Viktor Orban
Der ungarische Premier Viktor Orbán macht mit Geschichte Politik. Bildrechte: dpa

Mit Geschichte herrschen Geschichtspolitik in Ungarn: Opfermythos und Revolution

Der ungarische Nationalfeiertag ist ein geschichtsträchtiger Tag, der groß gefeiert wird. Und einer wusste schon immer, das tief verankerte historische Bewusstsein im Land zu nutzen: Von den Anfängen seiner politischen Karriere an war Viktor Orbán bewusst, wie wichtig historische Narrative sind, um seine Macht zu stärken und auszubauen. Bis heute greift er auf seine eigene Version der Geschichte zurück, um politische Projekte zu rechtfertigen, Gegner kleinzuhalten und seine Macht zu festigen.

von Thyra Veyder-Malberg

Viktor Orban
Der ungarische Premier Viktor Orbán macht mit Geschichte Politik. Bildrechte: dpa

1989 wurde eine der zentralen Figuren des Ungarnaufstandes von 1956 mit allen staatlichen Ehren beigesetzt: Der Kommunist und Ministerpräsident Imre Nagy, der nach der Niederschlagung des Aufstandes hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt worden war. Auch ein bis dahin unbekannter Studentenführer zollte Nagy in einer Rede Respekt: der junge Viktor Orbán.

Kurz erklärt: Geschichtspolitik Geschichtspolitik ist eine Interpretation der Geschichte, die helfen soll, politische Ziele zu erreichen. Sie ist meist mit dem Versuch verbunden, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass dies die einzig wahre Version der Geschichte sei. Sie kann dazu dienen, Macht zu festigen, bestimmte Vorgänge im Nachhinein zu legitimieren oder ein Nationalgefühl zu schaffen bzw. zu stärken.

So wurden in der DDR der antifaschistische Widerstand im KZ Buchenwald besonders gefeiert oder das Wirken des Reformators Thomas Müntzer als "frühbürgerliche Revolution" dargestellt. Das NS-Regime verklärte die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters, um seine Kriegseroberungen in Osteuropa zu rechtfertigen. Die Befreiungskriege von 1813-1815 dienten dem Deutschen Kaiserreich als Gründungsmythos.

Viktor Orbán (1989 auf dem Hosök-Platz in Budapest)
Viktor Orbán 1989 auf dem Hosök-Platz in Budapest. Bildrechte: dpa

"Die Bedeutung der Geschichtspolitik hat in den letzten Jahren in Ungarn zugenommen. Die Politik setzt stark auf Geschichte, um ihre Anhänger zu mobilisieren", sagt die Historikerin Regina Fritz, die unter anderem zur ungarischen Geschichtspolitik forscht. "Die Regierung investiert viel Geld, um die eigene Geschichtsinterpretation in der Öffentlichkeit anzubringen."

Nationale Symbole

Bereits in seiner ersten Legislaturperiode als Ministerpräsident (1998-2002) ließ Viktor Orbán die Stephanskrone vom Nationalmuseum ins Parlament bringen, wo sie bis heute ausgestellt wird. Diese "heilige" Krone gilt vielen Ungarn nicht nur als Symbol nationaler Einheit und Unabhängigkeit, sondern auch legitimer Herrschaft und Kontinuität. Gleichzeitig brachte Orbán auch den Bau eines hoch umstrittenen Museums auf den Weg: Das Haus des Terrors, das seit seiner Eröffnung scharfer Kritik von Historikern aus dem In- und Ausland ausgesetzt ist. Die Ausstellung setzt nicht nur faschistische und kommunistische Diktatur gleich, sondern stellt diese auch so dar, als wären sie den Ungarn ohne aktives Zutun widerfahren. Die Leiterin des Hauses, Mária Schmidt, ist eine enge Vertraute Orbáns und berät ihn bis heute in historischen Fragen.

Speziell die Aufarbeitung der ungarischen Verantwortung für den Holocaust hat in Ungarn nie die Aufmerksamkeit erfahren, die die Opfer – insgesamt kamen etwa 565.000 Juden aus Ungarn ums Leben – verdient hätten. Stattdessen ließ die ungarische Regierung mitten im Holocaust-Gedenkjahr 2014 ein Denkmal auf dem Budapester Freiheitsplatz errichten, das den ungarischen Opfermythos fortschreibt: Ein Adler (Deutschland), der im Angriffsmodus auf den Erzengel Gabriel (Ungarn) herunterstößt. Es ist längst nicht das einzige Denkmal im öffentlichen Raum, das errichtet wurde, um das Geschichtsverständnis der Regierung zu verbreiten.

Nicolas Horthy
Miklós Horthy, langjähriges Staatsoberhaupt des Königreich Ungarns (1920-1944), zu Beginn der Nürnberger Prozesse 1945. Bildrechte: IMAGO

Dazu gehören auch die zahlreichen Denkmäler des Reichsverwesers und Hitler-Kollaborateurs Miklós Horthy, der neuerdings als Held gefeiert wird. Orbán selbst nannte Horthy einen "Ausnahmestaatsmann" und Mária Schmidt sagte auf einer Konferenz zum Thema Trianon vergangenen März in Budapest, er habe den Ungarn das "nationale Selbstwertgefühl wiedergegeben". Horthy hatte, in der Hoffnung, die durch den Vertrag von Trianon verlorenen Territorien wiederzubekommen, sein Land an der Seite Hitlers in den Krieg geführt und trägt zudem eine Mitverantwortung an der Deportation und Ermordung hunderttausender ungarischer Juden.

Ungarn sieht sich in der Opferrolle

Der Opfermythos, demzufolge die Ungarn im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Opfer finsterer Mächte von außen wurden – seien es nun die Mongolen, die Türken, die Habsburger, die Deutschen, die Alliierten oder die Sowjetunion – ist ein Narrativ, das für Orbáns Geschichtspolitik zentral ist. "Es gibt Bedarf an einer selbst-viktimisierenden Sichtweise, das heißt, wir sind die Opfer, die anderen sind die Täter", sagt der ungarische Historiker Krisztián Ungváry mit Blick auf die eigenwillige Geschichtsinterpretation der Regierung und verweist auf das Mobilisierungspotential solcher Erzählungen gerade vor Wahlen.

Ein weiteres zentrales Motiv ist das der Revolution: Als Orbán bei den Parlamentswahlen 2010 mit Fidesz und dem Mini-Listenpartner KDNP eine Zweidrittelmehrheit der Parlamentssitze errang, deklarierte er diesen Wahlsieg als "Revolution an der Urne". Dies suggerierte nach Ansicht von Experten, dass es um mehr als nur einen in einer Demokratie üblichen Regierungswechsel geht, und sollte legitimieren, was danach geschah: Orbán nutze seine Macht, um eine Verfassung nach seinen Vorstellungen schreiben zu lassen. Der Jurist und Osteuropaexperte Herbert Küpper schrieb in diesem Zusammenhang:

Da der Systemwandel vom Kommunismus zu Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft bereits 1989/90 im Rahmen der alten Verfassung verwirklicht worden war, schien die Forderung nach einer neuen Verfassung eher symbolischer Natur. Allerdings bot die Verfassungsgebung zugleich Gelegenheit, einige aus Sicht von Fidesz allzu liberale Verfassungsbestimmungen zu streichen und die eigene Ideologie auf Verfassungsebene festzuschreiben.

Herbert Küpper Zeitschrift "Osteuropa"
Viktor Orban wird 2010 als ungarischer Premierminister vereidigt
Viktor Orban wird 2010 als ungarischer Premierminister vereidigt. Bildrechte: IMAGO

Die neue Verfassung wurde ohne nennenswerte Beratungen bereits ein Jahr nach dem Wahlsieg verabschiedet. Sie stieß wegen der Beschneidungen der Verfassungsgerichtsbarkeit und des fehlenden Diskriminierungsverbots für Minderheiten auf massive Kritik im In- und Ausland. Der Fraktionschef der Liberalen im EU-Parlament, Guy Verhofstadt, bezeichnete sie gar als "Trojanisches Pferd für ein autoritäres politisches System in Ungarn". In der Präambel schreibt diese Verfassung zudem zentrale Motive von Orbáns Geschichts- und Politikverständnis verbindlich fest.

Orbán: Ungarn ein Volk der Freiheitskämpfer

Das Motiv der Rebellion gehört weiterhin zu Orbáns Leitbild: "Wir sind ein Volk der Freiheitskämpfer", sagte er im Interview mit der regierungsfreundlichen Website 888.hu. Aber "nicht die Regierung wird sich erheben, sondern die Menschen, und wir vertreten das, was die Menschen wollen. Das ist unser politisches Erbe." Diese Rebellion richtet sich gegen die Außenwelt, diesmal im Form der EU und der großen Konzerne. "Dieses Interview ist typisch für Orbán", schreibt der ungarisch-stämmige Journalist und Ungarn-Experte Stephan Ozsváth in seinem Buch Puszta-Populismus. "Nationalstaat versus Europa, ungarischer David gegen Brüsseler Goliath und ein bisschen Anti-Globalisierung, ein bisschen Klassenkampf – in wenigen Sätzen hat er [Orbán, Anm. d. Red.] eine ganze Verschwörungstheorie entworfen."  

Die beiden Narrative, der Opfermythos und die Revolution, greifen oft ineinander, um Anhänger gegen einen angeblichen Feind von außen zu mobilisieren. Der ist letztlich austauschbar: der Internationale Währungsfond, George Soros, die EU oder muslimische Flüchtlinge. Doch auch die tatsächlichen Revolutionen in der ungarischen Geschichte werden der Lesart der Orbán-Regierung unterworfen. Das belegt etwa das Gedenkjahr an den Ungarnaufstand von 1956. So sah die für die Feierlichkeiten des Jahres 2016 zuständige Chefin des Terror-Hauses, Mária Schmidt, in den Ereignissen eine Sternstunde der "einfachen Menschen". Daher konzentrierte sich das Gedenken auf die einfachen Freiheitskämpfer.

Denkmäler werden ausgetauscht

Dass aber Studenten, Intellektuelle und auch die kommunistischen Räte in den Betrieben bei den Ereignissen eine zentrale Rolle spielten, wurde dagegen eher ignoriert. "Allgemein gesprochen, spiegelt dieses Narrativ über die Revolution den gegenwärtigen Populismus wieder, der dem Volkswillen eine geradezu mythische Rolle verleiht. Auf ihn beruft sich das "System der nationalen Zusammenarbeit" – so bezeichnet die Orbán-Regierung ihr Regime", schrieb der ungarische Politikwissenschaftler Rafael Labanino bereits 2016 anlässlich der Feierlichkeiten des Gedenkjahres an den Ungarnaufstand.

Eine lebensgroßen Bronzestatur in Gestalt eines Mannes mit Hut, steht an einem Brückengeländer.
Das Imre-Nagy-Denkmal in Budapest. Die Bronzefigur wurde im Dezember 2018 entfernt. Bildrechte: imago/robertharding

Orbán-Kritiker sind sich einig: Wenn ein nationales Narrativ etabliert werden soll, ist kein Platz für linke Heldentaten. Dementsprechend werden Denkmäler linker Politiker und Staatsmänner geschliffen und durch "rechte" Helden ersetzt. Anfang Dezember 2018 mussten die Budapester feststellen, dass ein weiteres, sehr beliebtes Denkmal über Nacht einfach verschwunden war. Erst nach einem öffentlichen Aufschrei gab die Regierung bekannt, dass die Statue des linken Politikers lediglich an einen anderen Ort gebracht werden solle. Sein Name: Imre Nagy.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 13. Oktober 2019 | 23:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2019, 05:00 Uhr

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