30. Jubiläum Polens Anteil am Mauerfall – Die Vergessenen von Warschau

Am Wochenende feiert Prag das 30. Jubiläum der Ausreise von 6.000 DDR-Flüchtlingen in die Bundesrepublik. Fast vergessen ist heute, dass es gleichzeitig auch in Warschau tausende Flüchtlinge gab – und Polen dadurch eine große Rolle beim Fall der Mauer spielte.

von Alexander Hertel

Vollbepackt stellt Walter Brandt den Familien-Wartburg am 8. September 1989 in einer Nebenstraße des Warschauer Botschaftsviertels Saska Kępa ab. Im Gepäck hat er seine Ehefrau Helga, die Söhne André und Tino, einige Koffer und den Wunsch, die DDR endlich hinter sich zu lassen. Doch die alte Heimat lässt sich nicht so schnell abschütteln.

Vor der Warschauer Vertretung der Bundesrepublik Deutschland passt ein fremdes Paar die Familie ab, erinnert sich der damals 18-jährige Tino Brandt 30 Jahre später: "Die haben auf Deutsch gefragt: 'Wollen Sie in die Botschaft? Sollen wir für Sie etwas erledigen in der DDR? Wo kommen Sie denn genau her?' Die waren natürlich von der Staatssicherheit."

Öffnung Polens als Hoffnung

Mann in schwarzem Hemd vor begrüntem Zaun.
Der gebürtige Magdeburger Tino Brandt war 18, als seine Familie über Polen aus der DDR in die Bundesrepublik floh. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tino Brandts Familie hatte bereits zuvor versucht, aus der DDR zu fliehen. Im Juni 1989 fahren sie nach Ungarn, werden aber an der Grenze zu Österreich verhaftet. Vater Walter und der Abiturient Tino landen einige Tage im Militärgefängnis. Nach ihrer Rückkehr schmieden sie den Plan, es über die deutsche Botschaft in Warschau zu probieren, denn in Polen bröckelt nach den ersten freien Wahlen bereits der Sockel der kommunistischen Herrschaft.

Unter falschen Angaben bekommt Tino Brandts Familie ein Urlaubsvisum und steuert die westdeutsche Botschaft in Warschau an. Auch das Stasi-Paar kann sie davon nicht mehr abhalten. "Meine Mutter hat dann praktisch sehr, sehr allergisch reagiert. Sie hat die angebrüllt und die haben einen ganz roten Kopf gekriegt und sind dann weggegangen", sagt Tino Brandt mit einem Schmunzeln. Auch die Macht der DDR zeigt in Warschau bereits ihre Risse.

Polnisches Rotes Kreuz versorgte tausende Flüchtlinge

In der Botschaft werden die Informationen der Brandts aufgenommen und die Familie dann in einem Privathaus in der Nachbarschaft untergebracht, so wie viele hunderte anderer DDR-Bürger. "Das zeigt, dass die Polen helfen wollten", sagt Irena Gutveter, damals Generalsekretärin des Polnischen Roten Kreuzes. Während die Botschaft vor Flüchtlingen überquillt versorgen ihre Mitarbeiter zwischenzeitlich 2.500 Flüchtlinge mit dem Nötigsten: Essen, Kleidung, Informationen.

Weißhaarige Frau in Kostüm steht in einer Straße
Izabela Gutveter war 1989 Generalsekretärin des polnischen Roten Kreuzes, das die DDR-Flüchtlinge in Warschau versorgte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich denke, dass auch unsere Situation in Polen eine Rolle spielte. Denn auch bei uns gab es in den Jahren 1989/1990 eine politische Wende. Es gab das erfolgreiche Streben nach mehr Selbstbestimmung und Freiheit. Das war bereits vorhanden", sagt Gutveter heute über die Stimmung in jenem Spätsommer 1989. Ihre Mitarbeiter seien glücklich gewesen, den Menschen aus den Nachbarland helfen zu können: "Ich glaube, dass liegt daran, dass die Polen sehr sensibel für Gefühle des Unrechts und der Unzufriedenheit sind."

Fieberhafte Verhandlungen in Prag und Warschau

Hinter den Kulissen verhandelt die Regierung des ersten freigewählten Premierministers Polens, Tadeusz Mazowiecki, derweil mit einer Delegation des westdeutschen Außenministeriums, ebenso wie die Machthaber in Prag. Im Gegensatz zu Polen seien diese jedoch "Betonköpfe" gewesen, resümierte der Delegationsleiter Jürgen Sudhoff bereits beim 25-jährigen Jubiläum der Botschaftsflucht. Warschau hingegen hätte ihm entgegengekommen signalisiert.

Gelbes Gebäude im Herbst.
Unscheinbar aber geschichtsträchtig: die ehemalige Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Polen 1989. Heute befindet sich darin das Büro eines Pizzaunternehmens. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende stimmt auch Tschechien der Ausreise der Flüchtlinge per Sonderzug zu und Außenminister Genscher kann auf dem Prager Botschaftsbalkon seine berühmte Rede halten. In Warschau gibt es währenddessen keine TV-Kameras. Persönlich verkündet Staatsminister Jürgen Sudhoff den Menschen die Entscheidung, unter ihnen der gebürtige Magdeburger Tino Brandt und seine Familie: "Da ist natürlich erstmal der Jubel ausgebrochen und wir haben geschrien."

Hoffnungen auf beiden Seiten

Am frühen Morgen des 30. September 1989 fährt der verschlossene Sonderzug mit hunderten Flüchtlingen von Warschau aus Richtung Westen. Doch zuvor muss er noch einmal die DDR passieren, erinnert sich Tino Brandt: "Das war hochemotional. Wir fuhren bei Magdeburg durch Landstriche, wo ich aufgewachsen bin. Da haben dann Leute rechts und links am Bahnsteig gestanden, wo ich mich gefragt habe: 'Sind das Leute, die ich kenne?'"

Auch in Polen löst die Entscheidung zur Ausreise Emotionen aus, so Izabela Gutveter vom polnischen Roten Kreuz: "Wir hatten die Hoffnung, dass, wenn das funktioniert, sich auch in Polen etwas verändern wird." Denn trotz frei gewählter Regierung war Polen weiterhin Teil des Warschauer Paktes und unter direktem Einfluss Moskaus.

Investition in eine gemeinsame europäische Zukunft

Mann im Anzug steht in einem Garten.
Rolf Nikel, Botschafter der Bundesrepublik in Polen, hat bereits die Botschaftsflüchtlinge 1989 im diplomatischen Dienst erlebt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ungewollt hätte die Entscheidung über die Botschaftsflüchtlinge von Warschau und Prag jedoch bereits Welthistorisches ins Rollen gebracht, meint Rolf Nikel, der derzeitige deutsche Botschafter in Warschau: "Das war aus meiner Sicht der letzte Sargnagel im SED-Regime." Nikel ist 1989 als Diplomat im Bundeskanzleramt und zuständig für die Beziehungen zur Sowjetunion und den GUS-Staaten, darunter Polen.

Zum 30. Jubiläum des Warschauer Botschaftsflüchtlinge betont er heute noch einmal die Bedeutung dieses Spätsommers: "Das war eine Sternstunde der deutsch-polnischen Beziehungen. Es war ein großartiges menschliches Helfen und Unterstützen der Flüchtlinge, das bis heute Freundschaften begründet hat. Es war, wenn Sie so wollen, eine Investition Polens in die gemeinsame europäische Zukunft."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 27. September 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2019, 11:05 Uhr

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