Schüler vor PC
Der Computerraum an Max' Schule in Tscherkassy. Bildrechte: MDR/Maximilian Hertel

Max aus Weimar im Auslands-Schuljahr (2/4) Ukraine führt "digitales Klassenbuch" ein

Seit September 2018 geht Max nun in Tscherkassy in der Ukraine zur Schule. In Sachen Digitalisierung läuft da einiges besser als in Deutschland. Doch der Fortschritt hat auch Nachteile: eine Schul-App für Eltern zum Beispiel.

von Maximilian Hertel

Schüler vor PC
Der Computerraum an Max' Schule in Tscherkassy. Bildrechte: MDR/Maximilian Hertel

Zwei Monate sind nun schon seit meinem letzten Bericht vergangen. Ich habe mich an die Schlaglöcher auf den Straßen und die Stolperfallen auf den Gehwegen gewöhnt. Irgendwann nimmt man sie einfach nicht mehr wahr. Aber es gibt auch einige Vorzüge.

Wieviel Datenvolumen haben Sie in Deutschland? Ich habe in der Ukraine im Monat 20 Gigabyte für umgerechnet etwa drei Euro und durchgehend eine funktionierende und schnelle Internetverbindung. In Deutschland ging ich in eine "iPad-Klasse", d.h. wir nutzen in den meisten Unterrichtsfächern das "iPad" zur Optimierung des Lernstoffes. In Weimar gibt es solche "iPad-Klassen" nur an zwei Gymnasien. Ich war nun sehr gespannt, wie digital die Schulen in der Ukraine sind.

Computerraum, 3D-Modelle und QR-Codes

Schulhefte und Tablet
Das A5-Heft ist trotz Tablet Computer immer noch das wichtigste "Arbeitsgerät" in der ukrainischen Schule. Bildrechte: MDR/Maximilian Hertel

Einerseits habe ich für jedes Fach mindestens zwei A5 Hefte – eins für den Unterricht, eins für die Tests, die man gefühlt in jeder Stunde schreibt. Anderseits habe ich total spannenden Informatik-Unterricht in einem sehr gut ausgerüsteten Computerraum. Wir erstellen 3D-Modelle und QR-Codes. Und ab dem zweiten Halbjahr haben wir einen eigenen Youtube-Kanal. In allen Klassenzimmern sind recht moderne Fernseher und sie werden von den Lehrern sehr viel für Videos genutzt. In der Mensa, die eigentlich nicht besonders beeindruckend ist, werden die Schüler durch freundliche Plakate aufgefordert, mit der Juniorcard einer der führenden Banken zu zahlen.

Hilfe! Überwachungs-App

Vor kurzem wurde dann aber mein persönlicher Schüler-Albtraum wahr. Es gibt hier eine Schul-App, "Oshkola" heißt sie. Sie informiert meine Mutter, und natürlich alle anderen Eltern auch, über alles: Anwesenheit, Noten, Hausaufgaben, Tests, Veranstaltungen, Stundenplan. Man kann einfach gar nichts mehr vor seinen Eltern verheimlichen. Am ersten Tag, als die App funktionierte, kam ich nach Hause, schmiss den Ranzen in die Ecke und setzte mich vor die Spielekonsole. Meine Mutter fragte mich hinterhältig: "Hast du Hausaufgaben auf?" Ich: "Nein." "Doch!!!", sagte sie - und hielt mir ihr Handy vors Gesicht. Seitdem lebe ich mit dem Gefühl der ständigen Überwachung. Meine Mutter ist da natürlich etwas anderer Meinung…

Und so sieht Max Mutter Ulrike die Schul-App

Frau auf Sofa mit Tablet
Maximilian Hertels Mutter Ulrike überprüft seine Leistungen auf der Schul-App. Bildrechte: MDR/Maximilian Hertel

...Beim ersten Elternabend präsentierte die Direktorin uns Eltern die Information, dass demnächst das digitale Klassenbuch eingeführt wird einschließlich digitaler Kontrolle am Schuleingang. Das Thema schien bekannt zu sein, da es keine Entrüstungsrufe seitens der Elternschaft gab. Ein paar Wochen später kamen dann der Link zur Installation und die Zugangsdaten. Ja, und nun kenne ich den aktuellen Stundenplan, die Noten – und davon gibt es viele, oft werden Mitarbeitsnoten im Unterricht gegeben. Und – sobald der Fachlehrer im Klassenbuch vermerkt, dass der Schüler fehlt, bekomme ich eine SMS mit einem roten N – für "Nicht anwesend." Die ganz automatische Eingangskontrolle funktioniert noch nicht. Sie wird dann demnächst automatisch eine SMS verschicken – Schule betreten/Schule verlassen.

Noten sofort und aufs Handy

Vorige Woche habe ich mich mit der Direktorin unterhalten und erfahren, dass Tscherkassy, die Stadt in der wir nun leben, eine der beiden ausgewählten Städte der Ukraine für das Projekt "Digitales Klassenbuch" ist. Alle Schulen der Stadt haben in den letzten Wochen die Tablets dafür bekommen und stellen auf das Informationssystem "Oshkola" um. Für mich ist die App von Vorteil, ich vergesse Termine nicht und kann den Stand der Hausaufgabenerledigung nachfragen. Ich kenne die Noten sofort – in unserer deutschen Schule erfuhr ich sie eigentlich nur zu Elternsprechtagen oder erst kurz vor den Zeugnissen, wenn ich nicht explizit danach fragte.

Datenschutz? – Problematisch!

Etwas fragwürdig finde ich einige statistische Funktionen, die ich abrufen kann – von der Durchschnittsnote meines Kindes bis zum Ranking meines Kindes innerhalb der Klasse. Und gänzlich unverständlich ist für mich, warum die Kinder gar nicht eingebunden sind. Ich kenne jetzt mitunter ein Testergebnis eher als Max, wenn der Lehrer zum Beispiel am Ende der Stunde eine Note einträgt, aber nicht in der Klasse verkündet. Unter den Schülern werden dazu schon Witze verbreitet: Der Schüler kommt nach Hause, der Vater ruft ihn, hält wortlos das Handy mit geöffneter Schul-App hoch und brüllt "Ab sofort Handyverbot!" In der härteren Version dieser "schönen neuen Welt" gibt es gleich eine Ohrfeige.

Maximilian Hertel wurde am 8. August 2003 in Weimar geboren und besuchte bis zum Sommer die achte Klasse am Gymnasium. Seine Mutter ist Dolmetscherin für Russisch und Polnisch und gab zuletzt Deutschkurse für Flüchtlinge. Sein Vater stammt aus Priluki in der Zentralukraine. Maximilians Halbbruder Alexander Hertel ist redaktioneller Mitarbeiter und Reporter für MDR "Heute im Osten" und hat diesen Text redaktionell betreut.

Über dieses Thema berichtete MDR auch im TV: Die gefährlichsten Schulwege der Welt | 12.02.2017 | 09:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2018, 17:13 Uhr