Angelina Khachaturian
Angelina Chatschaturjan, Opfer oder Täter? Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Häusliche Gewalt in Russland Gepeinigt und verhaftet - Schwestern töten ihren Vater

Drei Schwestern aus Moskau wurden von ihrem Vater jahrelang missbraucht, bis sie ihn mit einem Messer töteten. Der Fall sorgt für Empörung, weil den jungen Frauen nun jahrelange Haft droht.

von Maxim Kireev

Angelina Khachaturian
Angelina Chatschaturjan, Opfer oder Täter? Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Proteste in Berlin und Warschau, Solidaritätsaktionen von amerikanischen Rockstars und Unterstützung von Sankt-Petersburger Graffiti-Künstlern - selten hat ein russischer Kriminalfall außerhalb der großen Politik so viel Aufsehen erregt, wie der Prozess gegen die drei Schwestern Chatschaturjan aus Moskau. "Notwehr ist kein Verbrechen", stand auf dem Plakat einer Demonstrantin bei einer kürzlichen Protestaktion vor der russischen Botschaft in Berlin. Serj Tankjan, Sänger der  international bekannten Gruppe "System of a Down", rief die russische Justiz zur Nachsicht auf. "Der Fall zeigt, wie Jahre der ungestraften Gewalt gegen Kinder und Frauen zu gewalttätigen, rachsüchtigen Angriffen führen", schrieb der Amerikaner auf Facebook.

Demonstration für die Freilassung dreier Schwestern vor der russischen Botschaft in Warschau
Der Fall bewegt über Grenzen hinweg: Junge Frauen vor der russischen Botschaft in Warschau fordern die Freilassung der drei Schwestern. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Jahrelange Folter zu Hause

Vor knapp einem Jahr wurden die drei Schwestern Maria, Angelina und Krestina wegen Mordes an ihrem Vater, Michail Chatschaturjan, von der Polizei verhaftet. Sein lebloser Körper war übersät mit mehr als 30 Messerstichen. Gleich nach ihrer Festnahme hatten die jungen Frauen die Tat gestanden. Zum Tatzeitpunkt waren sie 17, 18 und 19 Jahre alt. Ihr Motiv: Jahrelang hatte sie der zur Tatzeit 57-jährige Vater brutal misshandelt, geschlagen und immer wieder sexuell missbraucht. Der Ermordete soll zudem gute Verbindungen zur Moskauer Polizei gepflegt haben, weshalb die Schwestern nach eigener Aussage nicht auf Hilfe der Ordnungshüter hoffen konnten.

Mord nach Absprache

Fast ein Jahr lang haben die Ermittlungen gedauert. In der Zwischenzeit sickerten unzählige Details in die Presse. Etwa, dass die Schwestern sich nach der Tat Messerstiche zugefügt hatten, um akute Notwehr vorzutäuschen. Nicht zuletzt deswegen glaubten einige Verwandte des Ermordeten, die drei jungen Frauen hätten sich die Missbrauchsfälle ausgedacht, um an das Erbe zu kommen. Andererseits stellte sich heraus, dass der Ermordete vor einigen Jahren erst seinen Sohn und dann seine Frau aus seiner Wohnung verjagte und ihnen verboten hatte, mit seinen Töchtern Kontakt zu halten. Zu ihrer Verteidigung legten die Schwestern aufgezeichnete Schimpftiraden ihres Vaters vor. Außerdem wurde bei einer Überprüfung die DNA von mindestens einer der Schwestern im Bett des getöteten Familienvaters gefunden. Das Erbe hatten die Schwestern ausgeschlagen.

Maria und Angelina Khachaturian bei einer Anhörung
Maria und Angelina Chatschaturjan bei einer Anhörung in einem Moskauer Gericht. Zum Tatzeitpunkt waren sie 17 und 18 Jahre alt. Bildrechte: dpa

Trotz Missbrauch geht Polizei von Mord aus

Dennoch gehen die Ermittlungsbehörden von einem vorsätzlichen Mord nach vorheriger Absprache aus, während die Verteidigung von einer spontanen Tötung in Notwehr spricht. Nach russischen Gesetzen drohen den Schwestern nun zwischen acht und zwanzig Jahren hinter Gittern. Ein Umstand, der in Russland nicht nur Frauenrechtler erzürnt. Seit die letzte Fassung der Anklage vor wenigen Wochen publik worden war, fanden in verschiedenen Städten des Landes Mahnwachen und kleinere Demos statt. Im Internet unterschrieben mehr als 200.000 eine Petition mit der Forderung, die Schwestern freizulassen. "Eine riesige Zahl von Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, schauen derzeit auf den Fall", meint etwa die Frauenrechtlerin Aljona Popowa. "Wenn man sie jetzt einsperrt, werden die Opfer zu dem Schluss kommen, dass das Gesetz auf der Seite der Gewalttäter ist".

Häusliche Gewalt nur Ordnungswidrigkeit

Tatsächlich mahnen Aktivisten und Menschenrechtler schon seit Langem, dass Frauen kaum Möglichkeiten haben, sich vor häuslicher Gewalt zu schützen. Vor gut zwei Jahren wurde Gewalt gegen Familienmitglieder per Gesetzesreform von einer Straftat zu einer Ordnungswidrigkeit abgemildert, die mit einer Geldstrafe geahndet wird. Erst im wiederholten Fall droht dem Täter Freiheitsentzug. Dennoch muss das Opfer selbst aktiv werden und Beweise sammeln, was nach Ansicht zahlreicher Experten viele Betroffene von einer Anzeige abschreckt.

Ein Fall von vielen

Jene, die sich wie die Chatschaturjan-Schwestern offenbar gegen ihre Peiniger zu Wehr setzen, riskieren dagegen selbst zur Zielscheibe der Justiz zu werden. So startete Ende Juni die 19-jährige Darja Agenij eine Internetkampagne mit dem Hashtag #саманевиновата, zu Deutsch so viel wie "selbst nicht schuld". Sie hatte sich, nach eigenen Worten, gegen einen Angreifer gewehrt und ihn mit einem Messer verletzt. Nun drohen ihr ebenfalls bis zu neun Jahren im Gefängnis, sollte sie schuldig gesprochen werden. Im südrussischen Gelendschik steht derzeit die 27-jährige Kristina Schidukowa vor Gericht, die ihren Ehemann, der sie geschlagen hat, mit einem Messer tödlich verletzte.

Einziger Ausweg aus Gewalt Mord?

Der Anwalt der Chatschaturjan-Schwestern, Alexej Parschin, schätzt den Fall seiner Mandantinnen als typisch ein. In einem Interview mit dem russisch-sprachigen Nachrichtenportal "Meduza" erklärte er, dass bis zu 80 Prozent der Frauen in den Gefängnissen wegen Mord oder Körperverletzung an ihren Ehemännern einsitzen. Einer Analyse der angesehenen Moskauer Zeitung "Nowaja Gazeta" zufolge stehen bis zu 80 Prozent der Urteile in Mordprozessen gegen Frauen in Verbindung mit vorheriger häuslicher Gewalt.

Angelina Khachaturian wird in den Gerichtsaal geführt
Angelina Chatschaturjan steht unter Hausarrest. Ihre Schwestern darf sie zurzeit nicht sehen. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Derweil warten die Chatschaturjan-Schwestern auf den Prozessauftakt. Sie befinden sich zwar auf freiem Fuß, müssen jedoch getrennt voneinander leben und dürfen keinen Kontakt zueinander haben.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: BRISANT | 20. November 2018 | 17:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juli 2019, 05:00 Uhr