Undurchsichtig Wirecards windige Russland-Geschäfte

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Während Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek derzeit in Obhut der russischen Geheimdienste vermutet wird, tauchen neue Details zu seinen Russland-Geschäften auf. Die führen in die Welt von Sportwetten und Online-Casinos.

Jan Marsalek, ehemaliger Vorstand und COO von Wirecard
Jan Marsalek, ehemaliger Vorstand und COO von Wirecard Bildrechte: twitter.com/FinanceMagazin

Für die einen ist Jan Marsalek ein Spion, für die anderen ist er einfach ein Dieb. Eines jedoch zweifelt derzeit kaum jemand an: Der ehemalige Vorstand und Chief Operating Officer von Wirecard hält sich offenbar in Russland versteckt. Vor gut zwei Wochen ließen Investigativ-Journalisten aus Russland und Großbritannien eine echte Bombe platzen, als sie den damaligen Aufenthaltsort anhand von Flugdaten in Weißrussland ausmachten. Später erfuhr das Handelsblatt aus informierten Kreisen, dass sich der Wirecard-Manager in Russland befinde und zwar in Obhut des Militärgeheimdienstes GRU.

Mindestens 60 Russlandreisen

"Letzteres konnten wir bisher nicht beweisen, auch wenn wir daran arbeiten", erklärt Roman Dobrochotow. Er ist einer der bekanntesten Investigativ-Journalisten Russlands und hat Einreisedatenbanken der russischen Grenzbehörden sowie Flugdaten ausgewertet und unzählige Presseberichte zu Jan Marsalek studiert. Für Dobrochotow steht fest: Marsalek habe zumindest mit dem russischen Geheimdienst zusammengearbeitet. "Für Russland könnte er eine Art Zahlungskurier gewesen sein". So könnte er zum Beispiel auf seinen mindestens 60 Russlandreisen, Datenträger mit Krypto-Währung empfangen haben, um diese später in Euro oder Dollar an die nötigen Empfänger zu überweisen. Zum Beispiel an Söldner in Libyen, wo Russland seit Jahren im Bürgerkrieg mitmischt und wo Marsalek selbst nach eigener Auskunft geschäftliche Interessen verfolgte.

Roman Dobrochotow
Der russische Investigativ-Journalist Roman Dobrochotow Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Gespräche über die Sicherheitslage in Libyen

Überprüfen lässt sich diese Version derzeit kaum. Andrej Tschuprygin, ein russischer Libyen-Experte und Berater Marsaleks, den die westlichen Geheimdienste als Mann mit engen Beziehungen zu Geheimdienstkreisen bezeichnen, streitet wenig überraschend jegliche Verbindungen zu russischen Schlapphüten ab. Zumindest zwei Treffen mit Marsalek in Moskau kann er bestätigen. "Wir haben über die Sicherheitslage in Libyen gesprochen, wo Marsalek Geschäftspläne hatte. Das ist alles", sagt Tschuprygin.

000 Wirecard – Der Firmenableger in Moskau

Tatsächlich hatte Marsalek viele Gründe nach Russland zu reisen. Die meisten von ihnen haben allerdings nichts mit Spionage zu tun. So hatte Wirecard in Russland auch eine ganz offizielle Repräsentanz, die 000 Wirecard, eine GmbH nach russischem Recht. Dort war Marsalek seit 2019 operativer Geschäftsführer. Die russische Wirecard-Tochter habe keine Transaktionen in Russland durchgeführt, beteuert die Direktorin der Niederlassung, Polina Dobrijan. Das russische Wirtschaftsportal The Bell fand jedoch heraus, dass Dobrijan sich mit Leuten aus der russischen Onlinecasino- und Sportwettenbranche getroffen und ihnen die Dienste von Wirecard angeboten habe. Auch Marsalek habe in Russland Gespräche geführt, etwa 2016 mit der Tatfondbank aus der Stadt Kazan und mit ihrer Tochter Radiotechbank in Nischni Nowgorod. Reisen in diese beiden Städte bestätigten auch die Recherchen von Bellingcat und The Insider. Das Geschäft kam nicht zustande, offenbar weil die Tatfondbank ihre Lizenz in Russland verlor.

Fußbänger überqueren den Prospekt Mira
Auf dem Prospekt Mira in Moskau residiert die 000 Wirecard, eine GmbH nach russischem Recht Bildrechte: dpa

Geschäfte mit Sportwettenanbietern

Eine andere Spur führt zum russischen Zahlungssystem Moneta, das nach Auskunft von mehreren Quellen aus der Branche die Geldabwicklung für den russischen Sportwettenanbieter 1xBet übernommen hatte. Moneta gehört laut russischem Handelsregister einem gewissen Juri Jefremow. Ein anderes Unternehmen von Jefremow, der Webseiten-Betreiber Runtime, wurde im April dieses Jahres an die Wirecard-Tochter Wirecard Acquiring and Issuing GmbH verpfändet. Darüber hinaus weist die Wirecard-Webseite das russische System "Moneta", als eine der möglichen Zahlungsmethoden aus.

Branchenexperten wie Dmitrij Artimowitsch, einst hochrangiger Mitarbeiter des russischen Zahlungsabwicklers Chornopay, glaubt, dass europäische Zahlungsdienstleister wie Wirecard eine Möglichkeit für die Casinos und Buchmacher waren, um die russischen Gesetze zu umgehen. Die Branche ist in Russland streng reglementiert. Online-Casinos sind verboten, während Sportwetten nur mit strengen Auflagen möglich sind. Entsprechende Transaktionen werden von den Banken gesperrt. Wirecard und andere Anbieter hatten es der Branche möglich gemacht, die strengen russischen Auflagen zu umgehen.

Nikolai Khomchenko
Der Chef des russischen Sportwettenanbieters 1xBet Nikolai Khomchenko Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Marsalek hat in Russland keine Zeit verschwendet

Für Ilja Schumanow, Vize-Chef der russischen Vertretung von Transparency International, steht jedenfalls fest, dass Marsalek auf seinen Russland Reisen keine Zeit verschwendet hat. "Auch wenn er in irgendwelche geheimdienstlichen Aktivitäten verwickelt wäre, hatte er eine handfeste kommerzielle Aktivität in Russland entwickelt", sagt der Experte. Ob Marsalek dabei auch für russische Geheimdienste Zahlungen abwickelte, wie es etwa Investigativ-Journalist Dobrochotow vermutet, hält Schumann für fraglich. "Eine öffentliche AG wie die Wirecard ist da aus meiner Sicht eine etwas riskante Wahl". Marsaleks Verschwinden in Russland, nachdem bei Wirecard ein milliardengroßes Finanzloch aufgetaucht ist, hält er jedoch zumindest für möglich. "Russland gehört wohl derzeit zu den sichereren Orten auf der Welt, wenn man sich vor der europäischen Justiz verstecken möchte".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juli 2020 | 12:00 Uhr