Waffenschau Russlands rollender Propaganda-Zug

Russen trauen der eigenen Armee derzeit mehr als dem Präsidenten Wladimir Putin, so Umfragen des Levada-Instituts. Mit Propaganda-Aktionen wollen die Militärs ihre Beliebtheit sogar noch weiter steigern.

Zuschauer stehen vor einem Zug.
Propaganda-Ausstellung auf Schienen. Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

Es ist das Echo des Syrien-Kriegs, das derzeit durch Russlands Städte rollt. Selbstgebaute Sprengsätze, gepanzerte Jeeps und sogar blutverschmierte Säbel aus dem Arsenal islamistischer Kämpfer: Einen ganzen Zug hat Russlands Verteidigungsministerium mit Trophäen aus dem kriegsgebeutelten Land vollgepackt. Insgesamt 20 Waggons umfasst die rollende Waffenschau, die insgesamt 60 Städte in ganz Russland ansteuern wird, um dort jeweils für einige Stunden zum Museum auf Schienen zu werden.

Ausstellung auf Schienen

"Syriens Umbruch" heißt die rollende Ausstellung und zeigt insgesamt 500 Gegenstände, die russische Truppen von Islamisten erbeutet haben sollen. Erklären sollen die Ausstellungsstücke Soldaten, die selbst in Syrien gekämpft haben. Seit fast drei Jahren kämpfen die russische Luftwaffe und Bodentruppen an der Seite des syrischen Herrschers Baschar al-Assad gegen islamistische Terroristen und bewaffnete Regimegegner. Diese Unterstützung ermöglichte es Assad, weite Teile des Landes wieder unter seine Kontrolle zu bringen.

Soldat vor militärischen Ausstellungsstücken
Soldaten, die in Syrien gekämpft haben, erklären die Ausstellung. Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

Nun soll auch die Zivilbevölkerung die Erfolge der eigenen Armee aus nächster Nähe betrachten. Pünktlich zum Gründungstag der Roten Armee am 23. Februar, einem gesetzlichen Feiertag im Land, rollte der Zug von Moskau los gen Süden und erreichte kürzlich Sewastopol auf der von Russland annektierten Krim, von wo es per Transsibirischer Eisenbahn Richtung Wladiwostok am Pazifik und wieder zurück in den europäischen Teil des Landes gehen soll.

Syrien-Feldzug als Propagandakulisse

Seit Tagen wird die offiziell als "militärisch-patriotische Aktion" getaufte Propagandafahrt minutiös vom Verteidigungsministerium dokumentiert. Auf Facebook, Twitter oder auf dem eigenen Fernsehsender "Zwezda", der in ganz Russland rund um die Uhr empfangbar ist. In Rostow am Don hätten mindestens 12.000 Besucher den Syien-Zug aus besucht. In Sewastopol auf der Krim seien es gar 14.000 gewesen, melden die Militärs. Auch ein Laden mit Armeezubehör und Souvenirs sowie ein mobiles Rekrutierungszentrum reisen mit dem Zug - für jene, die gleich an Ort und Stelle einen Vertrag mit der Armee unterzeichnen wollen.

Ein Mann spricht mit einem Soldaten und zeigt auf eine Waffe.
Zwischenstopp in Tula, knapp 200 Kilometer südlich von Moskau Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

Ob sich Freiwillige bereits gefunden haben, melden die Militärs bisher nicht. Fest steht jedoch, dass Russlands Armee schon seit Jahren keine Mittel scheut, um das eigene Image aufzupolieren. Nach den 1990er-Jahren stand die Armee vor allem für marode Technik, Gewalt gegen Rekruten und Korruption. Millionenfach bezahlten Eltern Schmiergeld, um die eigenen Söhne von der zweijährigen Wehrpflicht freizukaufen. Erst nach der Jahrtausendwende änderte sich das Bild allmählich. Die Wehrpflicht wurde auf ein Jahr verkürzt und die Heeresgröße insgesamt verkleinert, während die Zahl der Berufssoldaten gleichzeitig rapide anstieg. Gleichzeitig wurden die Rüstungsausgaben seit dem Jahr 2000 von 20 auf zeitweise 70 Milliarden Dollar im Jahr 2016 mehr als verdreifacht.

Soldaten und Panzer
Auch schweres Gerät fährt mit. Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

Waffen kommen in letzter Zeit bei vielen einfachen Russen gut an. Schon die Annexion der Krim, ermöglicht durch gut ausgerüstete und präzise agierende Soldaten, ließ das Vertrauen in das eigene Militär wachsen. Und auch der Syrien-Feldzug diente als Kulisse. Immer wieder ließ das Verteidigungsministerium Journalisten nach Syrien fliegen, zeige Aufnahmen von startenden Marschflugkörpern und Bombardements von Terroristenhochburgen. Bilder, die den russischen Zuschauern nur von amerikanischen Militäreinsätzen in Afghanistan oder dem Irak bekannt waren. Die staatlichen Sender ihrerseits erinnern in den Abendnachrichten hin und wieder daran, dass Russland in der Lage sei, den USA auch bei einem nuklearen Konflikt die Stirn zu bieten.

Militär beliebter als Putin

Offenbar reichten diese Erfolge, ob echt oder nur auf dem Bildschirm russischer Staatssender existierend, aus, um das Ansehen der Armee zu steigern. Als das unabhängige Levada-Institut die Russen befragte, welcher Institution sie mehr vertrauen, nannten 2017 erstmals mehr Russen die Armee mit 66 Prozent häufiger als den Präsidenten, der nur auf 59 Prozent kam. Die Militärs hätten die einzigen Erfolge vor dem Hintergrund einer ganzen Kette von Fehltritten der Machthaber vorzuweisen, kommentierte die Soziologin Ella Panejach in der Zeitung Vedomosti.

Generäle
Der Propaganda-Zug startet in Moskau. Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

Widerstand gegen Aktion

Ob die aktuelle Trophäen-Tour dem Image weiter zuträglich sein wird, bleibt jedoch zweifelhaft. So meldeten Bildungseinrichtungen und Universitäten in Rostow und Krasnodar, dass sie ihre Schüler und Studenten zu den Haltepunkten des Syrien-Zuges geschickt hatten. Ebenfalls unter den Besuchern waren Armeeangehörige aus der jeweiligen Region. Das legt den Schluss nahe, dass die Besucherzahlen, die mancherorts offiziell bei über 10.000 lagen, ohne diese tatkräftige Unterstützung, niedriger ausgefallen wären.

Besucher betrachten Ausstellungsstücke
Zu sehen: erbeutete Trophäen aus dem Krieg in Syrien. Bildrechte: Ministerium für Verteidigung Russland

In manchen Städten stößt die Aktion sogar auf tatkräftigen Widerstand. "Dieser ganze Abfall soll von den Militärs ausschließlich auf den eigenen Flächen benutzt oder vernichtet werden", meint etwa Alexej Awanesjan, Anwalt aus Krasnodar, wo der Zug bereits Halt gemacht hat. Für ihn sei das alles Propaganda für den Militarismus. Besonders stört Awanesjan, dass Kinder unter 18 Jahren Waffen und Symbole von Terrororganisationen zu sehen bekommen.

Zusammen mit anderen Kollegen schrieb er einen Brief an die Staatsanwaltschaft in Krasnodar, die die Ausstellung überprüfen soll. Doch die Erfolgsaussichten dürften äußerst gering sein. Schließlich sei die Trophen-Schau, so teilt es das Verteidigungsministerium mit, von Wladimir Putin persönlich abgesegnet.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 25.08.2017 | 17:45 Uhr