: Der Krieg ist ein eine furchtbare Erfahrung, das muss im Mittelpunkt stehen.

Was erwarten Sie, wenn der Minister vor Gericht Recht bekommt?

Es steht außer Zweifel, dass der Minister die Gelegenheit nutzen wird, das Museum in seiner bisherigen Form aufzulösen. Und zwar indem er dieses Museum mit einem anderen zusammenlegt. Er wird eine neue Einrichtung mit demselben Namen, aber mit einer anderen Schwerpunktsetzung ins Leben rufen. Ich hoffe nur sehr, dass die Dauerausstellung nicht angetastet wird.

Die Regierungspartei hat aber schon oft große Entschlossenheit gezeigt, die Dinge in ihrem Sinne zu verändern ...

Im Sinne des Urheberrechts gilt unsere Ausstellung als ein Werk. Und ein Werk im Sinne des Urheberrechts ist nichts, was man nach Belieben umändern kann. Der Kulturminister hat zwar das Recht, die Ausstellung, die 55 Millionen Zloty gekostet hat, als Ganzes aufzulösen und an ihrer Stelle eine andere Ausstellung zu eröffnen, aber er hat nicht das Recht, sagen wir mal ein Drittel der Ausstellung, die wir geschaffen haben, zu entfernen und an dieser Stelle andere Exponate einzustellen. Das würde gegen das Urheberrecht verstoßen. Und wir werden uns auf das Urheberrech berufen, sollte es nötig werden. Aber ich hoffe, dass der Konflikt nicht so weit eskalieren wird.

Und wenn doch, was passiert dann?

Kulturminister Glinski hat in einem Erlass bereits die Ziele für ein neues, alternatives Weltkriegsmuseum benannt. Dieses Museum soll sich vor allem mit der Militärgeschichte befassen. Und zeitlich soll es sich auf die Kämpfe unmittelbar nach Kriegsausbruch im Jahr 1939 beschränken. Das ist aber nur ein bestimmter Kriegsausschnitt. Wir zeigen den auch bei uns im Museum, sind aber der Meinung, dass man den gesamten Krieg präsentieren muss: den polnischen Untergrundstaat, den Warschauer Aufstand, das Schicksal der Zivilbevölkerung. Unsere Dauerausstellung ist viel breiter angelegt als das, was Minister Glinski für dieses neue Museum des Zweiten Weltkriegs vorschwebt.

Ihr Einrichtung wird aber jetzt schon stiefmütterlich behandelt, was die Haushaltsmittel betrifft ...

Ja. Der Haushalt, den uns das Kulturministerium für dieses Jahr zuerkannt hat, reicht hinten und vorne nicht für einen normalen Betrieb. Wir bekommen in etwa so viel Geld wie letztes Jahr, als wir noch nicht für den Unterhalt dieses riesigen Museumsgebäudes aufkommen mussten. Die Räumlichkeiten müssen ja bewacht, geputzt und beheizt werden, und man braucht auch Personal. Wir wissen also nicht, ob uns nicht bereits in wenigen Monaten das Geld ausgehen wird. Ich musste schon alle Bildungs-, Verlags- und Forschungsprogramme auf Eis legen. Ich musste auch ein Projekt stoppen, bei dem Zeitzeugenberichte aufgezeichnet werden sollten, und es handelt sich um ältere Menschen, oft jenseits der 80, die schlicht und ergreifend die Zeit möglicherweise nicht mehr erleben werden, wo wir wieder Geld für so etwas haben. Das sind also unwiederbringliche Verluste.

Was halten Sie von der Geschichtspolitik der Regierung?

Ich kommentiere nur ungern, was die Regierung macht, aber man kann in der Tat schwer dieser Frage ausweichen. Denn die Auseinandersetzung um unser Museum ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung darum, wie Geschichte im öffentlichen Raum dargestellt werden soll. Ich finde, es ist sehr wichtig, dass es unterschiedliche Museen mit unterschiedlichen Blickwinkeln gibt, wir leben ja in einem pluralistischen Land. Die Polen unterstützen unterschiedliche politische Parteien und genau so haben sie das Recht, bestimmte Kapitel der Geschichte unterschiedlich zu bewerten. Es gibt bereits ein Museum des Warschauer Aufstands, das vom PiS-nahen Präsidenten Lech Kaczynski initiiert wurde. Aber es gibt doch Leute, die einen anderen Blick auf die Geschichte haben. Wir haben das Recht zu existieren und hoffen, dass unser Museum nicht aufgelöst und die Ausstellung nicht verändert wird. Das ist in meinen Augen auch ein Gradmesser dafür, wieviel Pluralismus in der polnischen Erinnerungskultur erhalten bleibt.

(Das Interview wurde zuerst am 23.03.2017 veröffentlicht.)


Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig Das Museum wurde am 23. März 2017 nach mehr als siebenjähriger Planungs- und Bauzeit in Danzig eröffnet, also dort, wo Deutschland den Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939 begonnen hatte. Das Museum war 2007 noch von der liberalkonservativen Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk (Bürgerplattform) initiiert worden. Die rechtskonservative PiS kritisierte das Vorhaben von Anfang an und kündigte im April 2016 eine Zusammenlegung mit dem Museum der Westerplatte, ebenfalls in Danzig, an. Im April 2017 gab das Oberste Verwaltungsgericht grünes Licht für diese umstrittene Fusion. Kulturminister Piotr Glinski betonte, dass das Weltkriegsmuseum nicht geschlossen werde. Er ernannte jedoch den Historiker Karol Nawrocki zum gemeinsamen Direktor beider Museen. Der bisherige Museumsdirektor Pawel Machcewicz bleibt formal im Amt und ist an die Vorgaben von Nawrocki gebunden.


Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 21.04.2017 | 17:45 Uhr
Heute im Osten - Reportage | 22.04.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2017, 19:13 Uhr

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