Unabhängigkeitstag in der Ukraine Popmusik statt Panzerparade

Am 24. August feierte die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag – diesmal ohne die traditionelle Militärparade. Eine große Show machte der neue Präsident Selenskyj trotzdem daraus. Seine Gegner reagierten mit einer Gegenveranstaltung.

von Denis Trubetskoy

Ein gepanzertes Fahrzeug vor ukrainischen Flaggen bei der Unabhängigkeitsparade am 24. August 2014 auf der Kiewer Unabhängigkeitsplatz.
Ein gepanzertes Fahrzeug vor ukrainischen Flaggen bei der Unabhängigkeitsparade am 24. August 2014 in Kiew. Panzer wird es in diesem Jahr aber nicht geben, stattdessen gute Laune und viele Konzerte. Bildrechte: dpa

Die Ukraine ist seit 1991 unabhängig. So richtig an Bedeutung gewann der Nationalfeiertag am 24. August jedoch eigentlich erst 2014. Damals annektierte Russland die südukrainische Halbinsel Krim und wenig später brach der Krieg im östlichen Donbass aus. Diese Ereignisse brachten die Ukrainer dazu, ihre Unabhängigkeit stärker zu zelebrieren. Und das vor allem militärisch: Ex-Präsident Petro Poroschenko entschied 2014, die von seinem Vorgänger Wiktor Janukowitsch ausgesetzte Militärparade wiederzubeleben. Und 2018 war sie dann größer als je zuvor.

Schluss mit der Militärparade

Petro Poroschenko
Ex-Präsident Petro Poroschenko meint, man müsse am Unabhängigkeitstag mit einer großen Militärparade auffahren. Bildrechte: dpa

Damit ist ein Jahr später wieder Schluss. Bereits im Juli kündigte der neue Präsident Wolodymyr Selenskyj an, die Parade abzusagen sowie das dafür vorgesehene Geld lieber in eine Prämie für Soldaten fließen zu lassen. Eine Entscheidung, von der sein Vorgänger Poroschenko nichts hält: "Es ist ein Ereignis, bei dem das Volk seinen Respekt gegenüber der Armee zollen kann. Die Armee genießt heute laut Umfragen das größte Vertrauen der ukrainischen Bevölkerung." Tatsächlich sind im politischen Diskurs beide Positionen vertreten. Für die einen ist die Militärparade eine große Geldverschwendung; zudem gebe es nichts zu feiern, solange der Krieg im Donbass nicht gewonnen ist. Andere meinen, dass gerade wegen des Ostukraine-Krieges eine solche Verehrung für die Armee im Zentrum Kiews umso wichtiger sei, unabhängig von den Kosten.

Musikvideomacher übernimmt Regie

Wolodymyr Selenskyj, neuer Präsident der Ukraine grüßt Unterstützer
Wolodymyr Selenskyj macht vieles anders als neuer Präsident. Bildrechte: dpa

Letztendlich positioniert sich Selenskyj in der Mitte: Es wird eine Parade namens "Zug der Würde" geben. Es werden zwar Soldaten daran teilnehmen, jedoch wird keine Militärtechnik gezeigt. Neu kommen etwa Ärzte, Sportler, Freiwillige, Diplomaten oder Kinder dazu. Typisch für den Ex-Schauspieler und Fernsehproduzenten Selenskyj ist, dass die Veranstaltung als große Show geplant ist: Der Regisseur Alan Badojew ist einer der bekanntesten Musikvideomacher im postsowjetischen Raum. Er ist für die neue Unabhängigkeitsparade verantwortlich. Auf dem Programm stehen ein choreografierter Flashmob, Auftritte von fünf Orchestern und Opernsängern, die ukrainische Lieder modern interpretieren sollen, sowie der Elektro-Folk-Pop-Band ONUKA.

Mensch im Mittelpunkt, nicht Militärtechnik

"Die Geschichte des Unabhängigkeitstages ist nicht die der Stärke, sondern die der Menschen", erklärt die für die Choreografie verantwortliche Co-Regisseurin Olena Koljadenko das Konzept. "Deswegen wollen wir etwa den Piloten statt seines Flugzeuges zeigen." Auch Nata Schischteschnko, die Frontfrau der Band ONUKA, freut sich über das Konzept: "Es ist schön, dass der Mensch selbst und nicht die Militärtechnik im Mittelpunkt steht." Armeeveteranen, Familien der gefallenen Soldaten und einige nationalistische Organisationen organisieren ebenfalls den alternativen "Marsch der Verteidiger der Ukraine". Für diese Veranstaltung wirbt auch Ex-Präsident Petro Poroschenko.

Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten auf dem Maidan in Kiew, 2014
Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten auf dem Maidan in Kiew 2014. Ereignisse, die die ukrainische Identität maßgeblich prägten. Bildrechte: imago/Eastnews

35 Euro Prämie für die Soldaten

Die Spaltung ist zwischen der gemäßigten Politik Selenskyjs und den Anhängern der früheren Herangehensweise von Poroschenko nach dem Wahlslogan "Armee! Sprache! Glauben!" ist deutlich zu spüren. Dabei haben beide Seiten etwas zu kritisieren. So beträgt die von Selenskyj versprochene Soldatenprämie zum Unabhängigkeitstag lediglich umgerechnet 35 Euro, während der "Marsch der Verteidigers" von der umstrittenen rechtsradikalen Vereinigung S14 mitorganisiert wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. August 2019 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2019, 05:00 Uhr

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