Luftaufnahme: Fluss in Wald
In Sibiriens Wäldern stehen die Bäume nicht sehr dicht. Das ist eine Chance für den Klimaschutz, wenn man dort aufforsten würde. Bäume sind natürliche CO2-Speicher. Bildrechte: IMAGO

Russland Russland könnte das Klima retten

Putins Russland soll das Weltklima retten? Darauf würde man nicht sofort kommen. Immerhin ist das Land zwischen Europa und Asien einer der weltgrößten Lieferanten von Gas und Öl. Doch Klimaforscher sehen in Russlands Wäldern ein enormes Klimaschutzpotential.

Luftaufnahme: Fluss in Wald
In Sibiriens Wäldern stehen die Bäume nicht sehr dicht. Das ist eine Chance für den Klimaschutz, wenn man dort aufforsten würde. Bäume sind natürliche CO2-Speicher. Bildrechte: IMAGO

Ein kleines weißes Holzhaus mit blauem Sockel steht schief an einer Uferkante - wie abgeworfen an einer falschen Stelle. Auf einer Insel in einem Fluss weitere Holzhäuschen, willkürlich nebeneinander gewürfelt. Eine gewaltige Flut hat sie weggespült und irgendwo wieder liegen gelassen. Ende Juni hatte es in Sibirien in der Region Irkutsk tagelang geregnet. Mehrere Flüsse waren über die Ufer getreten, ein Damm war gebrochen. Mehr als hundert Ortschaften standen unter Wasser, mehr als zehntausend Häuser. Erst im Frühjahr hatten sie hier wochenlang gegen Waldbrände gekämpft. Für den russischen Umweltschützer Aleksandr Kolotow könnten die Fluten durchaus ein Indiz für den Klimawandel sein. Und die Staudämme und Flussanlagen Sibiriens seien auf diesen Klimawandel nicht vorbereitet, warnt er in der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gazeta".

Sibiriens Wälder - eine Chance für das Weltklima

Putin reitet, halbnackt
Für das Publikum gibt Putin sich gern naturverbunden, so wie hier in Sibirien 2009. Tatsächlich geht im Kreml Rohstoffhandel oft vor Umweltschutz. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Dabei hätte Sibirien enormes Potential, wenn es darum geht, den Klimawandel und die Erderwärmung abzuwenden. Russland könnte das Weltklima retten. So sehen das zumindest Forscher von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Im Fachmagazin "Science" zeigen sie mit Hilfe von Satellitenaufnahmen und Modellrechnungen, dass Aufforstung der effektivste Klimaschutz wäre. Das 1,5-Grad-Ziel, das der Weltklimarat ausgegeben hat, um die Erderwärmung zu stoppen, sei noch zu schaffen, so die Forscher. Durch das Anpflanzen von Bäumen. Vor allem Russland mit seinen riesigen Waldflächen in Sibirien habe noch Platz dafür. Dort liege die Baumdichte bisher nur bei 30 bis 40 Prozent, argumentieren die Forscher. Die tropischen Wälder, bisher die wichtigsten Speicher des Treibhausgases CO2 auf dem Planeten, hätten eine Baumdichte von 90 bis 100 Prozent. Doch ausgerechnet diese Tropenwälder würden massenhaft gerodet und gingen so verloren. Auch Russland nutzt seine sibirischen Wälder zunehmend, um Holz zu gewinnen. Allein 2018 wurden nach offiziellen Angaben rund 238 Millionen Kubikmeter Nutzholz gewonnen. 2010 waren es noch knapp 174 Kubikmeter.

Rohstoffrubel versus Klimaschutz

Nordstream 2, Bauarbeiten
Bauarbeiten an "Nord Stream 2" im Leningrader Gebiet, Russland. Das umstrittene Pipeline-Projekt bringt Erdgas aus Russland nach Deutschland. Die erste "Nord Stream"-Pipeline wurde bereits 2011 eröffnet. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Grundsätzlich werden Umweltschutz und Klimawandel von der russischen Bevölkerung und Politik nicht ernst genommen oder sogar verächtlich gemacht. Erst Anfang Juli wieder fragte Präsident Wladimir Putin als Redner bei einem Industriegipfel im Ural sein Publikum: "Wird es für die Leute wohl noch angenehm sein, auf einem Planeten zu leben, der mit Windrädern vollgestellt und von mehreren Schichten Solaranlagen bedeckt ist?" Bereits 2017 hatte er bei einem Arktisforum in Nordrussland erklärt, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei, und deshalb auch nicht gestoppt werden könne. Früher hatte der Kremlchef Klimawandel und Erderwärmung sogar begrüßt. Wenn das Eis in der Arktis schmelze, würden neue Rohstoffvorkommen zugänglich, ließen sich neue Ressourcen erschließen, so das Kalkül.

2018 kamen mehr als 46 Prozent des russischen Staatshaushalts aus dem Rohstoffhandel. Davon werden ein riesiger Militär-, Sicherheits- und Geheimdienstapparat bezahlt, ein Heer von Staatsdienern und eine Media-Holding, die vor allem des Kremls Weltsicht unter das Volk bringt. Das Stimmungsklima im eigenen Lande hat der Kreml fest im Blick. Das Weltklima spielt da nur eine untergeordnete Rolle.

(mare)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 05. Juli 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 14:10 Uhr