"Touristenmagnet" Schutzhülle in Tschernobyl offiziell in Betrieb

Die neue riesige Schutzhülle über dem 1986 explodierten Reaktor des Atomkraftwerks Tschernobyl ist am Mittwoch offiziell in Betrieb genommen worden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte bei der Einweihung, man müsse der Sperrzone nun ein neues Leben geben. Sie solle zu einem Magnet für Wissenschaftler und Touristen werden.

Am zerstörten Atomreaktor in Tschernobyl ist eine neue Schutzhülle offiziell in Betrieb genommen worden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte bei der Einweihung, Dutzende Länder hätten sich an der Finanzierung beteiligt, um "den ganzen Planeten und die Menschheit vor radioaktiver Verseuchung zu schützen."

45 Länder tragen die Kosten

Die 108 Meter hohe und 36.000 Tonnen schwere Metallkonstruktion soll hundert Jahre halten. An den Kosten, die mit bis zu zwei Milliarden Euro angegeben werden, hatten sich 45 Länder beteiligt. Die Schutzhülle war bereits 2016 über den alten Reaktor geschoben worden. In den kommenden Jahren soll der kurz nach dem Unglück zur Eindämmung der radioaktiven Strahlung errichtete alte Beton-Sarkophag abgebaut werden. Er hatte über die Jahre Risse bekommen.

Die Sperrzone um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl sollen zukünftig mehr Wissenschaftler und Touristen besuchen, erklärte Selenskyj weiter. Das Gebiet solle zu einem "Touristenmagnet" werden. Tschernobyl solle der Welt gezeigt werden.

Wir müssen heute diesem Territorium neues Leben geben.

Wolodymyr Selenskyj Präsident Ukraine

100.000 Besucher dieses Jahr

Im Gebiet um die Atomruine gibt es geführte Touren. Um es zu befahren, ist eine Anmeldung nötig. 2018 besuchten über 70.000 Menschen die Sperrzone, darunter fast 50.000 Ausländer. Für dieses Jahr werden erstmals über 100.000 Besucher erwartet. Zuletzt hatte die amerikanisch-britische Serie "Chernobyl" große Aufmerksamkeit auf die Katastrophe gerichtet.

Eine neue Hülle für Tschernobyl Notlösung für 100 Jahre

Der Unglücksreaktor von Tschernobyl bekam im Herbst 2016 eine neue Schutzhülle - eine gigantische Konstruktion aus 25.000 Tonnen Stahl.

Tschernobyl: gigantische Schutzhülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor.
7.000 Tonnen Stahl und 400.000 Kubikmeter Beton waren 1986 eilends auf den havarierten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl geschüttet worden. 25 Jahre dürfte der Sarkophag der enormen Strahlenbelastung standhalten, prognostizierten sowjetische Wissenschaftler damals hoffnungsvoll. Er bröckelte aber schon etliche Jahre früher und drohte einzustürzen. Eine neue Hülle musste her. Und zwar schnell. Bildrechte: IMAGO
Tschernobyl: gigantische Schutzhülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor.
7.000 Tonnen Stahl und 400.000 Kubikmeter Beton waren 1986 eilends auf den havarierten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl geschüttet worden. 25 Jahre dürfte der Sarkophag der enormen Strahlenbelastung standhalten, prognostizierten sowjetische Wissenschaftler damals hoffnungsvoll. Er bröckelte aber schon etliche Jahre früher und drohte einzustürzen. Eine neue Hülle musste her. Und zwar schnell. Bildrechte: IMAGO
Arbeiter in Tschernobyl
Mit den Arbeiten an der Ummantelung waren Tausende Arbeiter beschäftigt. Um die Strahlenbelastung für sie so gering wie nur irgend möglich zu halten, wurde die Ummantelung 180 Meter entfernt vom Unglücksreaktor angefertigt. Bildrechte: IMAGO
Tschernobyl: gigantische Schutzhülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor
100 Jahre soll das Meisterwerk der Ingenieurskunst halten. Und diese Zeit wird man auch brauchen, erklären Wissenschaftler, um den Rückbau des 1986 explodierten Reaktors zu bewerkstelligen. Noch weiß freilich niemand, wie dieser Rückbau tatsächlich vonstatten gehen könnte. Denn unter dem neuen Wahrzeichen von Tschernobyl liegen noch an die 200 Tonnen strahlendes Material ...
(Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 29.11.2016 | 21:45 Uhr.)
Bildrechte: IMAGO
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Der vierte Block des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl war am 26. April 1986 bei einem missglückten Experiment explodiert. Die radioaktive Wolke verstrahlte große Gebiete im heutigen Weißrussland, in der Ukraine und Russland. Auch in anderen europäischen Ländern wurde über längere Zeit erhöhte radioaktive Strahlung gemessen.

Aktuelle Kamera vom 01. Mai 1986 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Moskau-Korrespondent der DDR, Wolfgang Mertin, berichtet am 29. April 1986 in der "Aktuellen Kamera" von zwei Toten in Tschernobyl.

Di 29.04.1986 20:44Uhr 02:26 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/video-128426.html

Rechte: Deutsches Rundfunkarchiv

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EU gibt eine Milliarde

Das internationale Baukonsortium Novarka übertrug der Ukraine die Verantwortung für die neue Schutzhülle. Neben der Instandhaltung und Nutzung sei Kiew nun auch für die Demontage des ersten Sarkophags verantwortlich, der schnell nach der Havarie errichtet worden sei, teilte die EU-Vertretung in Kiew auf Facebook mit. Die EU habe der Ex-Sowjetrepublik seit 1991 mit knapp einer Milliarde Euro für die Atomsicherheit geholfen.

Blick auf den zerstörten Reaktor im ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine
26. April 1986: Nach einer testweisen Abschaltung von Reaktor 4 zur Überprüfung der Sicherheitssysteme fiel um 01:23 Uhr das Kühlwassersystem aus – eine unkontrollierte atomare Kettenreaktion begann. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Juli 2019 | 20:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 22:03 Uhr