Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin
Treffen im April 2019 zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan (links) und seinem russischen Amtskollegen Putin in Moskau. Bildrechte: imago images/Russian Look

Türkische Offensive in Syrien Putin laviert geschickt zwischen Türkei und Syrien

Moskaus Kritik am türkischen Einsatz gegen die Kurden in Syrien fällt verhalten aus. Tatsächlich aber kann Russland vom Konflikt profitieren. Zudem will Kremlchef Putin seinen Partner in Ankara nicht verprellen. Auch mit Damaskas unterhält Moskau enge Beziehungen.

Porträt Maxim Kireev
Maxim Kireev Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

von Maxim Kireev

Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin
Treffen im April 2019 zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan (links) und seinem russischen Amtskollegen Putin in Moskau. Bildrechte: imago images/Russian Look

Seit Tagen rückt türkisches Militär auf syrisches Staatsterritorium vor. Die Türkei kämpft dort gegen kurdische Milizen und will nach eigenem Bekunden eine Pufferzone schaffen, um die eigene Grenzen abzusichern.

Nur verhaltene Kritik in russischen Medien

Eine Aktion, die weder Moskau noch Damakus schmeckt. Erst vor wenigen Tagen hatte der russische Kremlchef Wladimir Putin gefordert, dass alle ausländischen Streitkräfte, die sich ohne Erlaubnis der syrischen Zentralregierung im Land aufhielten, es verlassen müssen.

Gemeint sind nicht nur die USA, die sich ohnehin zurückziehen, sondern auch die Türkei. Doch außer mit verhaltener Kritik in den einheimischen Staatsmedien reagiert Russland auf den Einmarsch zurückhaltend. In der UN hatte Moskau gar eine Resolution blockiert, die das Vorgehen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen Armee verurteilen sollte.

Putin will Einheit unter Assad

Doch warum sieht Moskau den türkischen Einmarsch kritisch? Seit Jahren kämpft Putin dafür, dass sein Verbündeter, Syriens Herrscher Baschar Assad, möglichst viele Landesteile wieder unter Kontrolle bekommt. Die Türkei hält die Region rings um die syrische Stadt Afrin besetzt. Erst im Frühjahr sagte der türkische Außenminister Mevlut Cavushoglu, man wolle die Stadt erst an Syrien übergeben, wenn Assad nicht mehr an der Macht sei.

"Für Moskau birgt diese Situation sowohl Risiken als auch Chancen", sagt der russische Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow, der zugleich Chefredakteur des Magazins "Russia in Global Affairs" ist. So muss der Kreml diplomatisch zwischen Assad und Erdogan lavieren - beide sind zutiefst verfeindet und gleichzeitig Moskaus Verbündete. Lukjanow hält es jedoch für möglich, dass der türkische Vorstoß mit Moskau abgesprochen ist, was aus seiner Sicht auch die verhaltene Reaktion Moskaus erklären würde.

Fjodor Lukjanow, Chefredakteur des Journals „Russia in Global Affairs“, Internationaler Journalist
Der russische Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deal auf russischer Militärbasis in Syrien

Tatsächlich kann Russland derzeit von der neuen Krise in Syrien profitieren. Das russische Militär stellte seine Basis im syrischen Hmeimim der Kurdenmiliz zur Verfügung, die dort mit der Führung in Damaskus einen Deal aushandelte. Seit Monaten hatte Moskau darauf gedrängt.

Dass dieser Deal nun angesichts der Notlage der Kurden geglückt ist, dürfte Moskaus Außenpolitiker freuen. Die syrische Armee, die nach der Einigung mit den Kurden in den Norden des Landes aufgebrochen ist, wird weniger die türkische Invasion stoppen, als Assads Einfluss in den bisher abtrünnigen Gebieten stärken. Im Gegenzug werden Moskau und Damaskus mittelfristig akzeptieren müssen, dass die Türkei Teile Syriens weiterhin besetzt hält.

Suchoj-35 Kampfjet auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien
Ein Suchoj-35 Kampfjet auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt im syrischen Hmeimim. Bildrechte: dpa

Was ist bislang geschehen? Die Türkei hatte am Mittwoch vergangener Woche ihre lang angekündigte Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG begonnen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bereits mehr als 130 Kämpfer der kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte sowie 69 Zivilisten getötet. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 160.000 Menschen auf der Flucht.

Türkei militärisch überlegen

Ohnehin sind die türkischen Streitkräfte in der Region den russisch-syrischen Kräften deutlich überlegen. Auch daher sucht Russland keine direkte Konfrontation mit der Türkei, vielmehr will es sein Militär aus dem neuen Konflikt heraushalten. Zu frisch sind die Erinnerungen an den von der Türkei abgeschossenen russischen Kampfjet, für den sich Erdogan später zwar entschuldigte. Der Vorfall zeigte jedoch, dass Russland außer Wirtschaftssanktionen kein Druckmittel gegen Ankara besitzt.

Enge wirtschaftliche Beziehungen

Zudem ist die Türkei dem Kreml derzeit ohnehin wichtiger, als das Schicksal syrischer Landstriche. Der russische Konzern Gazprom baut auf türkischem Territorium Pipelines Richtung Europa, im Süden des Landes entsteht ein russisches Atomkraftwerk. Auch kaufte kürzlich die Türkei - sehr zum Ärger der Nato - russische S-400-Luftabwehrsysteme.

Offenbar will Russland seinen türkischen Partner nicht verprellen, während es hinter den Kulissen versucht, auch dem Assad-Regime zu helfen. Moskau will damit seinen Einfluss im Nahen Osten und in Syrien ausbauen - für künftige Rohstoff- und Rüstungsgeschäfte.

Steven Mnuchin, Mike Pence und Robert O'Brien vor dem Weißen Haus
US-Vizepräsident Mike Pence (m), US-Finanzminister Steven Mnuchin (l) und Robert O'Brien, nationaler Sicherheitsberater der USA, erläutern vor dem Weißen Haus die Sanktionen gegen die Türkei. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 05:00 Uhr